Kaddisch für einen Freund

Von einer ungewöhnlichen Freundschaft erzählt der russischstämmige Leo Khasin in seinem Regiedebüt. In einer Siedlung mitten in Berlin lernen sich der alte russische Jude Alexander und der junge Libanese Ali kennen. Besonders von Alis Seite zunächst von Vorurteilen geprägt, entwickelt sich eine intensive Freundschaft. Teils in konventionellen Bahnen, teils auf originelle Weise erzählt „Kaddisch für einen Freund“ von Vorurteilen und wie man sie überwinden kann.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2011
Regie, Buch: Leo Khasin
Darsteller: Rysard Ronczewski, Neil Belakhdar, Sanam Afrashteh, Neil Malik Abdullah, Anna Böttcher
Länge: 94 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 15. März 2012

PRESSESTIMMEN:

Ein palästinensischer Flüchtlingsjunge muss Wiedergutmachung bei einem jüdischen Rentner leisten, um die Abschiebung seiner Familie aus Deutschland zu verhindern. Das Spielfilmdebüt erzählt mit Humor und Leichtigkeit die Geschichte einer ungleichen Freundschaft. …Ein klug erzähltes, sehenswertes Drama.
ARD

FILMKRITIK:

Voller Aufbruchstimmung zieht die vielköpfige libanesische Familie Messalam in die neue Wohnung ein. Lange haben sie nach ihrer Flucht aus dem Libanon im Asylantenheim gelebt, nun ziehen sie in eine etwas heruntergekommene Wohnsiedlung, mitten im Berliner Kreuzberg gelegen. Doch gleich zum Einzug tropft durch die Decke Wasser und als der 14jährige Ali nachsehen geht, was da los ist, stellt er mit Erschrecken fest, wer über ihnen wohnt: Ein Jude! Zeit seines Lebens ist dem Jungen eingebläut worden, dass die Juden für all ihr Unglück verantwortlich sind und so fällt es Ali schwer, zwischen denen zu unterscheiden, die sein Geburtshaus zerstört haben und jenen, die ganz unbehelligt über ihm wohnen. Doch ähnlich denkt auch der alte russische Einwanderer jüdischer Herkunft Alexander: Einst hatte er in Israel gelebt und dort seinen Sohn durch einen palästinensischen Anschlag verloren. Nun haust er in einer vollgestopften Wohnung, schlägt sich mit den Damen vom Sozialamt rum und sieht sich den Vorurteilen von manchen Nachbarn ausgesetzt.

Besonders eine arabische Jugendgang, zu der auch Alis Cousin gehört, lässt ihre Langeweile gern an dem alten Mann aus. Um Anschluss zu finden und akzeptiert zu werden, lässt sich Ali auf die Mutprobe ein, in Alexanders Wohnung einzubrechen und sie zu verwüsten. Doch während seine Kumpel fliehen können, wird Ali ertappt und sitzt bald bei der Polizei. Vor dem Vater kann seine Mutter diese Probleme zwar verheimlichen, doch wie kann Ali seine Tat wieder gut machen? Seine Mutter weiß die Lösung: Ali soll Alexander bei der Renovierung helfen, so dass der möglichst seine Anzeige zurückzieht, die für Alis Familie im schlimmsten Fall die Ausweisung aus Deutschland bedeuten kann.

So entwickelt sich notgedrungen eine Beziehung zwischen den Antipoden, die sich bald in eine Freundschaft verwandelt. Denn natürlich steckt in Ali ein guter Kern, der bald entdeckt, dass Alexander ein interessanter Mensch ist, der ihm nicht nur Boxen beibringt. Und auch Alexander realisiert trotz seiner altersbedingten Halsstarrigkeit, dass nicht in jedem jungen Araber ein potentieller Terrorist steckt.

Was Regisseur und Autor Leo Khasin in seinem Regiedebüt erzählt, ist gewiss nicht frei von Klischees. Immer wieder entwickelt sich die Geschichte allzu nah an bekannten Mustern: Von der rabiaten Jugendgang, die blonde deutsche Mädchen anpöbelt, über den konservativen Vater, bis hin zu mit Vorurteilen beladenen Amtspersonen entwickelt sich „Kaddisch für einen Freund“ lange Zeit wie eines jener gut gemeinten Fernseh-Spiele, die so vielschichtig sein wollen, dass sie wenig mit dem wirklichen Leben gemein haben. Dass zudem Hauptdarsteller Neil Belakhdar nicht gerade ein begnadeter Akteur ist, der den Wandel seiner Figur eher grobschlächtig als subtil darstellt, hilft auch nicht unbedingt.
Und doch, im Laufe der Zeit beginnt man die Figuren zu mögen, versteht ihre jeweiligen Positionen, die Umstände, die sie werden ließen, wie sie sind, aber auch die Möglichkeit, sich zu ändern. Und so findet „Kaddisch für einen Freund“ schließlich doch noch eine eigene, eine originelle Stimme, indem er nicht suggeriert, dass durch die Freundschaft der beiden Antipoden alles gut wird, sondern nicht mehr zeigt als eine kleine Veränderung im Leben zweier Menschen, die zwar in keiner Weise exemplarisch gemeint und doch so zu verstehen ist.

Michael Meyns

Die palästinensische Familie Messalam ist aus dem Libanon nach Berlin gekommen. Sie wird vorerst nur „geduldet“, die Abschiebung kann also immer noch erfolgen. Sie zieht in ein Berliner Mietshaus ein.

Im gleichen Haus, ein Stockwerk höher, wohnt der schon ältere russische Immigrant Alexander. Er ist Jude.

Als die Familie Messalam dies erfährt, ist der Teufel los. Denn ihre Mitglieder haben von Kind auf gelernt, die Juden zu hassen. Es dauert denn auch nicht lange, bis der 14jährige Ali Messalam mit seinen „Freunden“ in die Wohnung Alexanders einbricht und Zerstörungen anrichtet. Ali verliert einen Schuh, ein Beweismittel ist demnach gesichert. Die Familie Messalam gerät in ernsthafte Schwierigkeiten.

Die Polizei ist eingeschaltet und ermittelt. Ali wird vor den Richter müssen. Seine Mutter Mouna ist es, die die beste Lösung findet. Sie zwingt Ali, sich bei Alexander zu entschuldigen und ihm zu helfen, seine Wohnung wieder zu erneuern. Sehr langsam bahnt sich jetzt zwischen ihnen zuerst ein erträgliches Verhältnis und dann so etwas wie eine Freundschaft an. Alexander setzt sich später vor Gericht sogar leidenschaftlich dafür ein, dass Ali eine milde Strafe aufgebrummt wird. Denn trotz allem hält er Versöhnung für den einzigen gangbaren Weg.

Ein einfacher, manchmal klischeehafter und doch wichtiger Film. Überall, wo auch nur ein kleinster Mosaikstein zur Beendigung der Gegnerschaft zwischen Juden und Arabern beigetragen werden kann, ist das begrüßenswert. Gespielt wird übrigens ausgezeichnet, sowohl von Ryszard Ronczewski als Alexander als auch von Neil Belakhdar als Ali.

Thomas Engel