Killing Time – Zeit zu sterben

Dass nichts Gutes dabei herauskommt, wenn zwei Auftragskiller zuviel Zeit haben und sich beim Warten auf den nächsten Job fürchterlich langweilen, wissen wir seit Tarantinos „Pulp Fiction“. Der rumänische Schauspieler und Regisseur Florin Piersic Jr. wagt nun eine ungewöhnliche Genre-Variation, die den rumänischen Realismus mit ins Spiel bringt. Das Kammerspiel entstand mit einfachsten Mitteln im hochsommerlichen Bukarest.

Webseite: www.drei-freunde.de

Originaltitel: Killing Time
Rumänien 2012
Buch und Regie: Florin Piersic, Jr.
Darsteller: Florin Piersic, Jr., Cristian Ioan Gutău, Olimpia Melinte, Daniel Popa, Florin Zamfirescu
Verleih: drei-freunde Filmverleih
Länge: 103 Minuten
Kinostart: 20. Februar 2014

FILMKRITIK:

Zwei namenlose Killer hängen in einem modernen Appartement ab. Sie rauchen, trinken Kaffee, spielen lustlos Tischtennis. Einer der beiden schildert in endlosen Monologen unbedeutende Episoden aus seinem Leben und fordert den anderen zu lächerlichen Spielchen auf. Frage: „Welcher Comic-Held ist der coolste?“ Der andere schweigt meist und leidet sichtlich unter seinem mitteilungsbedürftigen Kollegen. Außerdem fürchtet er um das Leben seines Kindes, das gerade im Krankenhaus operiert wird. Die Luft in der Wohnung wird immer dicker, die Stimmung immer mieser. Als schließlich das Opfer, ein Notarzt, der lediglich seine Arbeit getan und ein Menschenleben gerettet hat, die Wohnung betritt, gerät die Lage außer Kontrolle.

Es lässt sich nicht anders formulieren: Fast die gesamte erste Hälfte von „Killing Time“ ist selbst für knochenharte Cineasten eine Herausforderung und will mehr durchgestanden als genossen werden. Genauso schnell muss man hinterher schieben: Es lohnt dann doch, die Geduld aufzubringen. Denn in der zweiten Hälfte gelingt es Florin Piersic, Jr., Sohn der rumänischen Filmlegende gleichen Namens, seine Genre-Meditation in eine vorher ungeahnte Dimension zu bringen.

Glücklicherweise beginnt der Film mit einer Sequenz, die das Niveau des Endes schon vorausahnen lässt. Da sitzt ein alter, freundlicher Mann am Tisch und spricht über sein Leben, über das Rauchen, das Trinken und darüber, dass er doch besser eine Familie hätte gründen sollen. Sein Gesprächspartner schweigt meist, und die Kamera verharrt auf dem Gesicht des alten Mannes. Ganz langsam öffnet sich die Einstellung durch einen langsamen Schwenk, der nun auch den anderen Mann ins Bild nimmt. Langsam wird auch klar, wozu dieser Mann gekommen ist. Die lange Plansequenz kommt ohne Schnitt aus.

Handwerklich ist Piersic nah dran an den Gestaltungsmitteln des rumänischen Kinos. Er setzt die Handkamera minimalistisch und effektiv ein, ist sehr nah dran an der Figuren und hat den Willen zum stilistischen Experiment. Als ein solches entpuppt sich schließlich der gesamte Film. Die gewollte Kunstlosigkeit der Kadragen, die schmucklosen Bilder ohne künstliches Licht, die scheinbar versehentlichen Unschärfen gehören genauso dazu wie die stellenweise unerträglich langen Monologe des einen Killers. Sie lassen Tarantino zwar anklingen, sind aber nicht annähernd so literarisch ausgefeilt, so witzig und scharf. Bei Piersic klingt der Killer nur stumpf. Und doch ist er es, der die zweite Hälfte des Films dominiert. Blut fließt und es kommt fast so etwas wie Dramatik auf, aber nie in der forcierten Weise wie zum Beispiel in Tarantinos „Reservoir Dogs“, mutmaßlich der unmittelbaren Inspiration zu „Killing Time“. Piersic entschleunigt das Geschehen immer wieder, er ist nicht auf eine Spannungsdramaturgie aus. Sein Film wird zu einem ungewöhnlichen, unangenehmen und auf merkwürdige Art psychedelischen Drama über Leben und Tod, über die Realität des Sterbens und des Tötens als Geschäft. Piersic hebelt Genre-Konventionen aus, die das Handwerk des Killers glorifizieren, und zeigt seine nackte, stumpfe, brutale Hässlichkeit.

Oliver Kaever