Kairo 678

Benannt nach einer Buslinie im Kairoer Stadtverkehr beleuchtet und verknüpft der ägyptische Drehbuchautor und erstmals auch inszenierende Mohamed Diab in seinem Spielfilm das Schicksal von drei Frauen, die Opfer sexueller Belästigungen wurden. Nun beginnen sie sich zu wehren, zum Teil gegen den Widerstand ihrer Männer, der Gesellschaft und der Politik. Die 2011 richtig groß durchgestartete arabische Revolution – in diesem lebensnah und differenziert erzählten Gesellschaftsdrama findet sie auf kleiner Ebene statt.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Ägypten 2010
Regie: Mohamed Diab
Darsteller: Boshra, Ahmed El Feshawy, Maged El Kedwany, Nelly Karim, Nahed El Sebai, Basem Samra
100 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Start am 8.3.2012

PRESSESTIMMEN:

Eindringliches und souverän gespieltes Regiedebüt mit der richtigen Portion Melodramatik.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Busfahren ist der in einem staatlichen Verwaltungsbüro am anderen Ende der Stadt tätigen Muslimin und zweifachen Mutter Fayza (Boshra) ein Gräuel. Regelmäßig passiert es ihr, dass sie in den überfüllten Bussen, in denen die Menschen dicht an dicht stehen, angegrapscht wird. Mit ihrem Mann – der sie, aus seiner Sicht legitimiert durch die Heirat, öfters bedrängt als ihr danach steht – darüber zu reden verbietet sich ihr ebenso wie sich dagegen zu wehren. Dies nämlich würde dem gesellschaftlichen Verständnis zufolge Schande über das Opfer und nicht über den Täter bringen. Und doch: nachdem sie die Frauenselbsthilfegruppe der jungen Seba (Nelly Karim) besucht hat, die einst nach dem Besuch eines Fußballspiels Opfer einer Massenvergewaltigung wurde, nimmt sie allen Mut zusammen und verpasst den sich ihr im Schutz des Fahrgastgedränges unflätig nähernden Männern mit ihrer Haarnadel schmerzhafte Stiche unter die Gürtellinie.

So heimlich die Übergriffe auf Frauen bleiben, die kleinen Racheakte an den nun ihrerseits zu Opfern gewordenen Tätern lassen sich nicht verbergen. Zu groß ist das Geschrei der auf frischer Tat ertappten Männer, wenn sie mit unsanften Pieksern die Quittung für ihr Verhalten erhalten. Bald schon ermittelt ein durchaus liberal wirkender Kommissar nach dem „Haarnadelphantom“, die Medien stürzen sich auf das Thema. Dass die Öffentlichkeit auf sich wehrende und für ihre Rechte einsetzende Frauen mitunter eher ablehnend denn zustimmend reagiert, das bekommt auch die in einem Callcenter arbeitende Nelly (Nahed El Sabai) zu spüren, nachdem sie einen Mann angezeigt hat, der sie zunächst versehentlich anfährt, sie statt sich zu entschuldigen aber nun auch noch bedroht und belästigt. Die Geschichte dieser im Film als Vertreterin der nach Unabhängigkeit strebenden Generation auftretenden jungen Frau lehnt sich an einen tatsächlichen Fall aus dem Jahr 2008 an, der damals sogar dazu führte, dass ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung verabschiedet wurde.

Die Schicksale dieser drei aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammenden Frauen verknüpft Mohamed Diab ganz locker und einfühlsam miteinander. Er macht dabei auch deutlich, mit welchen inneren, familiären und öffentlichen Widerständen diese Frauen teilweise zu hadern haben, bevor sie sich für ihre Revolution im Kleinen einsetzen. Ein kluger Griff seiner absolut realistischen wie auch der Psychologie der Figuren folgenden Inszenierung ist dabei auch, dass er die Männer an der Seite dieser Frauen ebenso differenziert und stellvertretend für die männlichen Rollenbilder der Gesellschaft zeichnet. Ein klares Bekenntnis für die Sicht der Frauen gibt dabei allerdings nur einer von ihnen ab. Boshra (sie ein bekannter ägyptischer Prime-Time-Star) und Maged El Kedwany erhielten auf dem Internationalen Filmfest von Dubai Preise als beste Hauptdarstellerin bzw. als bester Hauptdarsteller.

Von seiner Stimmung her erinnert „Kairo 678“ immer wieder auch an den iranischen Berlinale-Gewinner „Nader und Simin“, in dem es ja ebenfalls um moralische Themen in einer von religiösen Regeln, starren staatlichen Bestimmungen, festzementierten Geschlechterrollen und Rachegelüsten geprägten Gesellschaft ging. Mohamed Diab muss gespürt haben, worauf sein Land 2011 zusteuern sollte. Ähnlich wie bei Ashgar Fahradi ist auch sein Film eine Art von Bestandsaufnahme. Entstanden bereits im Jahr 2010 nimmt „Kairo 678“ dabei Aspekte des arabischen Frühlings vorweg – und lädt uns als Zuschauer im Jahr 2012 dazu ein, einen Blick hinter die Kulissen eines im Umbruch befindlichen Landes zu werfen.

Thomas Volkmann

Noch immer scheint es mit der Achtung und den Rechten der Frau in vielen muslimischen Ländern nur langsam vorwärts zu gehen, zu langsam. Ein junger ägyptischer Regisseur, Mohamed Diab, hat sich nun des Themas angenommen. Er erzählt vom Schicksal dreier Frauen seines Landes, die in den unterschiedlichsten Formen der sexuellen Belästigung ausgesetzt sind.

Da ist Faysa. Sie ist Kopftuchträgerin. Sie arbeitet, muss den Bus 678 nehmen, um zur Arbeit zu kommen. Wann immer es geht, steigt sie in ein Taxi ein, auch wenn sie wenig Geld hat und ihr Mann ihr deswegen Vorwürfe macht. Warum Taxi? Weil sie im Busgewühl immer wieder von Männern betatscht wird. Sie hat die Nase voll von den Kerlen – und deshalb kommt sexuell auch der Ehemann zu kurz.

Sie ist unglücklich und lässt sich von Seba beraten. Später greift sie zur Selbsthilfe. Sie wehrt sich mit Nadel und Messer. Wo sie die Männer verletzt, ist leicht zu erraten. Eine radikale aber wirksame Methode.

Seba wurde vor Jahren vergewaltigt. Sie will anderen Frauen dieses Leid ersparen und gibt deshalb Kurse in Selbstverteidigung. Nicht wenige Frauen kommen. In Ägypten scheint das Begrapschen der Frauen Usus zu sein. Und wie berichtet wird, hat sich das seit der Revolution vor einem Jahr noch verstärkt.

Nelly, Kabarettistin von Beruf, die ebenfalls überfallen wurde, geht zur Polizei, will ihre Wiedergutmachung und ihr Recht auf gesetzlichem Wege erreichen. Wie schäbig sie auf der Polizeistation behandelt und wieder fortgeschickt wird, lässt tief blicken. Sie rächt sich bei einem ihrer Auftritte dafür, indem sie den Männern die bittere Wahrheit ins Gesicht schleudert.

Formal ist das ein gut konzipierter, ausgezeichnet gespielter Film. Entscheidend aber ist, dass der junge Regisseur den Mut hatte, das Thema anzugehen, die Missstände anzuprangern, einen Film zu machen, der bleibt, der immer wieder gezeigt werden kann, der auf den Festivals, auf denen er gezeigt wurde, großen Anklang fand.

Das Thema muss auch bei uns, einem Einwanderungsland, in dem viele Muslime leben, unbedingt auf Interesse stoßen.

Thomas Engel