Lady Henderson präsentiert

Mit „Lady Henderson präsentiert“ wird ein Stück britischer Theatergeschichte vor und während des Zweiten Weltkrieges wieder lebendig. Regisseur Stephen Frears erzählt darin vom Londoner Winmill Theatre und seinem Varieté-Programm mit nackten Tatsachen, vom Widerstand gegen Moralapostel und der Notwendigkeit von eskapistischer Unterhaltung zu Kriegszeiten. Die unterhaltsam nostalgische, bisweilen etwas sentimentale Mixtur aus Drama, Komödie und buntem Musical trumpft dabei vor allem mit Judi Dench als quirlig exzentrische Aristokratenwitwe auf, die sich mit dem ebenfalls glänzenden Bob Hoskins in einer Hassliebe spitzzüngige Dialogduelle liefert.

Webseite: www.movie.de

Mrs. Henderson presents
Großbritannien 2005
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Martin Sherman
Darsteller: Judi Dench, Bob Hoskins, Kelly Reilly, Will Young
103 Minuten, Farbe
Verleih: Buena Vista
FSK: ab 6 Jahren
Kinostart: 22. Juni 2006

PRESSESTIMMEN:

Eine spitzzüngige Komödie… ein Feuerwerk an trefflichem Witz.
ARD

Stephen Frears’ Geschichte einer britischen Nacktrevue… Diese Welt der Musikrevuen und des Baudevilles haben Frears und seine Ausstatter ausgesprochen liebevoll, sorgfältig und auch witzig in Szene gesetzt… Very British indeed. – Sehenswert!
Tip Berlin

Judi Dench glänzt als spitzzüngige Chefin des legendären Windmill-Theaters und schockiert das prüde London während des Zweiten Weltkriegs mit einem Nackt-Varieté… Wie Judi Dench mit allen Finessen ihren Partner Bob Hoskins aus der Reserve lockt, entpuppt sich als Feuerwerk an trefflichem Witz.
Blickpunkt:Film

FILMKRITIK:

Nein, sticken ist nichts für Lady Laura Henderson (Judi Dench). Nachdem ihr Mann so rücksichtslos war, einfach zu sterben und sie allein zu lassen, muss sich die wohlhabende Aristokratin aber dennoch eine Beschäftigung suchen. Ihre Freundin Lady Conway empfiehlt ihr, sich einen Liebhaber zu nehmen – schließlich könne sie ihr Alter mit dem Geld wettmachen. Oder sie solle sich einfach etwas Schönes kaufen. Das tut Lady Henderson dann auch. Doch es sind keine Diamanten oder Pelze, die sie sich zulegt. Sie kauft sich ein altes Theater, das Winmill Theatre im Londoner Westend, und engagiert mit Vivian Van Damme (Bob Hoskins) einen künstlerischen Leiter, zu dem sie eine leidenschaftliche Hassliebe entwickelt. Als ihr erstes Programm nicht den gewünschten Erfolg bringt, hat Lady Henderson eine Idee: Sie will nackte Tatsachen auf der Bühne sehen, eine Show der entblößten, weiblichen Körper.

 

 

Mit „Lady Henderson präsentiert“ zeichnet Stephen Frears („Dirty Pretty Things“) die von ungehemmter Nostalgie durchwehte Geschichte des Londoner Theaters vor und während des Zweiten Weltkrieges nach. Er lässt damit, inspiriert von einer wahren Begebenheit, ein Stück britischer Theatergeschichte in eleganter Ausstattung die späten 30er und frühen 40er Jahre aufleben und rekonstruierte mit Liebe zum Detail dieses Londoner Moulin Rouge und seine Bühnenshows.

Bevor sich der Film später durch den Krieg verdunkelt und ernster wird, schlägt Frears überwiegend heitere Töne an: Er inszeniert schnelle Dialoge, eine ausufernde Nacktprobe und bunt kitschige Varieténummern, in denen meist der talentierte, englische Superstar-Gewinner Will Young in seiner ersten Filmrolle los singen darf. „Lady Henderson präsentiert“ ist dabei nicht nur eine Hommage an die Schönheit des nackten, weiblichen Körpers, sondern auch die Geschichte eines doppelten Widerstands: Zum einen gegen die Moralapostel, gegen die sich Lady Henderson durchsetzen muss und zum anderen gegen Krieg, gegen den die „Millerettes“ als „Babies of the Blitz“ aus Notwendigkeit eskapistischer Unterhaltung in diesen Zeiten selbst bei Bombenangriffen auf London noch ansingen.

Der große Trumpf dieser wundervoll altmodischen Mixtur aus Drama und Musikkomödie sind die Darsteller – allen voran die große, alte Dame des britischen Kinos Judie Dench, die für diese Rolle in diesem Jahr für den Oscar nominiert war. Als Lady Henderson wirbelt sie ungestüm in einer One-Woman-Show forsch und charmant, manchmal unhöflich und etwas arrogant durch diesen Film. Sie redet nicht um Dinge herum, sondern spricht die Dinge unverblümt und offen aus, was ein ums andere Mal die feine Londoner Gesellschaft irritiert. Vor allem in der ersten Hälfte des Films liefert sie sich spitzzüngige Duelle mit dem ebenfalls glänzend geifernden Bob Hoskins und überspielt den Mangel an Plot und die gelegentlichen Ausschläge ins Sentimentale mit quirliger Exzentrik.

Sascha Rettig

 

 

Ein Film, wie für Judy Dench geschaffen. Als frisch verwitwete Lady Henderson, die ihre neu gewonnene Freiheit mit der Gründung eines Varieté-Theaters im Londoner West End nutzt, brilliert die große Dame des britischen Schauspiels einmal mehr. Vor allem dank ihrer Präsenz schaut man Stephen Frears kurzweiligen Film gerne zu und sieht leichten Herzens über kleinere Schwächen hinweg

Als überaus wohlhabende Witwe im England der 30er Jahre hat man vor allem viel Zeit. Doch statt sie in langweiligen Komitees oder mit Stickarbeiten zu verbringen, entschließt sich Lady Henderson für eine andere Variante: Im Londoner West End ersteht sie ein abbruchreifes Theater. Mit Hilfe des von ihrer Selbstherrlichkeit nicht zu beeindruckenden Manager Vivian van Damm (Bob Hoskins), verwandelt Lady Henderson das Theater in ein florierendes Varieté, dass sogar – Skandal! – nackte Frauen präsentiert. Der anbrechende Krieg und vor allem die fortgesetzte Bombardierung der Stadt machen das (Über-)Leben zum täglichen Kampf, doch das Theater bleibt geöffnet. Selbst als alle umliegenden Häuser die Pforten geschlossen haben, leisten Lady Henderson und van Damm ihren Beitrag zur nationalen Moral: Wenn die jungen Soldaten schon zum Sterben an die Front geschickt werden, sollen sie vorher zumindest die Gelegenheit haben, hübsche junge Mädchen zu bewundern.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt fragt man sich allerdings, was dieser Film denn nun eigentlich will. Mit forschem Tempo entwickelt sich die Geschichte, skizziert oft etwas zu bruchstückhaft Charaktere und Hintergründe und reißt eine Vielzahl von Themen an, die alle im Mittelpunkt eines Films stehen könnten. Doch weder der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Lady Henderson und van Damm, noch der Erinnerung Lady Hendersons an ihren im ersten Weltkrieg verstorbenen Sohn, noch der kontinuierliche Wandel Lady Hendersons, die sich langsam ihrer snobistischen Haltung entledigt wird substanzieller Platz eingeräumt. Ein bisschen verliert sich Stephen Frears, der bislang eher als präziser Chronist der Arbeiterklasse aufgefallen ist, in den zahlreichen Schauplätzen, deren Möglichkeiten im besten Fall verschenkt, manchmal aber auch einfach nur abgehakt wirken.

Dass man bei diesen bisweilen allzu abrupten Wechseln nicht die Lust an diesem Film verliert, liegt neben Judy Denchs nuancierter Darstellung, vor allem an den geschliffenen Dialogen des Theaterautors Martin Sherman. Es macht einfach Spaß dem Getue britscher Society-Ladys zuzusehen, die Unterschiede in Bildung und Ausdrucksweise der verschiedenen sozialen Klassen, die sich unter dem Dach des Theaters versammeln, wahrzunehmen und den pointierten Streitereien zwischen Lady Henderson und van Damm zuzuhören. Angesichts dieser Qualitäten sieht man dann doch gerne über Schwächen in Aufbau und Struktur des Films hinweg.

Michael Meyns