Inglourious Basterds

Quentin Tarantino schreibt die Geschichte des Zweiten Weltkriegs um: In „Inglourious Basterds“ schickt er eine Gruppe jüdischer US-Elite-Soldaten auf die Jagd nach Nazi-Skalps und erzählt darüber hinaus einmal mehr eine Rachegeschichte aus weiblicher Sicht, bei der eine junge Jüdin plant, die in ihrem Kino versammelte Nazi-Elite auszulöschen. Mit vielen Filmzitaten, aber längst nicht so splatterblutig wie erwartet, spielt der in Deutschland gedrehte und mit zahlreichen einheimischen Darstellern besetzte Film zunächst einige etwas zu lang geratene Dialogsequenzen aus. Dann aber mündet er in einen tollkühnen wie explosiven Showdown, der die Macht des Kinos feiert. Herausragend ist Christoph Waltz in der Rolle als eleganter, sadistischer und sprachgewandter SS-Oberst Landa, für die er dieses Jahr in Cannes den Darstellerpreis erhielt.

Webseite: www.inglourious-basterds.de

Deutschland/USA 2009
Regie: Quentin Tarantino
Buch: Quentin Tarantino
Darsteller: Brad Pitt, Christoph Waltz, Diane Kruger, Mélanie Laurent, Daniel Brühl, Til Schweiger, August Diehl
Kamera: Robert Richardson
Schnitt: Sally Menke
??? Minuten, Farbe
Verleih: UIP
Kinostart: 20. August 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

All das, was vorab von „Inglourious Basterds“ zu sehen oder zu hören war, führte letztlich doch ein wenig in die Irre und schürte vielleicht auch falsche Erwartungen. Man konnte sich schließlich schon eine große Schlachtplatte und Splatterorgie ausmalen bei dem Gedanken an eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Nazi-Jäger, den Basterds, die Nazi-Skalps im von Deutschland besetzten Frankreich schälen. Aber Tarantino hält sich hier doch mit Gewaltexzessen spürbar zurück, während er diesmal dem Kriegsfilm seinen postmodernen und dialogintensiven Stempel aufdrückt und nach „Kill Bill“ abermals eine weibliche Rachefantasie erzählt.

Dabei läuft die Geschichte im Kino der jungen Jüdin Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) zusammen, die einst die Hinrichtung ihrer Familie durch den Nazi-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) miterleben musste. Damals konnte sie in letzter Sekunde entkommen und nach Paris fliehen, wo sie eine neue Identität annahm – und das Kino betreibt, in dem das Schicksal des Führers und der Nazi-Elite bei der Vorführung eines Propagandafilms besiegelt werden soll.

Inspiriert von Enzo Castellaris „Ingloriuous Bastards” von 1978 hat Tarantino seinen Film in Sachsen und den Babelsberger Studios in Potsdam gedreht. Auch die Darsteller von Daniel Brühl über August Diehl bis hin zu Til Schweiger, die neben dem grimassierenden Ober-Basterd Brad Pitt in Erscheinung treten, sind zu großen Teilen deutschsprachig. Zusammen mit den französischen und amerikanischen Darstellern seines überwiegend starken Ensembles arrangiert Tarantino seinen Kriegsfilm mit einer Vielsprachigkeit, die sich vor allem auch im grandiosen Christoph Waltz widerspiegelt, der als überhöflich sadistischer, multisprachlich begabter SS-Offizier Landa hochverdient in Cannes eine Auszeichnung als bester Darsteller bekam.

Am überwiegend hervorragenden Ensemble liegt es dementsprechend nicht, dass sich der in Cannes mit viel Getöse und Spannung erwartete Tritt in Nazi-Hintern in der ersten Hälfte zur durchwachsenen Angelegenheit entwickelte. Der filmbesessene Regisseur lässt sich einfach Zeit und spielt die wenigen Szenen seines in Kapitel eingeteilten Films mit langen, langen Dialogen sehr lang aus. Allerdings sind die verbalen Schlagabtausche dabei längst nicht so geschliffen, dass man sie gleich auswendig lernen möchte wie einst das Philosophieren über Burger und Fußmassagen in „Pulp Fiction“. Darüber hinaus bleiben auch die typischen Coolness-Momente rar, während sich die Gewalt zwischendurch gern sehr lakonisch in Sekundenschnelle entlädt.

Dann aber kommt doch noch Bewegung in die etwas träge geratene Angelegenheit. Dann, wenn „Inglourious Basterds“ – eingeläutet mit David Bowies kongenialem Song „Cat People“ – zum Showdown abhebt, die mächtigsten Nazis auf der Premiere eines Propagandafilms ausgelöscht werden und der Führer im Tohuwabohu regelrecht mit Blei durchsiebt wird. „Die Kraft des Kinos stürzt das Dritte Reich“, sagte Tarantino gewohnt euphorisiert im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes. Und erst dann wird diese verwegene Mischung aus kühner Geschichtsumschreibung, cinephil zitierfreudiger Kriegsfilmaction und jüdischem Rachedrama so verrückt, einfallsreich und brutal, wie man es eigentlich schon zuvor erwartet hätte.

Sascha Rettig

Auf die Frage, wie er es denn so mit der historischen Wahrheit halte, antwortete Quentin Tarantino auf der Pressekonferenz in Cannes, dass ihm das Ende des 2. Weltkriegs nie so recht gefallen haben. Zu langwierig, zu unspektakulär, das hätte er immer schon mal ändern wollen und das Kino gäbe ihm die Möglichkeit dazu.

So flapsig die Antwort auch gewesen sein mag, zeigt sie doch recht genau, was Tarantino unter Kino versteht. Ihm geht es weder um historische Korrektheit noch um politische Genauigkeit. Er reduziert den Konflikt auf die Guten und die Bösen und führt die Entscheidung in einer räumlich und personell begrenzten Szene herbei und bietet dabei hundert Prozent Kino.

Dass er dies wiederum sehr ernst nimmt, zeigt dass er mit einem brillianten Drehbuch nach Berlin kam. Er engagierte eine ganze Riege von deutschen Schauspielern, aber nach dem einen, der den Widerpart von Brad Pitt spielen sollte, musste er lange suchen. „Hätte ich Christoph Waltz nicht gefunden, hätte ich den Film nicht gemacht!“ sagte er in Cannes. Kein typisches Pressekompliment, wird jeder erkennen, wenn er den Film sieht. Auch für die Jury in Cannes führte bei der Palmenvergabe kein Weg an dem Österreicher, der leider viel zu selten auf der Kinoleinwand zu sehen ist, vorbei.

Waltz spielt den Nazi-Oberst Hans Landa, der sich durch eine gute Kinderstube und ausgewiesene Intelligenz auszeichnet und als wahres Sprachengenie entpuppt – eine Waffe, die sich hier mehrfach als schlagkräftiger erweist als so manches Gewehr, weshalb man unbedingt die Originalfassung sehen sollte. Doch all seine Fähigkeiten stellt er in den Dienst der Nazis und macht europaweit die letzten versprengten Juden aus, um sie ihrem Schicksal zuzuführen. Eine ganz besonders eklige Art Mensch, dem der hemdsärmelige amerikanische Offizier Aldo Raine (Brad Pitt) gegenübersteht, der eine Elitetruppe aus jüdischen Soldaten anführt, die gezielte Vergeltungsschläge gegen Nazis und Kollaborateure durchführt. Raine hat sich als Nazi-Skalpjäger schon einen Namen gemacht und holt nun zu einem finalen Endschlag aus. Er hat alles organisiert, um sich und seine Truppe in ein Pariser Kino einzuschleusen, in dem die Premiere eines deutschen Kriegsfilms in Anwesenheit von Adolf Hitler stattfinden soll. Doch so ausgeklügelt sein Plan auch sein mag, Landa hat ihn längst durchschaut, und so gehört auch eine gehörige Portion Glück dazu, um dieses Attentat auszuführen.

Am Ende gehen all die alten Nitrokopien des Kinos in Flammen auf, was einen spitzfindigen Journalisten auf die Frage brachte, ob Tarantino sich selbst im wirklichen Leben auch dafür entschieden hätte, all die wertvollen Filmkopien zu opfern, um die Welt von den Nazis zu befreien. „Schwierige Frage“ räumte dieser ein, überlegte kurz und antwortete schlagfertig: „Try to see it my way: Cinema burns down the Third Reich.“

Kalle Somnitz

Tarantino ist ein Sonderfall. Er schafft großartige Szenen, jedoch thematisch auch billiges Zeug. Dieser Film beispielsweise kommt vom Thema her 20 Jahre zu spät. Allerdings, so sagt er selber, habe er den Stoff zehn Jahre mit sich herumgetragen.

Frankreich. Zweiter Weltkrieg. Der SS-Offizier Landa löscht die jüdische Familie Dreyfus aus, die sich versteckt gehalten hatte. Eines der Kinder, Shosanna, entkommt. Sie wird später als Inhaberin eines Kinos eine wichtige Rolle spielen.

Ein anderes Kapitel: Der amerikanische Leutnant Raine stellt aus jungen Juden einen Rachetrupp zusammen. Die Männer sollen Nazis (und Kollaborateure) haufenweise erschießen und skalpieren. Hunderte. Die Gruppe wird als „Die Bastards“ bekannt.

Nächstes Kapitel: Um den deutschen Filmstar Bridget von Hammersmark, die in Wirklichkeit für die Alliierten arbeitet, versammelt sich eine Schar von Spionen und Widerständlern. Sie wollen bald losschlagen, werden dann aber von Landa und dem Supernazi Major Hellström entdeckt. Gemetzel.

Weiter: Um den „Kriegshelden“ Frederick Zoller, der als Scharfschütze über 360 „Feinde“ tötete, wurde ein Film gedreht. Er soll in Shosannas Kino uraufgeführt werden. Die Nazi-Führung ist eingeladen: Hitler, Goebbels, Bormann und andere. Für Shosanna – wie auch die übrigen gegen die Deutschen Kämpfenden – eine gute Gelegenheit, sich zu rächen, die Bude in die Luft zu jagen und damit dem Nazi-Spuk ein Ende zu bereiten. Es funktioniert.

Landa ist einer der wenigen, die übrig blieben. Er will nun durch die Vermittlung von Raine mit den Alliierten über ein Ende des Krieges verhandeln und für sich gute Bedingungen erreichen. Geht schief.

Das Ganze ist ein Nazi-Kasperltheater, aber mit einzelnen tollen Szenen, schneidenden Dialogen, zynisch-grausamem Geschehen im „Es war einmal“-Stil, einem gekonnten Zusammenspiel der Akteure, aber einer sehr disparaten Dramaturgie. Zweieinhalb Stunden „Kino“.

Die Versammlung der Darsteller ist beeindruckend: Brad Pitt als Raine, Christoph Waltz als Landa (sehr gut), Diane Kruger als Bridget von Hammersmark, Melanie Laurent als Shosanna Dreyfus, Daniel Brühl als Frederick Zoller (sehr gut), August Diehl als Hellström (sehr gut), Sylvester Groth als Goebbels, Martin Wuttke als Hitler und viele andere. Dass Tarantino ein derart internationales Team zusammenstellte, ehrt ihn

Der Film eines genialen Spinners.

Thomas Engel