Land der Wunder

Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes zählte Alice Rohrwachers im ländlichen Umbrien angesiedelte Familiengeschichte „Land der Wunder“ zu den großen Gewinnern. Rohrwacher widmet sich darin erneut der Adoleszenz-Thematik und einem vielleicht etwas naiven, jugendlichen Freiheitsdrang. Ihre mitunter märchenhafte Coming-of-Age-Studie bietet eine großartige junge Hauptdarstellerin (Maria Alexandra Lungu), viel Interpretationsspielraum und Italiens Kinostar Monica Belluci in einer schrägen Nebenrolle. Dafür gab es den „Großen Preis der Jury“.

Webseite: www.programmkino.de

OT: Le meraviglie
D/I/CH 2014
Regie & Drehbuch: Alice Rohrwacher
Kamera: Hélène Louvart
Darsteller: Maria Alexandra Lungu, Sam Louwyck, Alba Rohrwacher, Sabine Timoteo, Margarete Tiesel, André Hennicke
Laufzeit: 110 Minuten
Verleih: Delphi, Vertrieb: Central
Kinostart: 2.10.2014

FILMKRITIK:

Landflucht war gestern. Heute zieht es viele Menschen aus den Städten zurück in die Natur. Mit diesem nicht selten verklärten Blick auf ein Leben abseits der Städte, umgeben von viel Landschaft und noch mehr Idylle hat der italienische Cannes-Preisträger „Land der Wunder“ jedoch kaum etwas gemein. Der Film vermeidet die Perspektive eines gestressten Großstädters, seine Sicht ist vielmehr die eines 12-jährigen Kindes. Gelsomina (Maria Alexandra Lungu) ist die älteste von vier Töchtern und die große Hoffnung ihres strengen, bisweilen launischen Vaters (Sam Louwyck), dem sie trotz ihrer Jugend bei der Arbeit im Bienenstock und bei der Honigproduktion zur Hand gehen muss. Dass sich der Vater doch eher einen Sohn gewünscht hätte, der mit ihm die Imkerei betreibt, scheint ein durchaus naheliegender Verdacht.
 
Die Familie lebt in einem verfallenen, recht spartanisch eingerichteten Bauernhaus. Während die bisweilen überforderte Mutter (Alba Rohrwacher) die Erziehung der Kinder übernimmt, klammert sich ihr deutscher (?) Mann an das Bild einer augenscheinlich nicht ganz freiwilligen Aussteigerexistenz. Man kann nur Vermutungen über dessen Vergangenheit anstellen. Indizien wie der Besuch eines alten Jugendfreundes (André Hennicke) legen den Schluss nahe, dass es durchaus dunkle Kapitel gegeben haben muss. Vieles bleibt in „Land der Wunder“ ohnehin unbeantwortet. So unvermittelt der Zuschauer in den harten Alltag der Familie hineingeworfen wird, so plötzlich zieht sich die Kamera auch wieder aus diesem zurück. Die letzten Einstellungen zeigen das baufällige, scheinbar verlassene Landhaus, durch das nur noch der Wind weht.
 
Für die junge italienische Regisseurin Alice Rohrwacher ist es nach „Corpo Celeste“ bereits ihre zweite Arbeit, die in Cannes gezeigt wurde. Mehr noch: Die Jury unter Vorsitz von Jane Campion verlieh der ungewöhnlichen, zwischen Realismus und Märchen oszillierenden Coming-of-Age-Geschichte den „Großen Preis der Jury“. Offenbar traf gerade das Unfertige und Unfokussierte an „Land der Wunder“ den Nerv der Juroren. Sowohl manche Figuren wie die kaum in den Plot integrierte Cocò (Sabine Timoteo), eine Freundin der Familie, die ebenfalls das Bauernhaus bewohnt, als auch manche Episoden bringen die Geschichte zunächst wenig voran. Hinzu kommen gelegentliche Tempo- und Timingprobleme, über die der Film stolpert. Dass dessen Richtung und damit auch die Entwicklung des autarken Familienverbundes recht genau vorgezeichnet ist, tritt angesichts der starken Darsteller jedoch in den Hintergrund.
 
Vor allem Gelsomina-Darstellerin Maria Alexandra Lungu verleiht Rohrwachers bisweilen surrealer Aussteigerstudie eine faszinierende Natürlichkeit und Authentizität. Die Kamera liebt Lungus Gesicht, das sie nur zu gerne in Großaufnahme einfängt. Bei einer kleinen Showeinlage mit einer Biene entsteht dadurch ein fast magischer Moment. Gelsomina – schon der Name öffnet im italienischen Kino die Tür zu einer anderen Welt – und nicht der von Sam Louwyck verkörperte Vater ist das eigentliche Oberhaupt dieser vom harten Landleben gezeichneten Familie. Die Nebenhandlung um einen ziemlich trashigen TV-Wettbewerb eines Lokalsenders, für den die Tochter Begeisterung und Ehrgeiz entwickelt, steht hierzu erkennbar in Kontrast. Wenn eine als etruskische Schönheit verkleidete Monica Belluci vor die Kamera tritt, dann spiegelt sich darin auch Gelsominas Gefühlswelt, ihr Drang nach Freiheit und der Wunsch, der Enge des eigenen Zuhauses gelegentlich zu entfliehen. In diesem „Land der Wunder“ wird das Erwachsenwerden zu einem mutigen Grenzgang zwischen ganz unterschiedlichen Welten.
 
Marcus Wessel