Laurence Anyways

Mit seinem Debüt „I killed my mother“ gewann er in der Quinzaine, „Herzensbrecher“ wurde in der Certain Regard ausgezeichnet und eigentlich hatte man erwartet sein neues Werk „Laurence Anyways“ dieses Jahr im Offiziellen Wettbewerb von Cannes vorzufinden, doch vielleicht war dem Auswahlkomitee der Erfolg des erst 23jährigen Xavier Dolan, der nicht gerade für sein kleines Ego bekannt ist, ein wenig zu unheimlich. Ein großer Fehler – denn Dolan hätte nicht nur frischen Wind in das Altherrenkino Thierry Fremauxs gebracht, er ist definitiv eines der größten Talente seiner Generation.

Webseite: www.nfp.de

Kanada, Frankreich 2012
Regie und Drehbuch: Xavier Dolan
Darsteller: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye, Monia Chokri
Länge: 159 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 27.6.2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein unbedingt sehenswertes Kunstkino-Spektakel."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Ging es in seinem letzten Film noch eher um die Dramen unglücklicher Jugendlieben und die unerträgliche Leichtigkeit des Hipster-Seins, versucht Dolan nun sehr entschieden die Ernsthaftigkeit, mit der er sich selbst sieht, auch in seinem Film zu inszenieren. Es ist sehr viel, was er sich vorgenommen hat – ein halbes Leben erzählt er, mit einer weiten narrativen Klammer und von der Komplexität einer queeren Liebe will er berichten, was ihm über weite Teile auch gelingt, doch die beinahe drei Stunden sind viel, oft ohne ausreichende psychologische Tiefe. Dennoch muss man zugestehen, dass „Laurence Anyways“ äußerst beeindruckend ist, außergewöhnlich, schön und exzessiv, in dem, was er seinem Publikum abverlangt.

Es geht um einen Lehrer, der nach Jahren der glücklichen Beziehung mit einer Frau plötzlich entscheidet, selbst eine zu werden. Nach einer einsamen Kindheit mit distanzierten Eltern und einer gefühlten Ewigkeit der Selbstverleugnung will Laurence (furios: Melvil Poupaud) endlich die Person werden, als die er sich geboren fühlt, mit dem dazugehörigen Körper. Seine Freundin Fred (Suzanne Clément) ist zunächst genauso schockiert wie das gesamte Umfeld des beliebten Mittdreißigers, entscheidet sich aber schließlich, ihn dabei zu begleiten, denn Laurence ist, wie er selber sagt, auch nicht schwul, er fühlt sich einfach nur als Frau und er liebt seine Fred innig. So kleidet Laurence sich fortan weiblich. Zunächst sieht es aus, als wäre alles gar nicht so schwer; die Klasse akzeptiert ihn und seine engen Freunde sind aufgeregt, weil sie glauben, an einer Revolution teilzuhaben, seine Freundin feiert die queere Beziehung. Doch Dolan zeigt in recht epischer Breite, wie die Menschen an ihre Grenzen stoßen, wenn sie auf Andersartige treffen, die ihre eigenen Identitätskonzepte radikal in Frage stellen. Selbst Fred muss irgendwann feststellen, wie konservativ ihre Träume eigentlich sind und dass sie nicht bereit ist, Laurence in seiner Verwandlung zu folgen.

Dolan lässt die Handlung im Montreal Anfang der 90er Jahre spielen, der Ort und die Zeit, in der er selbst erwachsen geworden ist, eine gesellschaftliche Phase, in der Veränderung zum Greifen nah schien: Die Mauer fiel, die AIDS-Paranoia wich ernsthafter Auseinandersetzung mit prekärem Leben, jugendliche Subkulturen probten Hedonismus und die Zerstörung von Geschlechterrollen. Doch wie bereit sind die Menschen wirklich für die Anerkennung von Lebensentwürfen konträr zum Mainstream?

Trotz der genannten Schwächen ist Dolans Drittling immer noch eine sehr wichtige Auseinandersetzung mit Transsexualität und Marginalisierung. Dabei legt er seinen Schwerpunkt weniger auf die gesellschaftliche Stigmatisierung, sondern auf die gescheiterte Liebe zwischen Laurence und Fred, die immer wieder auflodert und trotz aller Widrigkeiten einfach nicht enden will. Dies ist wirklich bewegend und verhandelt auf differenzierte Weise die Schwierigkeit, eine solche Liebe auszuhalten, konfrontiert den Zuschauer mit seiner eigenen Toleranzfähigkeit.

In den Momenten des gemeinsamen Zusammenseins findet Dolan utopische, poetische Bilder, welche die Seelenverwandtschaft der beiden widerspiegeln und die Möglichkeit einer wahrhaft offenen, unegoistischen Liebe zeigen. Und auch abseits von ihnen ist Dolan ein Meister der ästhetischen Bildkomposition und verzaubert den Zuschauer mit perfekten Retro-Looks, hinreißenden Frisuren und einem 80 Jahre-Soundtrack, wie er hipper nicht sein könnte. Beeindruckend dabei ist die vielseitige Begabung, mit der er all dies eigenhändig gestaltet. Kino ist ein visuelles Medium und die Augenblicke, die Dolan mit der Kamera einfängt, sind einfach magisch. Wenn man also über die dramaturgischen Schwächen hinwegsieht, findet man einen in jeder Hinsicht besonderen Film vor, den endgültigen Beginn einer großen Karriere.

Silvia Bahl

Schon mehrere Jahre sind Laurence und seine Freundin Fred zusammen. Sie diskutieren viel – er ist Schriftsteller und Dichter -, schwärmen, schmieden Pläne, lieben sich immer wieder intensiv, streiten.

Aber dann wagt Laurence zu bekennen, dass er sich in einem falschen Körper fühlt, dass er eine Frau werden möchte. Als er anfängt, in Frauenkleidern herumzulaufen, ist der Schock in der Schule, in der er lehrt, groß – aber noch viel größer bei Fred.

Ein zehn Jahre langer Kampf beginnt. Beide sind traurig, sie suchen eine Lösung, sie weinen, sie werfen sich Vorwürfe an den Kopf, sie lieben sich wieder, sie werden sich schließlich trennen.

Laurence sucht bei alten Sängerinnen Trost, die ihm ein ausgeflipptes Milieu bieten und exzentrische Ratschläge erteilen. Später tut er sich mit Charlotte zusammen. Fred treibt ein Kind von Laurence ab und heiratet Albert. Wer aber meint, die Gefühle der beiden für einander seien erkaltet, der täuscht sich.

Nach Jahren finden sie sich wieder. Die Liebe existiert noch immer, doch das eigentliche Problem ist nicht gelöst. Abermals Streit.

Am Schluss siegt dann aber doch die Liebe der beiden.

Xavier Dolan, selbst bekennender Transsexueller, ist teilweise autobiographisch vorgegangen. Er sagt einmal, er könne in erster Linie Filme über Dinge drehen, die er kenne. (Eine Frau will er jedoch keineswegs werden.)

Und dass er diesen Film über etwas gemacht hat, das er versteht, kommt gewaltig zum Ausdruck. Selten sieht man Filme von dieser Leidenschaft, von dieser Problemintensität, von solchen Drehorten, von einer solchen Ambientedichte, von solch originellen Milieus, von solchen Kostümen, Haartrachten und Schmuckausstattungen, von einer solchen Kameraarbeit, von solchen Darstellerleistungen auch.

Melvil Poupaud spielt den charakterlich schwebend-schwankenden Laurence total begreiflich, Suzanne Clément die Fred, wie man sich besser nicht verkörpern könnte. Nicht umsonst erhielt sie in Cannes einen Preis als beste Schauspielerin. Nathalie Baye als Laurences Mutter und Monia Chokri als Freds Schwester Sréfanie sind ebenfalls gut dabei.

Thomas Engel