Le Capital

Mit einiger Verspätung kommt Costa-Gavras Banken-Satire "Le Capital" doch noch in die deutschen Kinos. Dass er immer noch zeitgemäß ist liegt zum einen an der Qualität des Films selbst, zeigt zum anderen jedoch vor allem, wie sehr die Machenschaften der global agierenden Banken, die im Sumpf des Kapitalismus nach immer größeren Gewinnen streben, ein Thema sind, dass auf absehbare Zeit von Relevanz sein wird.
 
Webseite: www.peripherfilm.de

Frankreich 2012
Regie: Costa-Gavras
Buch: Costa-Gavras, Karim Boukercha, Jean-Claude Grumberg, nach dem Roman von Stéphane Osmont
Darsteller: Gad Elmaleh, Gabriel Byrne, Natacha Régnier, Céline Sallette, Liya Kebede, Hippolyte Giradot
Länge: 114 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 8. Januar 2015
 

FILMKRITIK:

Vielleicht war es der Erfolg von Thomas Pikettys kapitalismuskritischem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert", dass inzwischen auch in Deutschland zu einem bemerkenswert erfolgreichen und viel diskutierten Bestseller geworden ist, der den peripher-Verleih dazu brachte, Costa-Gavras schon 2012 gedrehten "Le Capital" doch noch in die deutschen Kinos zu bringen. Das Thema ist jedenfalls aktueller denn je und wird es auch in den nächsten Jahren wohl bleiben, es sei denn die Strukturen des Kapitalismus ändern sich aus nicht absehbaren Gründen doch plötzlich und fundamental.

In der Welt der französischen aber auch und nicht zuletzt der internationalen Banken, in der "Le Capital" spielt, ist jedoch alles wie gehabt: Was bedeutet: Die Jagd nach Geld, nach immer höheren Renditen, immer größeren Bonuszahlungen ist in vollem Gange und korrumpiert fast jeden, der sich in dieses Haifischbecken begibt. So ergeht es auch dem Banker Marc Tourneuil (Gad Elmaleh), der zum CEO der Pariser Bank Phönix erhoben wird. Nicht unbedingt, weil er der qualifizierteste Mann für den Posten ist, sondern weil er leicht zu manipulieren und im richtigen Moment wieder zu schassen ist. Das zumindest glauben die Mitglieder des Aufsichtsrates, die den Aufsteiger mit maghrebinischen Wurzeln nicht wirklich ernst nehmen. Und genau das ist es, was Marc antreibt, den seine Frau Diane (Natacha Régnier) immer wieder fragt, warum er denn noch mehr Geld verdienen will, warum er noch mehr braucht. Marcs einfache Antwort lautet stets: Weil nur Geld Respekt nach sich zieht. Und mit Geld ist ein Leben im Luxus möglich, teure Restaurants, teure Uhren, teure Frauen.

All dem verfällt Marc schnell und vergisst zunehmend all die schönen Worte über Ethik und Moral, mit der er anfangs für Unverständnis bei seinen Vorstandskollegen gesorgt hatte. Doch so naiv wie er wirkt, ist Marc keineswegs, auch nicht als der amerikanische Hedgefond Manager Dittmar (Gabriel Byrne) ihn in ein Komplott zieht, dass Phönix in den Ruin treiben könnte. Doch Marc durchschaut das Spiel der Märkte und ist skrupellos genug, um vor allem seine eigene Haut zu retten.

Früher hatte Costa-Gavras Politthriller gedreht, die die Korruption der politischen Klasse sezierten. Heute sitzt der größte Feind der Zivilgesellschaft nicht mehr in Abgeordnetenbüros oder Regierungssitzen sondern in den Führungsetagen der Finanzwelt. Dass ist zwar keine unbedingt neue Erkenntnis, die mit einem Film wie "Wolf of Wall Street" auch schon längst Sujet des Mainstreamkinos geworden ist, doch so pointiert und zynisch wie Costa-Gavras wurde noch selten der moralische Verfall eines an sich integren Menschen geschildert.

Mit stoischer Miene spielt der vor allem als Komiker bekannte Gad Elmaleh diese Figur, die nur in einigen wenigen Momenten aus sich herausgeht: Da schreit er seine Mitarbeiter an, entlässt undankbare Untergebene oder zertrümmert dem amerikanischen Finanzhai den Kopf – Jedoch nur in der Phantasie. Die Realität ist friedlicher, glatter, zumindest äußerlich. Die schöne Fassade des Reichtums und des Luxus, die Costa-Gavras in den Räumen der Hochfinanzwelt inszeniert, kaschiert nur die menschenverachtende Brutalität, die unter der Oberfläche existiert, bewusst versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit. Diesen Schleier lüftet Costa-Gavras mit seinem mitreißenden, schonungslos bösen "Le Capital", doch zu suggerieren, dass diese Welt sich ändern könnte, so naiv ist er nicht.
 
Michael Meyns