Kabul, City in the Wind

Ja, es ist noch Krieg in Afghanistan, auch wenn der seit langem brodelnde Krieg längst aus der Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit verschwunden ist. Für die Menschen in der Hauptstadt Kabul ist Krieg dagegen an der Tagesordnung, im wahrsten Sinne des Wortes, wie Aboozar Amini in seiner impressionistischen Dokumentation „Kabul, City in the Wind“ auf berührende Weise zeigt.

Website: https://jip-film.de/kabul-city-in-the-wind

Afghanistan/ Deutschland/ Japan/ Niederlande 2018
Dokumentation
Regie: Aboozar Amini
Länge: 88 Minuten
Verleih: jip film & verleih
Kinostart: 19. November 2020

FILMKRITIK:

Wenn man das Glück hatte in den letzten 75 Jahren im Westen geboren worden zu sein, in Ländern, in denen Krieg immer mehr zu etwas wurde, das es hier einmal gegeben hat, nun aber immer mehr in die Ferne rückt, ist es schwer sich vorzustellen, wie das Leben in Afghanistan aussieht. Oder noch mehr: Wie es sich anfühlt. Wie es sich anfühlt, wenn man nie etwas anderes als Krieg gekannt hat, wenn die häufigste Todesart nicht etwa Herzkrankheiten oder Krebs sind, sondern Schusswunden oder gar Tod durch einen Selbstmordanschlag.

In dieser Welt wachsen die Brüder Afshin und Benjamin auf, die das Glück haben, das ihr Vater noch lebt. Doch als jemand, der einst gegen die Taliban gekämpft hat, ist sein Leben in Afghanistan nicht mehr sicher, er muss ins Ausland fliehen. Der gerade einmal zwölf Jahre alte Afshin wird dadurch zum Herr des Hauses, kümmert sich um seinen sechs Jahre jüngeren Bruder, repariert das Dach, agiert viel weiser, als es seinem tatsächlichen Alter entspricht.

Die Brüder sind zwei der drei Protagonisten von „Kabul, City in the Wind“, dem Debütfilm des afghanischen Regisseurs Aboozar Amini, der als Teenager in die Niederlande floh, dort ausgebildet wurde und nun zwischen seiner alten und neuen Heimat pendelt. Dass er kein Fremder in Kabul ist, merkt man seinem Film in jedem Moment an, es ist eine der großen Stärken eines Films, der im besten Sinne dokumentarisch ist, der beobachtet und zeigt, nicht vereinfacht und erklärt.

Neben den Brüdern richtet sich Aminis Blick auf den Busfahrer Abas, Mitte 40, der mehr schlecht als recht versucht, sich durchzuschlagen. Offenbar ist er selbst Besitzer des Busses, ist also nicht Angestellter, sondern Selbstständig und als solcher auch dafür verantwortlich, dass sein Arbeitsgerät funktionstüchtig ist. Was auf den staubigen Schotterpisten Afghanistans leichter gesagt als getan ist und so gerät Abas in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale: Wenn sein Bus nicht fährt, kann er kein Geld verdienen, ohne Geld kann er seinen Bus nicht reparieren, denn auf Kredit will hier kaum jemand arbeiten, denn das Leben in Kabul ist so fragil, dass man nicht weiß, ob man nächsten Monat bezahlt werden wird. Zunehmend verfällt Abas den Drogen, einem der wichtigsten Exportgütern des Landes, eine der Einnahmequellen für Waffenkäufe.

Die Brüder wiederum genießen noch die relativen Freiheiten, die sie als Kinder haben, die noch zu jung sind, für die ein oder andere Fraktion des Krieges rekrutiert zu werden. Sie spinnen herum, malen sich aus, welchen Beruf sie einmal ergreifen wollen, doch gerade Afshin ahnt schon, dass das alles andere als leicht werden wird. Bevor er das Land verließ hatte ihn sein Vater auf den Friedhof mitgenommen, ihm Gräber von Verwandten und Märtyrern gezeigt, von Männern, die im Kampf gestorben waren, mit oft nur 14 oder 15 Jahren.

In impressionistischen Bildern beobachtet Aboozar Amini seine drei Protagonisten, zeigt das alltägliche Leben in einer Stadt, für die Krieg zur Routine geworden zu sein scheint. Selbstmordanschläge sind fast an der Tagesordnung, in den Cafés der Stadt werden sie kaum mehr als zur Kenntnis genommen, unterbrechen den Alltag nur für Momente. Hier von Hoffnung auf Frieden zu sprechen fällt schwer, doch anderes bleibt den Menschen von Kabul kaum übrig. Mit seiner zurückhaltenden, berührenden Dokumentation „Kabul, City in the Wind“ zeigt Amini eine Stadt, die unter ihrer staubigen Fassade voller Leben ist, geprägt vom Krieg, aber doch nicht verloren.

Michael Meyns