Kaboom

Es ist eine wilde Mischung aus College-Satire, Softporno und Science-Fiction, die uns Independent-Filmer Gregg Araki („Mysterious Skin“) in seinem neuen Film „Kaboom“ um die Ohren haut. Der wahnwitzige, mitunter an Trash-König John Waters erinnernde Trip schert sich dabei weder um die Sehgewohnheiten des Mainstreams noch um die Einordnung in ein bestimmtes Genre. Stattdessen bietet Arakis mit vielen attraktiven Jungstars besetzte Wundertüte reichlich nackte Haut, Sex in wechselnden Konstellationen und ein denkwürdiges Finale.

Webseite: www.salzgeber.de

USA/F 2010
Regie & Drehbuch: Gregg Araki
Darsteller: Thomas Dekker, Haley Bennett, Juno Temple, Chris Zylka, Andy Fisher-Price, Roxane Mesquida
Laufzeit: 86 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 16.6.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit seinen 18 Jahren befindet sich der smarte Filmstudent Smith (Thomas Dekker) auf einer spannenden Entdeckungsreise, deren Ausgang Independent-Filmer Gregg Araki mit einem lauten Knall und dem vermeintlichen Ende der Welt as we know it als hinreißend absurde Pointe beschließt. Das College-Leben, das „Kaboom“ beschreibt, wirkt wie eine Persiflage auf Arakis eigene Teenage-Apocalypse-Trilogie aus den Neunzigern und bekannte, biedere Hochglanzserien wie „O.C. California“. Wenn Smith nicht gerade einen Kurs oder eine Vorlesung besucht, vergnügt er sich mit wechselnden Partnern beiderlei Geschlechts, geht auf schräge Partys, schmeißt sich Drogen ein oder lässt seine hormongesteuerte Fantasie in sexuell aufgeladenen Tagträumen freien Lauf.

Die bizarren Ereignisse, die Smiths ziemlich promiskuitives Leben gehörig auf den Kopf stellen, haben ihren Ausgangspunkt in einer unheimlichen und zunächst nur schwer verständlichen Begegnung. Eines Nachts glaubt er, auf dem Campusgelände drei Männer mit Tiermasken bei der Entführung und Ermordung einer jungen Frau zu beobachten. Auch träumt er immer wieder ein und denselben merkwürdigen Traum, in dem fremde Menschen ihn seltsam anstarren (vielleicht weil er darin nackt ist?). Als er wenig später auf einer Party einigen dieser Personen tatsächlich begegnet, weiß er nicht, was das zu bedeuten hat. Abgesehen von diesen teils doch recht beunruhigenden Vorfällen finden in Smiths Umfeld aber auch einige durchaus angenehme Veränderungen statt. So ist sein neuer Mitbewohner Thor (Chris Zylka) ein blonder, durchtrainierter dabei aber – aus Smiths Sicht – leider durch und durch heterosexueller Surferboy, der sich allein für seinen Sport, hübsche Mädels und das eigene Geschlechtsteil zu interessieren scheint.

Araki ist hier ganz in seinem Element. Mit einer unbändigen Freude am Experimentieren, am Mischen von Genres und Stimmungen bringt er in „Kaboom“ sein Faible für queere Geschichten mit einem wunderbar ironischen, ziemlich durchgeknallten Mystery-Plot zusammen. Das wirkt bisweilen so, als habe John Waters das Remake eines David-Lynch-Films gedreht. Anders ausgedrückt: Obwohl die einzelnen Teile nie richtig zueinander passen, unterhält uns Araki bestens mit seinen schrägen, erotischen College-Anekdoten. Vor allem die geschliffenen Dialoge, in denen von ungewöhnlichen Liebeskonstellationen über schmutzigen Sex bis hin zu seltsamen Drogenerfahrungen all das verhandelt wird, was dem konservativen Amerika offenkundig ein Dorn im Auge ist, fungieren als Taktgeber dieser rastlos erzählten Groteske.

Ebenso kann man sich bei Araki nie wirklich sicher sein, was tatsächlich als Nächstes passiert. Grundsätzlich scheinen hier mit Ausnahme der Schwerkraft nahezu alle Regeln und Gesetzmäßigkeiten – auch die des Filmemachens und einer logischen Narration – aufgehoben. Da wundert es irgendwann auch nicht, dass sich Smiths lesbische Freundin Stella (Haley Bennett) in eine echte Hexe verknallt, die nach der Trennung als resolute Stalkerin ihrem Love Interest hinterher jagt. Auffallend freizügig und damit gänzlich unamerikanisch gibt sich „Kaboom“, den man vermutlich am ehesten als Sex-Science-Fiction-Mystery-Satire umschreiben könnte. Wer sich darunter einfach nichts vorstellen kann, sollte sich schleunigst ein Ticket lösen. Und alle anderen natürlich auch.

Marcus Wessel

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