Kahlschlag

In „Kahlschlag“ fahren zwei ehemalige Freunde zu einem letzten gemeinsamen Angelausflug an den See. Frühere Wunden brechen auf und alte Gefühle kochen hoch. Dem jungen Rostocker Filmemacher Max Gleschinski gelingt mit seinem Thriller-Drama ein erstaunlich reifes, vielschichtiges Debüt. Geschickt lässt er unterschiedliche Zeitebenen kollidieren und montiert Vergangenheit und Gegenwart auf kluge Weise ineinander. Da sind Schwächen bei der Ausgestaltung einiger (Neben-)Figuren verschmerzbar.

Website: ucm.one

Deutschland 2018
Regie & Drehbuch: Max Gleschinski
Darsteller: Florian Bartholomäi, Bernhard Conrad, Maike Johanna Reuter, Jan Gorkow
Länge: 98 Minuten
Kinostart: 05. März 2020
Verleih: UCM.One

FILMKRITIK:

Vor 20 Jahren waren Martin (Florian Bartholomäi) und Eric (Bernhard Conrad) unzertrennlich. Als kleine Jungen angelten sie oft am Stausee und erlebten tolle Zeiten. Schon damals waren sie beide in Frenni (Maike Johanna Reuter) verliebt. Zwischen ihr und Martin hat sich schließlich die große Liebe entwickelt: Die Zwei leben ein beschauliches Leben auf dem Hof seiner Eltern. Der Kontakt mit Eric ist abgebrochen. Grund dafür war ein schweres Vergehen von Erics zu Gewalt neigendem Zwillingsbruder. Nach Jahren steht Eric eines Tages vor Martins Tür und bittet ihn um einen letzten Angelausflug. Nach anfänglichem Zögern sagt Martin zu. Während sich die Lage zwischen den Männern langsam zuspitzt, macht sich auch Frenni auf den Weg zum See. Es droht eine Eskalation der Situation.

„Kahlschlag“ ist ein mit atmosphärischem Feinsinn inszeniertes Spielfilmdebüt über die Wunden der Vergangenheit, schmerzliche Liebe und soziale Schieflagen. In eine solche geriet Eric, nachdem er von Frenni einst verlassen wurde – für Martin. Beim Angelausflug, zu dem Regisseur Gleschisnki langsam und mit Geduld hinführt, brechen sich angestaute Gefühle allmählich Bahn. Die Szenen am See und im Wald inszeniert Gleschinski als spannenden (Survival-)Thriller, der immer wieder von Rückblenden durchbrochen wird.

Denn „Kahlschlag“ ist kein streng chronologisch und linear erzähltes Werk. Vielmehr springt Gleschinski in den Zeiten hin und her und entscheidet sich für eine unmittelbare Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart: So folgen etwa zärtliche Liebesszenen, die das einst glückliche Paar Frenni und Eric zeigen, direkt auf Momente großer (An-) Spannung, wenn man die früheren Freunde in der filmischen Gegenwart still schweigend nebeneinander am See sitzen sieht und spürt: Es droht Unheil. Zwischendurch wagt „Kahlschlag“ einen Blick in eine noch länger zurückliegende Zeit. So sehen wir Eric und Martin als kleine Jungs, wie sich am See kennen lernen und gemeinsam angeln. Gegen Ende, in einer der nachdrücklichsten, surrealsten Szenen, vereinen sich das Früher und Heute sogar für wenige Augenblicke. Ein geschicktes, cleveres Spiel mit den Zeitintervallen.

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellt sich hingegen in einigen Momenten. So kommt es häufiger zu übertriebenen, plötzlichen Gewaltausbrüchen. Zum Beispiel wenn sich Eric an seinem (eindimensional gezeichneten) Bruder für dessen Verbrechen rächt –regelrechte Eruptionen von Hass und Tobsucht, die Gleschinski mit Vehemenz in seinen Film einbaut. Darüber hinaus ist die Frage, wieso sich Martin von Eric nach so vielen Jahren regelrecht zum Angelausflugnötigen lässt. Er hat von Beginn an ein ungutes Gefühl und spätestens als er eine Waffe entdeckt, sollte er die Flucht antreten. Stattdessen bleibt er und fügt sich der Situation.

Offen bleibt, welchen Zweck ein sächselndes Ehepaar, das mit seinen Kindern in den Urlaub fährt, erfüllen soll. Nachdem Frenni, die Eric und Martin hinterherfuhr, mit ihrem Auto liegen geblieben ist, wird sie von der Familie ein Stück mitgenommen (ein konstruierter Zufall). Während das Paar belanglose Gespräche führt, kauert Frenni auf der Rückbank. Am Schluss sieht man die Familie nochmals gemeinsam am Strand. So richtig stimmig mögen sich diese Sequenzen nicht in die Handlung einfügen.

Äußerst harmonisch ist dagegen das Zusammenspiel der spielfreudigen, kraftvoll agierenden Darsteller geraten, die das ganze Spektrum menschlicher Emotionen glaubhaft vermitteln: von Wut und Eifersucht über Trauer und Schmerz bis hin zu Lust, Liebe und Leidenschaft.

Björn Schneider