Jeunes Mères – Junge Mütter

Soziale Probleme und Beobachtungen stehen seit jeher im Zentrum des Schaffens der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Nicht anders verhält es sich in ihrem 2025 in Cannes uraufgeführten Ensembledrama „Jeunes Mères – Junge Mütter“, das schon im Titel deutlich macht, worum es geht: Mehrere Teenagerinnen, die ein Baby bekommen haben bzw. kurz vor der Geburt stehen, versuchen, mit der neuen Verantwortung umzugehen. Sie alle sind Bewohnerinnen eines Mutter-Kind-Heims und stammen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ein trotz kleiner Schwächen berührender Film.

 

Über den Film

Originaltitel

Jeunes mères

Deutscher Titel

Jeunes Mères – Junge Mütter

Produktionsland

BEL,FRA

Filmdauer

105 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Dardenne, Jean-Pierre

Verleih

Wild Bunch Germany GmbH

Starttermin

05.03.2026

 

Für die aus Belgien stammenden Filmemacherbrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne ist das Kino weniger ein Ort der Zerstreuung, keine eskapistische Oase, sondern ein Raum, in dem sie soziale Verhältnisse, soziale Ungerechtigkeiten sezieren. Verbunden mit dem Blick auf gesellschaftliche Probleme ist eine fast dokumentarisch anmutende Form. Große Effekthascherei, stark ausgeklügelte optische Spielereien haben in ihrem Werk keinen Platz, wie auch ihre jüngste Regiearbeit „Jeunes Mères – Junge Mütter“ beweist. 

 

Das im Mai 2025 auf dem Festival von Cannes uraufgeführte und dort mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnete Drama erzählt von einigen Teenagerinnen aus einem Mutter-Kind-Heim, die nach Halt, einem sicheren Platz in der Welt und dem richtigen Umgang mit ihrer neuen verantwortungsvollen Rolle suchen. Was alle eint: Ihr eigenes Aufwachsen war schwierig. Manche von ihnen haben sogar Erfahrungen mit Gewalt, Missbrauch oder Drogen gemacht. Für ihre Kinder wünschen sie sich daher nichts sehnlicher, als ein halbwegs geregeltes, sorgenfreies Leben. 

 

Dass der Traum von einer besseren Zukunft nicht utopisch ist, zeigt das Beispiel Naïmas (Samia Hilmi). Schon früh im Film verlässt die junge Frau die Einrichtung mit guten Aussichten für sich und ihr Baby. Vorbereitungen treffen auch die früher drogenabhängige Julie (Elsa Houben) und ihr Freund Dylan (Jef Jacobs), die mit ihrem Nachwuchs in eine eigene Wohnung ziehen wollen. Perla (Lucie Laruelle) würde gerne ebenfalls mit Robin (Günter Duret), dem Vater ihres Kindes, als richtige Familie zusammenleben. Doch er hat offenbar Probleme, sich mit dieser Vorstellung anzufreunden. Jessica (Babette Verbeek) wiederum ist hochschwanger und möchte vor der Geburt unbedingt in Erfahrung bringen, warum ihre bis vor kurzem unbekannte Mutter Morgane (India Hair) sie einst weggeben hat. Einen solchen Plan verfolgt die Fünfte im Bunde. Ariane (Janaïna Halloy Fokan) hat ihr Baby nur deshalb ausgetragen, weil sie von ihrer übergriffigen Mutter Nathalie (Christelle Cornil) dazu gedrängt wurde. Das Kind, so wünscht es sich Ariane, soll nun bei Adoptiveltern unterkommen.

 

Mit großer Empathie begegnen die Dardennes ihren Protagonistinnen, schauen nicht auf sie herab. Stets bleibt die Handkamera nah bei den jungen Frauen, deren jeweils individuelle Ängste und Hoffnungen wir so unverstellt zu spüren kriegen. Die Zeichnung der Figuren und ihrer Backstorys mag, schon aufgrund der Anlage als Ensemblestück, etwas skizzenhaft und schematisch bleiben. Mit ihren kraftvoll-natürlichen Darbietungen sorgen die Hauptdarstellerinnen aber dafür, dass die Jugendlichen mehr sind als bloße Drehbuchkonstrukte. Besonders hervorzuheben ist das rohe Spiel Lucie Laruelles in der Rolle der impulsiven Perla. Weil die Heimbewohnerinnen wie Menschen aus Fleisch und Blut wirken, folgt man ihnen bei ihren Kämpfen und Selbstbehauptungsversuchen mit großem Interesse.

 

Auch wenn das Ende vielleicht eine Spur zu optimistisch ausfällt und die Regisseure in früheren Filmen etwas präziser in ihrer Beobachtung waren, kann man „Jeunes Mères – Junge Mütter“ keine große Bequemlichkeit vorwerfen. Erfrischend ist allemal der Verzicht auf plumpe, künstlich aufgeblasene Dramatisierungen, mit denen so viele andere Filmemacher arbeiten, um die Emotionen des Publikums zu steuern. Selbst in Momenten, in denen es heftige Tiefschläge setzt, hält sich das Drama der Dardennes zurück, schlachtet die Situation nicht aus.

 

Christopher Diekhaus

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