Julieta

Spätestens mit dem missglückten „Fliegende Liebende“ schien Pedro Almodóvar seine Linie verloren zu haben, die ihn zum erfolgreichsten spanischen Regisseur der Filmgeschichte gemacht hatte. Mit seinem neuen Film „Julieta“, der im Wettbewerb des Festivals von Cannes gezeigt wurde, findet er zu alter Klasse zurück, entwickelt seinen Blick auf weibliche Emotionen dabei jedoch behutsam weiter.

Webseite: www.tobis.de

Spanien 2015
Regie: Pedro Almodóvar
Buch: Pedro Almodóvar, nach Erzählungen von Alice Munro
Darsteller
Länge: 110 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 2. August 2016
 

FILMKRITIK:

Julieta (Emma Suárez) führt mit ihrem Lebensgefährten Lorenzo (Darío Grandinetti) eine glückliche, scheinbar gefestigte Beziehung. Doch gerade als das Paar Madrid verlassen und nach Portugal ziehen will erreicht Julieta eine Nachricht: Zum ersten Mal seit Jahren bekommt sie ein Lebenszeichen ihrer Tochter Antía, die einst, mit 18 Jahren, verschwand, vor ihrer Mutter flüchtete, vor den Erinnerungen an einen schweren Verlust.

Eigentlich hatte Julieta geglaubt, den Verlust ihrer Tochter verarbeitet zu haben, doch nun reißen alte Wunden aufs schmerzlichste wieder auf. Sie bleibt in Madrid zurück, streift durch die Stadt, sucht Orte der Erinnerung an Antía auf und beginnt sich zu erinnern: Als junge Frau (nun gespielt von Adriana Ugarte) lernte sie auf einer Zugfahrt Xoan (Daniel Grao) kennen, verliebte sich und bekam Antía. Am Meer lebte die Kleinfamilie in scheinbar unzerstörbarem Glück, doch die Schatten der Vergangenheit belasten die Liebe: Während Julieta im Zug einem älteren Mann ein Gespräch verweigert hatte, dessen anschließender Selbstmord ihr Schuldgefühle bereitet, lag Xoans erste Frau noch im Koma, als er Julieta kennen lernte. Welche Gründe Antía nun ihrerseits für ihr Verschwinden hatte, begreift Julieta nur langsam.

Strukturell ähnelt der Plot von „Julieta“ etlichen früheren Filmen Perdo Almodóvars: Verwickelt, verschachtelt erzählt, von geradezu schicksalshaften Zufällen geprägt. Und doch ist vieles anders: Weder das exaltiert überdrehte der früheren Grotesken finden sich hier, noch übersinnliche, metaphysische oder schlichtweg bizarre Wendungen späterer Filme. So realistisch und zurückgenommen wie in „Julieta“ war noch kein Film von Almodóvar, was sicherlich auch der literarischen Vorlage zu verdanken ist. Erst zum zweiten Mal ließ sich Almodóvar von einem fremden Text inspirieren, in diesem Fall drei Kurzgeschichten der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro. Ursprünglich plante Almodóvar sie zu seinem ersten auf Englisch gedrehten Film zu adaptieren, besann sich dann aber eines besseren und blieb seiner spanischen Heimat verhaftet.

Hier schwelgt Almodovár einmal mehr in atemberaubenden Farbdesign, erzählt allein durch den Einsatz von mal grell roten, dann kühl blauen Kostümen und Accessoires alles über den Wandel von Julietas Gemütszustand und betont zudem immer wieder den Gegensatz zwischen Madrid und Meer. Bei aller äußeren filmischen Brillanz geht es Almodóvar jedoch wie stets um einen Blick in die Psyche der Menschen, vor allem die der Frauen, ihrer Rolle in der Gesellschaft, den Vorwürfen, denen sie ausgesetzt sind. Meist kommen die Vorwürfe nicht von außen, meist ist es Julieta selbst, die an sich zweifelt, ihre Entscheidungen hinterfragt, sich Vorwürfe macht und ein Maß an Verantwortung für Dinge auferlegt, die nur bedingt unter ihrer Kontrolle stehen. Mit Emma Suárez und Adriana Ugarte hat Almodóvar gleich zwei hervorragende Darstellerinnen zur Verfügung, deren Gesichter in fast jedem Moment zu sehen sind. Auf diesen Gesichtern spielt sich die Handlung ab, zeichnen sich die Spuren von Vorwürfen und eingebildeter Schuld ab, die sich weniger in einer äußeren Handlung entwickelt, sondern in der Psyche der Hauptfigur. Dieses zutiefst innere Empfinden so eindrucksvoll auf die Leinwand gebracht zu haben, macht „Julieta“ zu so einem besonderen filmischen Erlebnis.
 
Michael Meyns