Klitschko

Ring frei für: „Vier Fäuste für ein Aufsteiger-Halleluhja“. Eine Dokumentation über die Klitschko-Brüder war eigentlich längst überfällig. Die mehrfachen Box-Weltmeister sind bei Publikum und Medien gleichermaßen populär, werden gefeiert wie Popstars und sind hochdotierte Werbe-Ikonen. Die Karriere der charmant charismatischen Muskelpakete klingt wie ein Kino-Märchen: Von der spartanischen Kindheit in der Sowjetunion zu doppelten Weltmeistern – nicht nur im Boxring, auch medial sind die beiden zwei einzigartige Schwergewichte. Wie diese beiden Brüder ticken, was ihre Eltern sagen und wie Weggefährten sie beschreiben, das erfährt man in einer kurzweiligen Doku, die immer dicht und angenehm unaufdringlich am Objekt der filmischen Begierde bliebt. Für Klitschkoianer ein absolutes Muss – aber auch für Box-Muffel ein durchaus interessantes Bio-Pic.

Webseite: www.klitschko-film.de

Deutschland 2011
Regie und Drehbuch: Sebastian Dehnhardt
Darsteller: Vitali Klitschko, Wladimir Klitschko, Fritz Sdunek, Emauel Steward, Bernd Bönte, Wladimir Rodionowitsch Klitschko (Vater), Nadeschda Uljanowana Klitschko (Mutter), Natalie Klitschko, Lennox Lewis, Lamon Brewster, Chris Byrd
Laufzeit: 110 Minuten
Kinostart: 16.6.2011
Verleih: Majestic

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Sie haben einen Bekanntheitsgrad von 99 Prozent“ – wenngleich diese Eigenwerbung etwas übertrieben sein mag, so gehören die Klitschko-Brüder allemal zu den bekanntesten Figuren hierzulande, ihr Name ist längst als Marke geschützt. Wenn einer der beiden im Ring steht, lockt das locker bis zu 14 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. 88 Profiboxer haben Vitali und Wladimir bis heute K.o. geschlagen. Vier der fünf relevanten Schwergewichts-Weltmeistertitel sind in ihrem Besitz. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis das Phänomen dieser geselligen, gut gelaunten und auffallend höflichen Ausnahmeathleten aus der Ukraine zum Objekt eines Dokumentarfilmes wird.

Mit Regisseur Sebastian Dehnhardt wurde ein Legenden erfahrener Regisseur gefunden, der bereits Willy Brandt, Alfred Krupp oder Heinz Rühmann ein filmisches TV-Denkmal gesetzt hat. Mit „Klitschko“ will der Emmy gekrönte Regisseur nun auf die große Leinwand. Das fast zweistündige Werk zeichnet die sportliche Karriere nach und eröffnet erstaunlich persönliche Einblicke in das Leben der beiden Box-Ikonen. Erzählt wird vom steinigen Weg einer spartanischen, sozialistisch strammen Kindheit in der Ukraine bis zur mehrfachen Weltmeisterschaft im Schwergewicht.

Am Anfang waren Chuck Norris und Schwarzenegger. Deren Poster hängen die kleinen Klitschkos im Zimmer auf und beginnen mit dem lange verbotenen Kick-Boxen. Langsam aber sicher startet die Box-Karriere, bei deren Beginn in Flensburg der eine Bruder den anderen heimlich doubeln muss, weil Wladimir zuvor gesperrt wurde. Die Profi-Laufbahn lässt nicht lange auf sich warten, der berühmt berüchtigte Box-Promotor Don King will die Brüder unter Vertrag nehmen. Eine wackelige Videoaufnahme dokumentiert die damalige Begegnung und warum dieser Deal damals nicht zustande kam – die Pointe dieser überaus hübschen Anekdote wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten (ebenso wie die astronomische Gage der Boxer, die sich auf höchstem Hollywood-Niveau bewegt).

Die Doku erzählt so einfallsreich wie eindrucksvoll, wie die Klitschkos sich auf ihre Kämpfe vorbereiten und wie brutal es im Ring zugeht. Da gibt es ein blutiges Auge für Vitali, das mit 120 Stichen genäht werden muss. Schlimmer als solche Schmerzen scheint die Angst des Boxers vor den „Weichei“-Schmähungen der Fans. Als Comeback-Versuche scheitern, braucht es schon die Worte eines Max Schmeling, um den Zwei-Meter-Riesen wieder aufzubauen. Tatsächlich wird die „They never come back“-Weisheit triumphal widerlegt, wobei das harmonische Duo im österreichischen Trainingscamp in heftigen Streit gerät.

Neben den sportlichen Karriere-Stationen kommen die privaten Seiten nicht zu kurz. Die herbe Kindheit in der winzigen Wohnung. In der Schule ständig gehänselt, verlangt der strenge Vater, dass Vitali sich gefälligst wehren solle. Wenn die Jungs im Wohnort Kaserne eine Tellermine finden und Papa unters Bett legen, werden solche Streiche mit Schlägen mit dem Ledergürtel quittiert. Dann passiert die Katastrophe von Tschernobyl. Der Vater wird beim Einsatz verstrahlt, Diagnose Krebs. Die Kinder spielen im Wasser, mit dem die zurückkehrenden Rettungsfahrzeuge in der Kaserne gewaschen werden. „Ich habe in diesen Pfützen meine Papierboote fahren lassen“ erinnert sich ein nachdenklicher Wladimir. Die realen Gefahren bleiben unerkannt, „die Regierung hat uns alle belogen“, klagt der Vater. Die Mutter, adrett im bieder bunten Strickpulli, kommt gleichfalls zu Wort. Erzählt, dass sie sich keinen der Kämpfe ansehen kann, stattdessen spazieren geht und auf den erlösenden Anruf auf dem Handy wartet. Bisweilen folgt ein zweiter Anruf vom Sohn: „Ich hab’ vergessen, dass ich die lieb habe“. Bei solchen Geschichten setzt Wladimir einmal mehr sein verschmitztes Grinsen aus der Schoko-Reklame auf. Das dürfte ihm auch bei der Film-Premiere auf dem Festival von Tribeca nicht vergehen – da treffen die Klitschkos auf einen besonderen Champion: Festival-Chef Robert De Niro, die Box-Legende aus Scorseses „Wie ein wilder Stier“.

Dieter Oßwald

Die beiden Klitschko-Brüder sind ansehnlich, athletisch, berühmt, sozial sowie politisch engagiert und Boxweltmeister. Kein Wunder, dass darüber bald ein Dokumentarfilm fällig war.

Eltern und Kinder sind Ukrainer. Die Mutter ist die Seele der Familie, die von den Söhnen auch heute noch heiß und innig geliebt wird. Der Vater, stolz auf Vitali und Wladimir, war Luftwaffenoffizier in der Sowjetunion.

Der Beweis der sportlichen Begabung der Klitschko-Brüder ließ nicht lange auf sich warten. Nach der Amateurzeit in Kiew und norddeutschen Clubs winkten Olympische Medaillen – da war es bis zum Wechsel ins Profilager nicht mehr weit.

Schwere Brocken mussten die beiden besiegen, ein paar Mal gingen sie natürlich auch selbst zu Boden. Zu den Höhepunkten kam es im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Und in jüngster Zeit waren wieder Topsiege zu vermelden. Beide, Vitali und Wladimir, sind heute Weltmeister.

Das bewegte Leben der Familie (schon durch die häufigen Versetzungen des Vaters bedingt), ihr absoluter Vorrang, das intakte brüderliche Verhältnis, der Aufstieg in Deutschland und in den Vereinigten Staaten, die vielen mühsamen Trainingsstunden, viele sympathische (filmische) Begegnungen mit den Brüdern, manches Bedenkenswerte, was dabei gesagt wird – das alles ist in formal zwar einfacher aber informativer und sogar unterhaltsamer Weise dargeboten.

Von den Erfolgen ist ebenso die Rede wie von den Niederlagen, vom bisherigen politischen Scheitern in der Ukraine ebenso wie vom privat-familiären Glück.

Für „normale“ Besucher durchaus von einem gewissen Interesse, für Box-Fans sicherlich ein Muss.

Thomas Engel