Junction 48

Das Udi Alonis neuer Film „Junction 48“ den Panorama-Publikumspreis bei der diesjährigen Berlinale gewann, überrascht wenig. Zu mitreißend ist die Geschichte eines palästinensischen Hip Hop-Duos erzählt, das auf grenzüberschreitenden Erfolg hofft, aber mit ständigen Schikanen von Seiten Israels zu kämpfen hat. Ein differenziertes Bild der Situation im Nahen Osten ist das zwar nicht, aber die Musik ist kraftvoll.

Webseite: www.facebook.com/Junction48Film

Israel/ Deutschland/ USA 2016
Regie: Udi Aloni
Buch: Tamer Nafar & Oren Moverman
Darsteller: Tamer Nafar, Samar Qupty, Salwa Nakkara, Saeed Dassuki, Adeeb Safadi, Tarik Kopty, Ayed Fadel
Länge: 97 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: 19. Januar 2017

Pressestimmen:

"Ein Film über einen arabischen Rapper in Israel. 'Junction 48' heißt der Spielfilm, den der israelische Regisseur Udi Aloni mit dem palästinensischen Rapper Tamer Nafar gedreht hat. Er erzählt vom Leben inmitten des jüdisch-arabischen Konflikts und von der Kraft der Musik."
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FILMKRITIK:

Mit Filmen wie „Forgiveness“ und zuletzt „Art/ Violence“ hat sich der israelisch-amerikanische Regisseur Udi Aloni einen Namen als engagierter Filmemacher gemacht, der die Missstände der israelischen Politik schonungslos anspricht, um nicht zu sagen anprangert. Dabei nimmt Aloni keine differenzierte Position ein, sondern schlägt sich deutlich auf die Seite der Palästinenser, was seine Filme zu wütenden, oft agitatorischen Werken macht, die immer wieder hart an allzu einseitiger Darstellung Israels vorbeischlittern.
 
Die Helden seines neuen Films „Junction 48“ leben in Lod, einer kleinen Ortschaft 20 Kilometer östlich von Tel Aviv, die bis 1948, also bis zum Beginn des – aus israelischer Sicht – Unabhängigkeitskrieg oder der – aus palästinensischer Sicht – Katastrophe – Lydda hieß. Heutzutage befindet sich der Ort zwar auf israelischem Staatsgebiet, wird aber vor allem von Palästinensern bzw. arabischen Israelis bewohnt. Dazu gehören auch Kareem (Tamer Nafar, auch im echten Leben ein erfolgreicher Musiker) und Yousef (Adeeb Safadi), die sich als Hip Hop-Musiker versuchen. Auch Kareems Freundin Manar (Samar Qupty) kann hervorragend singen und so bekommt das Trio bald einen Auftritt in einem Club in Tel Aviv. Von den Zuschauern werden sie dabei ebenso bejubelt wie ein vor ihnen auftretendes israelisches Duo, das unverhohlen nationalistische Töne anschlägt und die palästinensischen Musiker mit Abscheu betrachtet.
 
Was Kareem weniger stört als Manar, deren Situation zusätzlich schwierig ist, denn ihre streng religiöse Familie sieht ihre Freundschaft zu Kareem skeptisch und will sie lieber früher als später verheiratet sehen. Zu allem Überfluss soll das Haus eines Freundes von Kareem bald abgerissen werden, um einem Museum der Koexistenz zu weichen und schließlich ist auch noch Talal, der Manager der Musiker, in windige Drogengeschäfte mit einem lokalen Gangsterboss verwickelt.
 
Etwas sehr viel Handlung reiht Udi Aloni in seinem Film zusammen, für das Tamer Nafar und der amerikanische Autor und Regisseur Oren Moverman („The Messenger“) das Drehbuch geschrieben haben. Oft stehen Szenen dadurch isoliert nebeneinander, werden Handlungsmomente in Windeseile abgehakt, wird von einem Konflikt zum nächsten gesprungen, ohne dass eine überzeugende dramaturgische Linie entsteht.
 
Dass Aloni bei der Zeichnung der israelischen Figuren zudem auf jede Ambivalenz verzichtet, hätte seinen Film endgültig zum reinen Agitprop-Werk machen können, wenn er nicht so charismatische Hauptdarsteller hätte. Tamer Nafar ist seit langem Kopf der Band Dam und überzeugt in seiner ersten großen Filmrolle ebenso wie die Newcomerin Samar Qupty. In ihrer zarten, keuschen Beziehung, die durch den ganz banalen Alltag von Palästinensern in Israel unmöglich gemacht wird, steckt an sich genug Tragik und Emotionen, um einen Film zu füllen. Wenn da Kareem auf der Bühne steht und wütende Reime ins Publikum schleudert oder Manar mit ihrer engelsgleichen Stimme die Tragik ihres Volkes besingt, ist das an sich schon genug. Den empörten moralischen Zeigefinger zu schwingen wäre gar nicht nötig gewesen.
 
Michael Meyns