Jagdhunde

Die Uckermark im Nordosten Brandenburgs ist schroff und einsam – aber trotzdem faszinierend. Allein optisch ist das eine betörende Mischung, die immer häufiger den Weg ins junge deutsche Autorenkino findet. Auch Regiedebütantin  Ann-Kristin Reyels hat sich den kargen Landstrich ausgeguckt, um darin ein stimmungsvolles Drama über Familie, Liebe und verborgene Sehnsüchte zu erzählen. Im Rahmen der diesjährigen Berlinale wurde ihr Erstlingswerk in der Sektion Forum bereits mit dem Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI) ausgezeichnet.

Webseite: www.zauberlandfilm.de

Deutschland 2006
Regie: Ann-Kristin Reyels
Drehbuch: Marek Helsner, Ann-Kristin Reyels
Darsteller: Constantin von Jascheroff, Luise Berndt, Josef Hader, Marek Harloff
Verleih: Zauberland
Länge: 86 Min.
Kinostart: 20.09.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Für den 16-jährigen Lars (Constantin von Jascheroff) bietet die Uckermark, in der er seit einigen Wochen mit seinem Vater lebt, keinerlei Zukunftsperspektiven. Erst recht nicht in Sachen Liebe. Und so ist der Teenager froh, die Weihnachtsfeiertage bei der getürmten Mutter in Berlin verbringen zu dürfen. Doch so weit kommt es nicht. Noch am Bahnhof hält ihn die gehörlose Marie (Luise Berndt) davon ab, in den Zug in Richtung Großstadt zu steigen. Lars bleibt über die Feiertage zu Hause beim Vater, wo sich ihm plötzlich ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

In „Jagdhunde“, dem Spielfilmdebüt von Regisseurin und Co-Autorin Ann-Kristin Reyels, dominieren die Gefühle. Es geht um zarte Liebesbande, um persönliche Nähe und das hohe Gut der Familie. Die Uckermark spielt dabei mit ihren endlosen Weiten eine zentrale Rolle, um die emotionale Grundstimmung einzufangen. In dem verschneiten Landstrich im Nordosten Brandenburgs scheint alles festgefahren zu sein. Neue Bewohner wie Lars und dessen Vater Henrik, der hier ausgerechnet ein Hotel für Hochzeitsfeiern eröffnen will, werden von den Ortsansässigen kompromisslos ausgegrenzt. „In dieser Region wird nicht mehr geheiratet!“, lautet die brüske Zurückweisung der übrigen Anwohner.

Ansonsten wird nicht viel geredet, schon gar nicht miteinander. Und so bleiben viele Konflikte unausgesprochen. Zum Beispiel die heimliche Liebesaffäre von Henrik, gespielt von Josef Hader („Silentium“), mit Tante Jana oder das plötzliche Verschwinden der Mutter vor wenigen Monaten. Erst die taube Marie durchbricht die Stille und sorgt dafür, dass nicht nur bei Lars die inneren Konflikte endlich einmal ausgesprochen werden. Durch die wachsende Freundschaft der beiden Teenager weicht zudem die verbitterte Zurückweisung der anderen Bewohner langsam auf.

Bis zur endgültigen Versöhnung ist es allerdings ein langwieriger Prozess. Reyels kostet die emotionalen Veränderungen ihrer Figuren dabei minutiös aus. Auf jeden Schritt vorwärts folgt ein Schritt zurück. Als Maries Vater den neuen Nachbarn zur Begrüßung einen Hasen schenkt, erschießt er noch im selben Atemzug deren Hund. Hauptdarsteller Constantin von Jascheroff spielt in dieser schroffen Atmosphäre erneut den in sich gekehrten Beobachter, den er zuletzt in „Falscher Bekenner“ schon so wunderbar verkörperte. Durch die Bekanntschaft mit Marie bricht Lars’ Welt aus allen Fugen. Und das ist genau das, was er sich insgeheim wünscht. Er will, dass sich etwas bewegt, irgendwas. Zum Schluss wird dann sogar gemeinsam Weihnachten gefeiert, in einer Familienzusammenkunft der besonderen Art.

Reyels’ Debüt ist ein lakonisches Werk über Emotionen, das sich wunderbar in die Filme junger deutscher Regisseurinnen einreiht. So ging Valeska Grisebachs „Sehnsucht“ im vergangenen Jahr optisch wie inhaltlich bereits in eine ähnliche Richtung. Nur das Ende mitsamt seiner offenen Auflösung erscheint bei Reyels wesentlich abrupter. Dabei enthält es eine eindeutige Botschaft: Das Leben geht weiter. Bislang ist Lars immer vor seinen Problemen weggelaufen. Jetzt tritt er ihnen tapfer entgegen. Endlich!

Oliver Zimmermann

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Lars und sein Vater Henrik leben in der Uckermark. Sie sind zugezogen, sehr aufgeschlossen ist die örtliche Bevölkerung ihnen gegenüber nicht. Aber auch Lars und sein Vater sind in zu unterschiedlichen Lebensstadien, als dass sie einander viel zu sagen hätten.

Weihnachten steht vor der Tür. Brigitte, die Mutter von Lars, von Henrik getrennt, will, dass Lars das Fest mit ihr verbringt. Der macht sich auf den Weg, verpasst aber den Zug. Dafür trifft er auf Marie, die sprechbehinderte Tochter des Imbissbudenbesitzers Reschke. Eine Begegnung, die sich als glücklich erweisen wird.

Als Lars wegen des versäumten Zuges wieder nach Hause kommt, hat sich Brigittes Schwester Jana, also Lars’ Tante, bei Henrik einquartiert – obwohl dieser gesagt hatte, es tue ihm gut, ein paar Tage allein zu sein. Die Beziehung zwischen Jana und Henrik tritt schnell zutage.

Lars erlebt bei allem Unverständnis für das Verhalten der Erwachsenen, bei aller Einsamkeit, bei allen Spannungen zwischen ihm und seinem Vater eine zarte Liebesgeschichte mit Marie – mit der allerdings deren Vater nicht einverstanden ist.

Da taucht auch noch Brigitte bei Henrik und Jana auf. Sie hat sich längst ihren Begleiter Robert angelacht. Wie aber lassen sich all diese Charaktere, diese weit auseinander liegenden Verhaltensweisen und Interessen, diese so unterschiedlichen seelischen Befindlichkeiten beim geplanten gemeinsamen Weihnachtsessen miteinander verbinden?

Ein kleiner Film, in dem die individuelle Situation der Handelnden, die Einsamkeit, der Stillstand in der Lebensentwicklung, die Sprachlosigkeit, die Verlegenheit, die Auseinandersetzung, aber auch die Überwindung der Trennung, die Überbleibsel der Gemeinsamkeit, letzten Endes die Liebe in diskreter und gelungen gestalteter Weise zum Ausdruck gelangen. Ein Film, in dessen Aura man sich gerne hineinziehen lässt. Aber wie gesagt ein kleiner Film.

Gespielt wird ausgezeichnet, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass Darsteller wie Josef Hader (Henrik), Ulrike Krumbiegel (Brigitte) oder Constantin von Jascheroff (Lars) beteiligt sind. Noch eins: Das Weihnachtsessen ist ein inszenatorisches Kabinettstück ersten Ranges.

Thomas Engel