Inland Empire

Mit etwas Verspätung hat auch Regisseur David Lynch jetzt Digitalvideo entdeckt und mit einer herausragenden Laura Dern, mit Jeremy Irons und Harry Dean Stanton über mehrere Jahre experimentiert. Herausgekommen ist „INLAND EMPIRE“, ein intensiv alptraumhaftes und aufregend kompromissloses Lynch-Konzentrat  und mehr ein fast dreistündiger Zustand als ein Film, der die bekannten Motive des Regisseurs variiert und doch ganz anders ist. Ein Film im Film. Ein Geheimnis im Geheimnis. Ein Traum im Traum. Zwischen Polen und dem Hollywood Walk of Fame. „INLAND EMPIRE“ ist radikaler als alles, was der 60-jährige Lynch seit seinem Debüt „Eraserhead“ gedreht hat. 

Webseite: www.concorde-film.de

USA, Polen, Frankreich 2006
Regie und Drehbuch: David Lynch
Darsteller: Laura Dern (Nikki/Sue), Justin Theroux (Devon/Billy), Jeremy Irons (Kingsley), Harry Dean Stanton (Freddie), Grace Zabriskie (Nachbarin)
Kamera: David Lynch, Odd-Geir Saether
Schnitt: David Lynch
179 Minuten, Farbe
Verleih: Concorde
Start: noch nicht bekannt

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit etwas Verspätung hat auch Regisseur David Lynch jetzt Digitalvideo entdeckt und mit einer herausragenden Laura Dern, mit Jeremy Irons und Harry Dean Stanton über mehrere Jahre experimentiert. Herausgekommen ist „INLAND EMPIRE“, ein intensiv alptraumhaftes und aufregend kompromissloses Lynch-Konzentrat  und mehr ein fast dreistündiger Zustand als ein Film, der die bekannten Motive des Regisseurs variiert und doch ganz anders ist. Ein Film im Film. Ein Geheimnis im Geheimnis. Ein Traum im Traum. Zwischen Polen und dem Hollywood Walk of Fame. „INLAND EMPIRE“ ist radikaler als alles, was der 60-jährige Lynch seit seinem Debüt „Eraserhead“ gedreht hat. 

Es soll um ein Geheimnis gehen. Um ein Geheimnis in einem Geheimnis in Welten innerhalb anderer Welten. Und um eine Frau, die verliebt ist und in Schwierigkeiten steckt. Die Inhaltsangabe, mit der Regisseur David Lynch sein neues Werk „INLAND EMPIRE“ zusammenfasst, verrät natürlich so gut wie nichts und doch – wenn man den Film gesehen hat – im Grunde doch schon fast alles. Bekannt sind vor allem die Motive, die er hier aufgreift und die in seinen Filmen seit seinem Debüt „Eraserhead“ immer wieder variiert werden: Die Angstzustände und die Bedrohung, die von innen heraus und aus dem Unterbewussten kommen. Eine Geschichte, die sich der Logik des Erzählkinos verschließt und die die irritierende Struktur eines (Alp-)Traumes annimmt. Die Persönlichkeitsspaltungen und Doppelgänger. Das permanente Inszenieren einer Atmosphäre des Unheimlichen, in der nicht immer etwas passieren muss, aber immer etwas passieren kann. Mit „INLAND EMPIRE“ treibt Lynch das alles aber unnachgiebig auf die Spitze.

„INLAND EMPIRE“, sein erster abendfüllender Spielfilm seit „Mulholland Drive“ 2001, sieht anders aus, als Lynchs bisher gedrehte, visuell atemberaubende Alpträume. Ein Bisschen ausgewaschen und körnig wirken die Bilder, die der Regisseur erstmals auf Digitalvideo eingefangen hat. Die Technik bot ihm allerdings alle Freiheiten, die die aufwändige Arbeit mit herkömmlichem Filmmaterial nicht zugelassen hätte. Über mehrere Jahre konnte er so mit seinen Darstellern experimentieren, improvisieren und ohne existierendes Drehbuch Szene um Szene entwickeln. Jeremy Irons ist dabei neu in Lynch-Ville, Justin Theroux, Harry Dean Stanton und vor allem seine brillierende Hauptdarstellerin Laura Dern, die zuletzt Lynchs Lula in „Wild at Heart“ war, sind alle Wiederholungstäter und vertraute Größen im Unvertrauten des Regisseurs.

Sie alle spielen Figuren, die anfangs noch in ein Filmprojekt involviert sind, auf dem angeblich ein Fluch liegt. Soweit kann man der Sache folgen, doch dann verschwindet die Schauspielerin Nikki (Dern) in den Kulissen des Filmsets – und von da an ist nicht mehr auszumachen, was hier wirklich passiert. Ob Film im Film oder Traum im Film– immer neue Räume stößt Lynch auf, eröffnet immer wieder neue Ebenen und wechselt ständig Derns Persönlichkeiten, so dass die Schauspielerin – wie sie kürzlich in Venedig sagte – oft gar nicht wusste, wen sie überhaupt verkörperte. Dann wiederum schneidet er Szenen aus der für davidlynch.com entstandenen Anti-Sitcom „Rabbits“ um ein paar Menschen mit Hasenköpfen dazwischen und fährt mit der Kamera wiederholt durch lange dunkle Flure und Gänge.

Ist Dern in einer Einstellung noch in Hollywood, findet sie sich in der nächsten auf dem polnischen Straßenstrich wieder und landet zum Schluss auf dem Walk of Fame, der selten so finster zu sehen war wie hier. In fast drei Stunden schert sich Lynch dabei um keinerlei Konventionen, um Zeit, Raum und Realität. Er macht Angst und lässt sein Publikum nach dem impulsiven Abspann zu Nina Simones „Sinnerman“ verschreckt und verrätselt zurück. Bleibt zu hoffen, dass er dieses monströse Werk nach der sehr gespaltenen Kritik und der ausgelösten Irritation nach der Premiere in Venedig nicht kürzt oder verändert. „INLAND EMPIRE“ ist mehr ein Zustand als ein Film und der radikalste Lynch seit „Eraserhead“.

Sascha Rettig