Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint

Für Kunstfans ein absolutes Muss und für Cinephile ein visuelles Erlebnis von besonderer Qualität: die Dokumentation über Hilma af Klint, die noch immer verkannte Pionierin der abstrakten Kunst. In Spielszenen und Interviews, mit Fotos und immer wieder mit ihren Bildern, Zeichnungen und Gemälden lässt Halina Dyrschka das Leben der Schwedin Revue passieren. Dabei entwickelt sie aus der Biographie eine spannende Reise zu den Wurzeln künstlerischen Schaffens und in das Werk einer beispiellosen Künstlerin.

Webseite: mindjazz-pictures.de/jenseits-des-sichtbaren/

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie und Buch: Halina Dyrschka
98 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 5. März 2020

FILMKRITIK:

Wer sich für Kunst interessiert, kennt den Namen Hilma af Klint wahrscheinlich schon länger, aber tatsächlich ist sie aus verschiedenen Gründen auf dem Weltmarkt für Kunst kaum vertreten. – Die interessanten Gründe dafür kommen im Film über ihr Leben und Wirken ebenfalls zur Sprache. Sie sind untrennbar verbunden mit den Mechanismen des Kunstmarkts, der – so wie beinahe alles andere – ebenfalls wirtschaftlichen Gesetzen unterworfen ist, die sich immer stärker auf den Preis und damit auch auf den ideellen Wert eines Kunstwerks auswirken.

Hilma af Klint, die 1862 in Schweden geboren wurde, passte und passt weder auf die großen Umschlagplätze für Bilder noch in die üblichen Klischees der Kunstszene. Zum einen haben es Frauen in der Bildenden Kunst traditionell besonders schwer, aber zum anderen hat Hilma af Klint schon zu ihren Lebzeiten dafür gesorgt, dass ihre abstrakten Werke dem Kunsthandel entzogen blieben. Diese Bilder, manche großflächig, oft seriell, was in späteren Jahrzehnten zum Standard wurde, sind etwas ganz Besonderes. Sie stellen das Oeuvre einer Frau dar, die als Kind ihrer Zeit – um die Wende zum 20. Jahrhundert herum – für sich selbst entscheidet, sich von der Welt, die sie sieht, zu entfernen und den künstlerischen Weg zu einer anderen, vergeistigten Welt zu finden. „Die Welt ist nicht so, wie sie aussieht. Also muss ich sie (neu) erfinden“, schreibt sie. Geprägt vom Fortschritt der Wissenschaft und von den bahnbrechenden Entwicklungen zum Ende des 19. Jahrhunderts wendet sich die an der schwedischen Kunstakademie ausgebildete Malerin der abstrakten Kunst zu, und zwar mehrere Jahre vor den bekannteren, männlichen Wegbereitern der Moderne, wie Kandinsky oder Mondrian. Als Zeichnerin und Malerin hat sie bereits bescheidene Erfolge erzielt, doch der perfekte Naturalismus, den sie in ihren Bildern und Illustrationen, in ihren Porträts und Bewegungsstudien abbildet, genügt ihr nicht mehr. Für eine Welt jenseits des Sichtbaren, was neben spirituellen Bereichen auch die Wissenschaft der Atome und Moleküle, der Strahlen und Wellen einschließt, macht sie sich auf die Suche nach anderen Ausdrucksformen. In klaren geometrischen Mustern, häufig mit kräftigen, leuchtenden Farben und scheinbar spielerisch ergänzt durch vielseitige Formen und Symbole, spiegelt sich ihre neue Weltsicht. Die zahlreichen Aquarelle und Gemälde, die sie hinterlässt, werden ebenso wie ihre Aufzeichnungen in Dutzenden von Notizbüchern zu Dokumenten einer starken Persönlichkeit und einer genialen Künstlerin. Ihre kreative Vision, das ahnt sie schon früh, passt nicht in das Weltbild ihrer Zeit. So verbirgt sie die Bilder, verbietet den Verkauf nach ihrem Tode, sie stellt extrem selten aus, hat allerdings Kontakte zu anderen Künstlerinnen und Künstlern sowie zu Schriftstellern und Philosophen, mit denen sie sich meist brieflich austauscht. Ansonsten lebt sie allein und in engem Kontakt zur Natur. Mit 82 Jahren stirbt sie an den Folgen eines Unfalls.

Halina Dyrschka gelingt es in ihrem Film scheinbar mühelos und in höchst spannender Form, das Leben und das Schaffen der Künstlerin schlüssig zu verbinden. Dafür greift sie unter anderem auf kurze, stumme Spielszenen zurück, die zeigen, wie Hilma af Klint ihre großformatigen Gemälde erschafft: barfuss und mit geschürztem langen Rock zieht sie mit einem langen Zeichenstock Konturen auf dem Papier. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen, Großaufnahmen der unberührten Natur Schwedens sowie immer wieder fließendes Wasser in seinen Linien und Strömungen zeigen die Ursprünge des Denkens und Arbeitens dieser Frau, die eine unbändige Leidenschaft und Liebe für das Leben gehabt haben muss. Eine Sprecherin zitiert dazu Hilma af Klints Worte: „In mir strömt eine so große Kraft, dass ich vorwärts muss“, sagt sie. In diesem Leben ist kein Platz für eine Ehe oder eine Familie. Auch Mitglieder ihrer Familie kommen zu Wort, erzählen vom Leben einer in jeder Beziehung außergewöhnlichen Frau, nicht nur als Künstlerin. Sie mischt ihre Farben selbst: das strahlende Orange, die vielen Blautöne und immer wieder Rosa. Das Phänomen dieser Farbgebung wird im Film ebenso kundig und interessant von Kunstfachleuten erörtert wie die Interpretation der Bilder. Die Essenz ihres Schaffens könnte in der Neugier liegen, mit der Hilma af Klint die Entgrenzung der Wirklichkeit festgehalten hat. Sie suchte und fand in ihrer Arbeit nicht nur sich selbst, sondern auch die Stille – im Denken und im Empfinden. So ist der Film über ihr Leben und Werk ein zwar leises, aber sehr eindringliches Dokument, das, ähnlich wie Hilma af Klint irgendwie zwischen den Zeiten zu schweben scheint: eine meditative, spiritistische Reise in eine andere Welt.

Gaby Sikorski