La Belle Saison – Eine Sommerliebe

Mitreißend inszeniert Regisseurin Catherine Corsini in ihrem romantischen Drama um die Liebe zwischen zwei Frauen die Aufbruchsstimmung und den stürmischen Geist der 70er Jahre.  Konsequent und sensibel arbeitet die 59jährige Französin auch die sinnlich-erotischen Aspekte heraus und beschreibt, ohne Voyeurismus, intensiv das Begehren des emotionalen Ausbruchs. Obwohl das gefeierte Freiheitsversprechen nur trügerische Kulisse für einen kurzen Sommer der Anarchie ist, wecken die vitalen Bilder vom Landleben die Sehnsucht auf unbeschwertes Lebensgefühl, eingebettet in idyllische Natur. Vor allem überzeugen jedoch ihre Hauptdarstellerinnen Cécile de France und Izïa Higelin durch ihr authentisch- leidenschaftliches Spiel.

Webseite: www.alamodefilm.de

Frankreich 2015
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss
Kamera: Jeanne Lapoirie
Darsteller: Cécile de France, Izïa Higelin, Noémie Lvovsky, Kévin Azaïs, Laetitia Dosch, Benjamin Bellecour, Sarah Suco, Nathalie Beder, Calypso Valois, Jean-Henri Compère, Bruno Podalydès
Länge:  105 Minuten
Verleih: Alamode Filmverleih, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 5. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Dass Frankreich die blonde Belgierin  liebt, ist spätestens klar, seitdem Cécile de France  die Eröffnung des Filmfestivals Cannes moderieren durfte – was einer nationalen Liebeserklärung gleich kommt. Oft burschikos, aber sympathisch wie die Frau von nebenan, hat die hochtalentierte Mimin mit der Zahnlücke seit ihrem internationalen Durchbruch mit „L'auberge espagnole“ immer wieder überrascht. Clint Eastwood holte sie für seinen übersinnlichen Thriller „Hereafter – Das Leben danach“ nach Hollywood, und mit Gérard Depardieu lieferte sie sich schon  mit „Chanson d'Amour“ ein Schauspiel-Duell.
Aber auch mit den wallonischen Autorenfilmduo Dardenne meistert sie bravoröus wirklichkeitsnahe Alltagsdramen wie „Der Junge mit dem Fahrrad“ vom Rande der Gesellschaft.
 
Im neuen Liebesdrama um eine Beziehung zwischen zwei Frauen, die Ausgrenzung erfahren, spielt die 40jährige erneut eine Lesbe und meint dazu lapidar: „Ich habe kein Problem, die französische Berufslesbe zu sein. Außerdem lerne ich dabei viel über das Verhältnis der Geschlechter.“ Als starke, moderne Frau in der Hippiezeit begeistert die vielseitige Actrice mit umwerfender, unübersehbarer Spielfreude. Authentisch verkörpert die Wahlpariserin, die für jede ihrer Figuren eine eigene Körpersprache findet, unter Catherine Corsinis Regie die Aufbruchsstimmung und den stürmischen Geist der 70er Jahre. 
 
Frankreich 1971: Eine Romeo-und-Julia-Tragödie der besonderen Art nimmt ihren Lauf. Frustriert verlässt die 23jährige Delphine (Izïa Higelin) den Bauernhof  ihrer Eltern. Um sich der Heirat mit ihrem Jugendfreund Antoine (Kévin Azaïs) zu entziehen und gleichzeitig die Enttäuschung über die Hochzeit ihrer heimlichen Freundin zu vergessen, flüchtet sie nach Paris. Dort angekommen, genießt sie in ihrer Dachgeschosswohnung die neu gewonnene Unabhängigkeit.  Zufällig gerät die bodenständige Frau aus der Provinz auf dem Weg zur Arbeit in eine Straßen-Aktion junger Feministinnen. Ohne groß Nachzudenken hilft sie beherzt der lebhaften Carole (Cécile de France), der Anführerin der Gruppe, aus der Bredouille.
 
Eine schicksalhafte Begegnung für beide Frauen. Schon bald gehört Delphine zusammen mit Carole zum „Inner Circle“ der stürmischen Bewegung. Als die Gruppe beschließt einem befreundeten schwulen Mann, der von seiner Familie gegen seinen Willen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, zu befreien, sind beide mit Feuereifer dabei. Die Rettung gelingt. Gemeinsam mit dem Verstörten fliehen sie mit einem Bus in den Süden. Für eine Nacht landet der Trupp auf dem Bauernhof einer Bekannten. Während des Abendessens kommen sich Carole und Delphine näher. 
 
Doch als Delphines Vater (Jean-Henri Compère) einen Schlaganfall erleidet, wird ihre junge Affäre jäh unterbrochen.  Schweren Herzens kehrt sie auf den elterlichen Hof zurück, um ihre Mutter  Monique (Noémie Lvovsky) zu unterstützen. Bald freilich folgt ihr Carol, nachdem sie ihren langjährigen Freund Manuel (Benjamin Bellecour) endgültig verlassen hat. Ein kurzer, heftiger flüchtiger Sommer gemeinsamen, verbotenen Glücks beginnt. Die stürmische Leidenschaft, mit der sich das Paar bei seiner erneuten Begegnung in den Armen liegt, bleibt jedoch nicht unbemerkt. Widerstand und Ärger stellen sich in der engstirnigen Provinz bald ein. Und auch Delphine kann sich dem nicht ganz entziehen.
 
Regisseurin Corsini malt die sich anbahnende Romanze in hoffnungsvollen Farben.  Dabei liebt sie nicht zuletzt ihre Landschaftsaufnahmen. In ruhigen Bewegungen fährt die Kamera über sie hinweg und findet immer neue idyllische Bilder. Selbst wenn nach einem kurzen Sommer der Anarchie Arkadien verschwindet. Die Sehnsucht bleibt. Vor allem ist da diese ungeheure Musikalität in der Montage der lichtdurchfluteten Landschaftsbilder. Aber auch die Erinnerung an eine Zeit des Aufbruchs mutiger Feministinnen.  Eine Anleihe an die verheißungsvolle psychiatrische Reformbewegung aus Italien, die Ende der sechziger Jahre begann, wirft ein Licht auf die vielfältigen Aktionen von damals.
 
Von Ang Lees schwulen Neowestern „Brokeback Mountain“,  der die homosexuelle Liebe als Gipfel des Nonkonformismus inszenierte, zeigte sich der liberale Mainstream schlichtweg verzaubert. Ob die lesbische Sommerliebe ohne glamouröse Körper-Theatralik ebenso punkten kann wie der dreifache Oscargewinner, bleibt dahingestellt. Denn die beiden Cowboys waren schließlich keine Hippies, sondern Machos, die ihre private sexuelle Revolution vor sich selbst geheim halten wollten.
 
Luitgard Koch