La deutsche Vita

„Was macht man, wenn man es daheim zu nichts bringt? Man geht nach Berlin und bringt es dort zu nichts.“ Das gilt, glauben die Filmemacher, für viele italienische Kreative, die seit einigen Jahren in die deutsche Hauptstadt ausschwärmen auf der Suche nach Freiheit, Lässigkeit, Spaß. Auch die beiden Filmemacher Alessandro Cassigoli und Tania Masi leben seit Jahren in Berlin. In ihrer mittellangen Doku beobachten sie ihre Landsleute und gehen den allseits beliebten Klischees über Italiener, Deutsche und deren Verhältnis zueinander auf den Grund.

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Deutschland 2013
Buch und Regie: Alessandro Cassigoli, Tania Masi
Kamera: William Chicarelli Filho
Länge: 60 Minuten
Verleih: Rise And Shine Cinema
Kinostart: 6. März 2014

FILMKRITIK:

Alessandro Cassigoli arbeitet als Regisseur von TV- und Kino-Dokumentation in Berlin. Seit sieben Jahren. Und jetzt, in einem weiteren dieser kalten, grauen deutschen Winter, packt ihn das Heimweh. Alessandro wird bewusst, dass er ein Einwanderer ist. Er mag Berlin, aber Heimat wird es ihm nie sein. Um seine Melancholie zu bekämpfen, begleitet er Landsmänner und -frauen in ihrem Alltag durch den so vertrauten und doch merkwürdig anderen Alltag in der deutschen Metropole. Da ist der Freund, der seit Jahren auf seinen Durchbruch als Schauspieler wartet. Der Künstler, der Bruschetta auf dem Markt verkauft, um Super-8-Filme drehen zu können. Und da ist die ältere Generation von Gastarbeitern, die schon Jahrzehnte früher kam. Wie der Frisör, der seit vierzig Jahren in Deutschland lebt und vier Kinder von vier verschiedenen (deutschen) Frauen hat. Einig sind sich alle: sie leben gern in Berlin – aber komisch sind sie schon, diese Deutschen.

„La Deutsche Vita“ zelebriert die seit vielen Jahrzehnten gehegten und gepflegten Gegensätze zwischen Deutschen und Italienern. „Italiener respektieren die Deutschen, aber sie lieben sie nicht. Deutsche lieben die Italiener, aber sie respektieren sie nicht“, so bringt Cassigoli das Verhältnis auf den Punkt. So begegnet der Zuschauer vielen italienischen Originalen, die sich mit ihrem Fremdsein arrangiert haben und lustig darüber zu erzählen wissen – auch mit der Italienern typischen ausgreifenden Gestik. Man kann „La Deutsche Vita“ nicht den Vorwurf machen, Klischees lediglich zu reproduzieren und sie nicht zu hinterfragen. Vielleicht ist es eher so, dass in diesem Fall im Klischee viel Wahrheit steckt. Selbst Italiener, die lange mit Deutschen verheiratet sind, zählen deren unvermeidliche Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zu den positiven Eigenschaften, während sie mit gehemmtem Gefühlshaushalt und ständiger Diskutierlust weniger gut klarkommen.

Mit neuem Erkenntnisgewinn ist also nicht zu rechnen. „La Deutsche Vita“ ist aber ein genüsslicher und vergnüglicher Streifzug durch den Großstadt- und Klischeedschungel, der sich selbst und seine Protagonisten nicht ganz ernst nimmt. Darüber hinaus zeichnet der Film aber, vielleicht unabsichtlich, ein überaus spannendes Bild von Berlin, das sich in den letzten Jahren zu einer echten multikulturellen Metropole entwickelt hat. Überraschend ist weniger, wie die verschiedenen Kulturen ihre gegenseitigen Vorurteile kultivieren. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Berlin Menschen aus der ganzen Welt anzieht und wie daraus eine einzigartige Mischung aus nebeneinander existierenden Subkulturen entsteht. „Berlin hat etwas, das Dich nicht mehr loslässt“, heißt es an einer Stelle. Dass die italienische Kultur völlig selbstverständlich dazugehört, thematisiert „La Deutsche Vita“ gar nicht mehr, sondern nimmt es als selbstverständlich hin. Vor dem Hintergrund rückwärts gewandter Diskussionen um Zuwanderung ist das keine Kleinigkeit.

Oliver Kaever