Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d’Arc

Das ebenso ungewöhnliche wie anspruchsvolle Musical „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ erzählt davon, wie aus einer jungen Schäferin die weltberühmte französische Freiheitskämpferin wird. Der belgische Regisseur Bruno Dumont orientiert sich an einem Theaterstück aus dem späten 19. Jahrhundert und verwandelt dieses in einen stürmischen, radikalen Mix aus Tanz, Schauspiel, Gesang und Musik.

Webseite: www.grandfilm.de/jeannette/

Frankreich 2017
Regie & Drehbuch: Bruno Dumont
Darsteller: Lise Leplat Prudhomme, Jeanne Voisin, Lucile Gauthier, Elise Charles
Länge: 105 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 25. Dezember 2019

FILMKRITIK:

Frankreich, 1425. Der Hundertjährige Krieg tobt auch im Norden Frankreichs. In dem kleinen Dorf Domremy kümmert sich die achtjährige Jeannette (Lise Leplat Prudhomme) um ihre Schafe – und ist in großer Sorge um die Situation und Lebensbedingungen in ihrer Heimat. Eines Tages erzählt sie ihrer Freundin Hauviette (Lucile Gauthier), dass sie das durch die britischen Invasoren verübte Elend innerhalb der Bevölkerung nicht ertragen kann. Die Nonne Madame Gervaise sucht das Gespräch mit Jeannette. Erfolglos: Das junge Mädchen fühlt sich dazu berufen und auserkoren, Frankreich alleine zu befreien. Gott persönlich habe sie beauftragt, die Engländer aus dem Land zu treiben. Jeannette ist zum Äußersten bereit.

Es existieren unzählige Verfilmungen über die französische Nationalheilige Jeanne d'Arc, doch kein Film ist so eigenwillig und außergewöhnlich wie Bruno Dumonts Version „Die Kindheit der Jeanne d'Arc“. Als Zuschauer wird man entweder berauscht und begeistert sein von Dumonts experimentellem Musical, in dem Kinder und Jugendliche die wichtigsten Rollen spielen. Oder aber man wird sich aufgrund der Unverfrorenheit und teils (absichtlichen) amateurhaften Attitüde des Gezeigten verstört abwenden.

Das Besondere und Mutige an „Die Kindheit der Jeanne d'Arc“ ist nun nicht, dass Dumont aus der Kindheit Jeanne d'Arcs in Form eines Musiktheaters erzählt. Vielmehr sind es die Gegensätze, die den Film so unkonventionell erscheinen lassen. Zum Beispiel die Kluft zwischen den Texten der Lieder und der Musik.

Die umwerfende Jungdarstellerin Lise Leplat Prudhomme richtet sich in ihren Texten oft an Gott. Es sind an Lobpreisungen erinnernde, gesungene Gebete, in denen Jeannette den Herrn anfleht, doch endlich einzuschreiten um diesen verlustreichen Krieg zu beenden. Oder in denen sie das ganze Leid der Franzosen zusammenfasst: Sie singt von „brennenden Häusern“, „ausbleibender Ernte“, von Armut, Tod, Schmerz und Verderben. Mitunter wirken die Texte in Sachen Ausdruck, Satzbau und Grammatik etwas antiquiert und hölzern. Kein Wunder: Dumont übernahm für seine Musical-Nummern weite Teile der Dialogzeilen aus Charles Péguys Drama „Les Mysteres de la charite de Jeanne d'Arc“. Und dieses stammt von 1897.

Den vornehmlich religiösen, andächtigen Inhalten und philosophischen Themen der Lieder stellt Dumont keine erhabenen, sinfonischen Hintergrundklänge entgegen (was nahe liegend gewesen wäre). Stattdessen setzt er auf schweren, aggressiven Rock und brachiale Metal-Gitarren. Ein harter Bruch, der in jedem Fall eines erreicht: Die Dringlichkeit der Botschaften und die innere Zerrissenheit der jungen Jeanne d'Arc erscheinen so noch zwingender und energischer. Hier und da vernimmt man jedoch auch zugänglichen Pop, avantgardistische Musik und französische Folklore.

Als wäre das noch nicht genug, lässt Dumont seine Darsteller wilde, improvisiert und streckenweise arg unprofessionell wirkende Tänze aufführen, die häufig sehr unvermittelt beginnen. Und die immer wieder stark an Ausdruckstanz erinnern, selbst wenn sich die Darsteller lediglich voll und ganz dem repetitiven Headbangen hingeben. Es scheint, als würden ihre unstrukturierten, ohne erkennbare Form dargebotenen Bewegungen letztlich nur eines widerspiegeln: ihre erregten Gefühlswelten und schwankenden Gemütszustände inmitten des Kriegszustands einer gebeutelten Nation.

Björn Schneider