Inside Llewyn Davis

Die chronisch coolen Coens können es noch immer. Auch bei ihrem mittlerweile sechzehnten Streich gelingt ihnen ein cleverer Coup ganz großartiger Originalität. Diesmal erzählen die mit allen Genre-Wassern gewaschenen Regie-Brüder vom jungen Folk-Musiker Llewyn Davis, der anno 1961 verzweifelt den Durchbruch versucht. Wie gewohnt, kommt auch diese Story vom idealistischen Verlierer atmosphärisch dicht daher, brilliert mit lakonischer Situationskomik und bietet mit Oscar Isaac einen enormen starken Hauptdarsteller – der freilich fast von einer Katze an die Wand gespielt wird. In Cannes gab es dafür den Großen Preis der Jury und tosenden Beifall – der Festival-Applaus dürfte sich im Kinoalltag wiederholen.

Webseite: www.studiocanal.de

USA 2013
Regie: Ethan & Joel Coen
Darsteller: Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Garrett Hedlund, Justin Timberlake, F.Murray Abraham, Max Casella
Filmlänge: 92 Minuten
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 2. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:

„… amüsant, unterhaltsam und großartig besetzt.“
ARD Titel Thesen Temperamente

„…(die Coens) kreisen längst in ihrem eigenen Orbit der Meisterschaft.“
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

FILMKRITIK:

Der junge Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist ein ebenso ambitionierter wie erfolgloser Musiker, der anno 1961 in der aufkeimenden Folkszene von Greenwich Village sein Glück versucht. Die Coens immerhin glauben an ihn und lassen ihren Titelhelden gleich zum Auftakt ein komplettes Lied zum Besten geben. Ausgespielte Songs im Film sind in der Regel selten prickelnd und meist verkrampfte Pausenfülle. Im Kino-Universum der lässigen Regie-Brüder gelten freilich eigene Gesetze (markant holprige Titel inklusive), darum werden sie später, wie selbstverständlich, noch weitere Songs in voller Länge spielen lassen. Und diese musikalischen Einlagen, gleichsam kleine Entspannungspausen, funktionieren perfekt!

Wie üblich hat sich der notorisch finanzklamme Künstler wieder ein Bett für eine Nacht erbettelt, das Obdach bei einem hilfsbereiten, reichen Ehepaar endet mit einem kleinen Fiasko. Beim Verlassen der Wohnung entwischt auch die geliebte Katze der abwesenden Besitzer – fortan wird der Stubentiger dem Pechvogel einige Herausforderungen bescheren. Dass der freche Kater auf den Namen "Uylsses" hört ist Programm und Zitat zugleich – so tauften die Coens einst schon George Clooney als Sträfling in "O Brother, where Art thou?". Wie beim großen Vorbild James Joyce stolpert der hoffnungsvolle Protagonist auch hier durch die Fallstricke des Lebens. Beim befreundeten Musikerpaar Jim (Justin Timberlake) und Jane (Carey Mulligan) darf der mittellose Künstler die nächste Nacht auf der Couch verbringen. Dass Jane möglicherweise von ihm schwanger ist, sorgt für leicht gereizte Stimmung, "Du bist König Midas’ idiotischer Bruder" muss Llewyn sich sagen lassen. Dass sein verschlafener Manager wieder einmal nichts für ihn tut, lässt den Musiker verzweifeln. Und dann entkommt auch diese Katze schon wieder. Hoffnung gibt es mit einem möglichen Auftritt in Chicago. Seine Mitfahrgelegenheit erfordert freilich starke Nerven. Im Heck logiert ein wenig freundlicher, heroinsüchtiger Pascha, dem grandioser John Goodman den schnoddrigen Glanz verleiht. Am Steuer sitzt ein überaus schweigsamer Kettenraucher. Dessen Verhaftung durch einen rabiaten Sheriff ist kein großer Verlust. Doch mit dem Fahrer fehlen nun auch die Schlüssel und Llewyn sitzt mitten in frostiger Nacht auf einer einsamen Straße fest. Irgendwie schafft er seine Odyssee doch ans Ziel, doch dort muss er sich vom einflussreichen Musik-Mogul (F. Murray Abraham) anhören, dass seine Musik "nicht nach Geld riecht". Wieder nichts mit der erhofften Karriere, enttäuscht kehrt Llewyn zurück. Die Frustrationen des Künstlers steigen bedrohlich wie der Druck in einem Wasserkessel. Zum Glück taucht die rote Katze wieder auf.

Die Geschichte vom liebenswerten Unglücksraben Llewyn ist ein nachhaltiges Drama über einen Kreativen, der seine Seele nicht zu Markte tragen will. Trotz Tiefgang macht diese Story unglaublich viel Spaß. Das sichtlich spürbare Vergnügen der Coens ihren Figuren überträgt sich mit gewohnter Leichtigkeit auf die Zuschauer. Auf die üblichen dramaturgischen Bögen können diese beiden getrost verzichten. Das Kunststück gelingt, weil die Inszenierung atmosphärisch dicht daherkommt und die lakonische Situationskomik mit lässigen Dialoge präsentiert wird, auf die ein Woody Allen neidisch sein könnte. Oscar Isaac erweist sich als famos charismatischer Hauptdarsteller, Kater "Uylsses" hat allemal Kultpotenzial. Als Sahnehäubchen sorgt der perfekte Soundtrack von Urgestein T-Bone Burnett für beste Stimmung – der komponierte schon früher für die Coens und für Wenders und ging einst mit Bob Dylan auf Tour.

Arthouse-Kino vom Feinsten!

Dieter Oßwald