Kinoleben – Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos

Vor zwei Jahren ging in Tübingen eine Ära zu Ende: Nach einem halben Jahrhundert fiel im Programmkino Arsenal der letzte Vorhang. Die Doku „Kinoleben“ widmet sich der ereignisreichen Geschichte des Kinos und der deutschen Arthouse-Kinoszene in ihrer Gesamtheit. Mit Akribie und hochgradiger Vielschichtigkeit arbeitet sich Regisseur Goggo Gensch durch die wichtigsten Etappen in der Historie dieser kulturell so wichtigen Orte. Ein spannender, leidenschaftlich umgesetzter Film mit hoher Informationsdichte, nicht nur für Cineasten und Film-Fans empfehlenswert.

 

Über den Film

Originaltitel

Kinoleben – Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos

Deutscher Titel

Kinoleben – Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos

Produktionsland

DEU

Filmdauer

102 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Gensch, Goggo

Verleih

Der filmverleih GmbH

Starttermin

12.03.2026

 

Lange Zeit prägte das Arsenal das kulturelle Leben Tübingens. Das legendäre Programmkino schloss nach 50 Jahren im Februar 2024 seine Tore. Nachdem der letzte Film gezeigt wurde („Die letzte Vorstellung“ von Peter Bogdanovich), begleitet Filmemacher Goggo Gensch den Arsenal-Gründer Stefan Paul auf eine bewegende Reise. Gemeinsam besuchen sie die Orte, an denen in Deutschland Programmkino-Geschichte geschrieben wurde.

Doch zuerst sehen wir in „Kinoleben“ Bilder vom Abschied. Viele Menschen sind gekommen, um sich den letzten Film im Arsenal anzusehen. Vor dem Gebäude hält Stefan Paul eine bewegende Rede. „Das Arsenal war mein Lebenswerk“, sagt der Filmverleiher und Kinomacher der ersten Stunde. Als er 1974 das Arsenal gründete, war es das erste Programmkino Baden-Württembergs. Welchen Stellenwert es für die Tübinger hat, zeigt sich an den Äußerungen der Anwesenden. Gensch entlockt ihnen ganz persönliche Erinnerungen. „Mein halbes Studentenbudget habe ich hier gelassen“, sagt ein Besucher mit bedrückter Stimme.

Den ganzen Film über erweist sich der Regisseur als interessierter, einfühlsamer Interviewer und Gesprächspartner. Ein Dokufilmer, der vor unangenehmen Fragen nicht zurückschreckt. So konfrontiert er Tübingens OB Boris Palmer mit der Frage, ob die Stadt vielleicht zu wenig unternommen habe, um das Kino zu retten. Daneben lasst Gensch Ikonen der Indie- und Arthouse-Szene (Wim Wenders, John Waters) ebenso zu Wort kommen wie Schauspieler (Ulrich Tukur), Wissenschaftler, Filmkritiker und Drehbuchautoren. Sie alle geben ihre kundigen Einschätzungen zur Lage der Programmkinokultur in Deutschland ab.

Gensch erweist sich als akribischer, bewanderter Chronist – der weit in der Zeit zurückreist. Denn um die Bedeutung der lokalen Programmkinos zu verstehen, muss man einen Blick auf die späten 60er- und frühen 70er-Jahre werfen. In dieser Ära zentraler gesellschaftlicher Umbrüche und des kulturellen Aufbegehrens liegen die Ursprünge der Filmkunstkinos. Fotos und Bewegtbild-Aufnahmen veranschaulichen die Aufbruchstimmung jener Zeit. Gerade bei jungen Leuten und Studenten verfestigte sich der Wunsch, dem Establishment in kultureller Hinsicht etwas entgegenzusetzen.

Und so entstanden allmählich jene Kinos für anspruchsvolle, sozialkritische Indie- und Undergroundfilme, die alternative Denkweisen förderten und über die anschließend herzhaft debattiert werden konnte. Orte zum Fachsimpeln oder für einen gemütlichen Plausch, denn Kinos wie das Arsenal waren immer beides: Anlaufstelle für Filmschaffende sowie -fans und gleichzeitig Bar mit gastronomischem Angebot. Menschen konnten gemütlich einkehren und etwas trinken – auch wenn sie weniger an Filmen interessiert waren.

Zu einigen dieser wegweisenden und heute noch existenten „Szenetreffs“ und ihren Machern reist Gensch. Darunter das „Abaton“ in Hamburg oder das Filmtheater „Wolf“ in Berlin-Neukölln. Der Austausch mit den Inhabern erweist sich besonders spannend. Aus erster Hand berichten die Theaterleiter vom täglichen Überlebenskampf der Programmkinos. Daneben beleuchtet „Kinoleben“ Aspekte wie die Kinoförderung und die Gefahren der (politischen) Abhängigkeit, wenn man sich als Kinobetreiber in den „Subventionsapparat“ begibt. Doch ohne finanzielle Förderung haben es die kleinen Kinos mit ihren „Nischenprodukten“ gegen die großen Mainstream-Ketten schwer. „Es ist ein beinhartes Kommerzbusiness“, bringt es einer der Befragten auf den Punkt.

Die Faktenfülle des Films ist beachtlich, dennoch bekommt der Zuschauer all diese Inhalte unaufgeregt präsentiert und in schlüssigen, angenehm konsumierbaren Informations-Häppchen serviert. Und ganz am Schluss kehrt Gensch dann wieder zum Ausgangsort zurück. Die Schilder im Arsenal werden abgehängt, die Sessel abmontiert und das Gebäude geräumt. Die Mitarbeiter machen letzte Fotos vom Vorführraum und Kinosaal. Es ist das Ende einer Kult-Spielstätte, von denen es in Deutschland aktuell noch einige Hundert gibt. Liebevoll geführte Kinos mit kuratiertem Programm, die sich gegenüber Streaming, IMAX & Co. wacker behaupten.

 

Björn Schneider

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