Kid-Thing

Eine Mischung aus lyrischem, magischem Realismus und fast dokumentarischen Bildern prägt David Zellers Low Budget Film „Kid-Thing.“ Mit diesen stilistischen Mitteln wird von der zehnjährigen Annie erzählt, die irgendwo im tiefen amerikanischen Süden abseits der gesellschaftlichen Normen lebt und ihr völlig freies Leben gleichzeitig geniesst und daran zugrunde geht. Ein sehr sperriger, aber sehenswerter Film.

Webseite: www.kidthing.wfilm.de

USA 2012
Regie, Buch: David Zellner
Darsteller: Sydney Aguirre, Nathan Zellner, David Wingo, Zack Carlson, Heather Kafka, Susan Tyrrell
Länge: 85 Minuten
Verleih: W-film
Kinostart: 22. August 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Äußerlich wirkt Annie (Sydney Aguirre) wie eine durchschnittliche Zehnjährige aus etwas ärmlichen Verhältnissen. Sie lebt mit ihrem Vater in einem Haus, irgendwo im amerikanischen Süden – doch hier hört die Normalität schon auf. Praktisch allein sorgt sie für sich, macht sich zu Essen, geht ihrer Wege, die sie nicht in die Schule, sondern durch die Straßen des Ortes oder in den Wald führen. Ihr Vater kümmert sich mehr um seine Ziegen als um seine Tochter und so ist Annie ein praktisch von der Welt vergessenes Wesen, dem jegliche Konstanz im Leben fehlt.

So treibt sie sich herum, immer auf der Suche nach Abenteuern, voller Blödsinn im Kopf. Doch ihre Streiche haben wenig gemein mit den Lausbubereien eines Tom Sawyers oder Huck Finn, an die sie nicht nur der ländlichen, beschaulichen Umgebung wegen erinnert. Wenn es harmlos zugeht, lässt Annie Bananen mit Böllern explodieren oder schießt mit einer Farbpistole auf tote Rinder, wenn es etwas radikaler zugeht wird es schon mal lebensgefährlich: Dann beschießt oder beschmeißt sie Autos oder Passanten oder beschimpft am Telefon wahllos ahnungslose Opfer.

So ziellos, so verloren wirkt dieses Mädchen, so allein gelassen von der Welt, dass man ihr trotzdem nicht wirklich böse sein kann. Eher wie ein Opfer der Umstände wirkt sie, als wie eine wirklich niederträchtige Person. Dass diese Umstände der im Kino so beliebte amerikanische Süden und seine ärmliche Bevölkerung sind, für die „Rednecks“ noch eine freundliche Bezeichnung ist, lässt David Zellners Film immer wieder hart an die Grenze der Zurschaustellung geraten. Allzu bizarr wirken die rohen, ungewaschenen Gestalten, die auf durchgesessenen Sofas im Unterhemd sitzen, Bier trinken und ziel- und planlos dahinleben.

Doch Zellner blickt nicht von oben herab auf seine Figuren, sondern begegnet ihnen mit Respekt, in den sich manchmal auch so etwas wie Sympathie für ein anarchisches Leben schleicht, dass so weit weg von der „Norm“ der Gesellschaft ist. Noch wichtiger ist jedoch die lyrische Komponente, die sich mit dem lakonischen Sozialrealismus abwechselt.
Immer wieder verweilt die Kamera etwas zu lange auf Menschen und Gegenständen, auf der Natur und vor allem auf Annie, und verleiht dieser heruntergekommenen Welt eine unwirkliche Schönheit.

Der magische Ansatz wird verstärkt durch ein surreal wirkendes Loch im Wald, in dem Annie eine Frau findet, die vielleicht nur in ihrer Phantasie existiert. Nur die flehende Stimme dringt aus der Tiefe heraus, mal um Hilfe bittend, mal befehlend. Mit keiner anderen Person kommuniziert Annie so intensiv wie mit dieser Stimme, fühlt sich von ihr abgestoßen aber auch angezogen, sieht in ihr mal einen typischen Erwachsenen, dann die vage Hoffnung eines Auswegs aus ihrer Lage.

Man könnte die Stimme aus dem Loch, aus dem Nichts, als Annies Gewissen betrachten, dass in einer Welt ohne moralische Koordinaten lange still war und sich nun regt. Ohne die Metapher zu weit zu führen, ohne sie mit einer präzisen Erklärung zu entwerten, lässt Zellner sie im Raum stehen. Wie sehr Annie von dieser Erfahrung verändert wurde zeigt das letzte Bild, dass einem kleinen, trotz seiner geringen Mittel überraschenden Film, ein prägnantes, bemerkenswertes Ende verleiht.

Michael Meyns

Der Nihilismus ist gegenüber dem, was in diesem Film gezeigt und getrieben wird, wie Weihnachten. Denn negativer – und doch zugleich realer – geht’s nicht.

Annie heißt das etwa zwölfjährige Mädchen, das in einer öden texanischen Landschaft lebt und hier die Hauptrolle spielt. Es hat einen Vater, Marvin, doch mit dem ist nichts anzufangen. Er kümmert sich um seine Ziegen, meist schläft er. Sein Bruder schaut ab und zu herein.

Annie ist allein, verlassen. Dieses Verlorensein verfälscht offenbar ihren Charakter. Sie stiehlt Nahrungsmittel, “verarscht“ am Telefon einen Autohändler, bewirft fahrende Autos, tötet Raupen, treibt sich an Orten herum, an denen nur Knochen, Schutt und Kadaver herumliegen. Sie schießt mit ihrem Paintball-Gewehr auf Bananen und zerschmettert einem gelähmten Kind den Geburtstagskuchen. Mit einer Puppe spielt sie nicht, sondern reißt sie auseinander. Sie besucht einen Gitarrenspieler, der aber – um nicht vom Thema abzukommen – schwer behindert ist.

Einmal findet sie endlich Gesellschaft. Sie macht in einer Kinderfußballmannschaft mit. Oder sie vergnügt sich mit einem Videospiel.

Tief im Wald findet sie einen Schacht, in dem versteckt Esther lebt – und um Hilfe bittet. Annie holt jedoch keine Hilfe, bringt der Frau lediglich Brote, etwas zu trinken und ein Funkgerät. Denn Esther könnte in den Augen von Annie eine Hexe oder gar der Teufel sein.

Der Vater bricht zusammen. Annie steigt in den dunklen 25 Fuß tiefen Schacht.

Die Kehrseite der schönen Welt. Aber wie gesagt, es gibt solche Situationen, solche – oft erzwungenen – Lebensweisen, solche zivilisatorischen Wüsten, solche Lebensabschnitte, solche Menschen, solche Charaktere.

David und Nathan Zellner – für den Film verantwortlich – delektierten sich anscheinend an diesem – durchaus existierenden – Nihilismus; in jeder Szene hauen sie noch eins drauf. Eine ganz besondere Stilart und Sichtweise.

Doch was ist denn das! Durchwirkt ist der Film mit schönen Himmels-, Sonnenlicht-, Wetter- und Landschaftsaufnahmen – vielleicht ein Versuch, ihn ein wenig „schöner“ zu machen.

Das Ganze ist etwas zum Nachdenken.

Thomas Engel