Kevin Roche – Der stille Architekt

Still ist der irisch-amerikanische Architekt Kevin Roche vor allem im Vergleich zu vielen seiner Kollegen, die nicht nur laute, auffällige Gebäude entwerfen, sondern auch in der Selbstdarstellung wenig Bescheidenheit ausstrahlen. Wie Mark Noonan in seiner Dokumentation „Kevin Roche – Der stille Architekt“ zeigt, ist Roche deutlich zurückhaltender, aber nicht weniger beeindruckend.

Webseite: www.salzgeber.de

Dokumentation
Kevin Roche: The Quiet Architect
Irland 2017
Regie: Mark Noonan
Länge: 82 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 15. März 2018

FILMKRITIK:

Die so genannten Stararchitekten haben meist ein bestimmtes Merkmal, das ihre Gebäude unverwechselbar macht. Seien es die zackigen Formen eines Daniel Libeskind, die wirken, als hätte der Blitz eingeschlagen, die runden, organisch wirkenden Glasstrukturen eines Norman Foster, die Betonflächen einer Zaha Hadid. Engagiert ein Investor einen Stararchitekten, geschieht dies meist im Wissen darum, dass man ein markantes Gebäude eines ganzen bestimmten Stiles bekommt.
 
Diese Art des Branding passt fraglos in unsere schnelllebige Zeit, in der auch ein Gebäude bzw. dessen Architekt in Sekunden erkennbar sein soll, in der kaum Zeit bleibt, es genau zu betrachten, die Idee hinter der Oberfläche zu entdecken. Doch genau solche Gebäude entwirft der in Irland geborene amerikanische Architekt Kevin Roche und das nun schon seit über 70 Jahren.
 
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg migrierte Roche nach Amerika, in ein Land, dass nach dem Krieg den größten Wirtschaftsaufschwung seiner Geschichte erlebte und dementsprechend viel in moderne Gebäude investierte. Bei unterschiedlichen Lehrmeistern wie Michael Scott, Maxwell Fry oder Ludwig Mies van der Rohe studierte Roche, bevor er 1950 im Büro des Finnen Eero Saarinen landete, der schon damals einer der berühmtesten und ambitioniertesten Architekten und Designer des 20. Jahrhunderts war.
 
Nachdem Saarinen 1961 überraschend verstarb übernahmen Roche und sein Kollege John Dinkeloo die Firma und stellten zahlreiche der von Saarinen initiierten Entwürfe fertig, darunter so markante Gebäude wie das TWA-Terminal am JFK-Flughafen in New York oder den berühmten Gateway Arch in St. Louis.
 
Doch es waren eigene Entwürfe wie das Oakland Museum of California, die Roche berühmt machten und ihm 1982 den Pritzker Prize eintrugen, den Nobelpreis der Architektur. Wie kein anderer Architekt vor ihm versuchte Roche Architektur und Natur zu verbinden, versuchte wegzukommen von kalten, von Glas und Beton geprägten Gebäuden, die die Natur eher hermetisch ausschlossen, als im Einklang mit ihr zu existieren. Keine so markanten, bombastischen Gebäude wie viele Kollegen entwarf Roche durch diesen Ansatz, sondern lebensnahe, bewohnbare Gebäude.
 
Roche ist ein Problemlöser, kein Monumentenbauer formuliert es ein Kollege dann auch in Mark Noonans Dokumentation, die dem inzwischen 95jährigen Roche, nun ja, ein Denkmal setzt. Immer noch geht er täglich ins Büro, außer Sonntag, das hat er sich vor ein paar Jahren abgewöhnt, um etwas mehr Zeit mit seiner Frau Jane zu verbringen, mit der er seit über sechs Jahrzehnten verheiratet ist. Einen ungewöhnlichen, bescheidenen Mann porträtiert Noonan, eingerahmt von Aussagen etlicher Kollegen, die voller Respekt über das Lebenswerk Roches erzählen, vor allem aber von atemberaubenden Aufnahmen von Roches Gebäuden, die „Kevin Roche – Der stille Architekt“ auch optisch zu einer sehenswerten Hommage an einen großen Architekten machen.
 
Michael Meyns