Le Grand Bal – Das große Tanzfest

Aus dieser Dokumentation strahlt die Lebensfreude wie eine kleine Sonne. Es geht um ein Tanzfestival mit traditioneller Musik, das jährlich Tausende nach Frankreich lockt.
Auch wenn sich der Spaß an der Musik und an der Bewegung durchaus aufs Publikum überträgt und Appetit aufs Tanzen macht: Filmisch ist hier eher Diätkost angesagt. Die Filmemacherin Laetitia Carton will offenbar in die Atmosphäre des Festivals eintauchen, sie versucht Momentaufnahmen und Stimmungen einzufangen und verzichtet dafür auf eine klare Struktur, auf Erklärungen und eindeutige Protagonisten. So bleibt der Bilderreigen etwas beliebig und wird wohl vor allem Tanzfans und ein musikinteressiertes Publikum ansprechen.

Webseite: arsenalfilm.de

Dokumentarfilm
Frankreich 2018
Regie und Buch: Laetitia Carton
Kamera: Karine Aulnette, Prisca Bourgoin, Laetitia Carton, Laurent Coltelloni
90 Minuten, OmU
Verleih: ARSENAL Filmverleih
Kinostart: 29. November 2018

FILMKRITIK:

Winter – eine Fahrt vorbei an raureifbedeckten Feldern. Eine Frau spricht über das Tanzen und über ihren ersten Winterball auf dem Lande, in einer alten Scheune gemeinsam mit vielen anderen Menschen. In diese Welt verliebte sie sich sofort. Eine Welt, in der weder Zeit noch Raum existieren und die für alle, die dabei sind, stehen zu bleiben scheint. Es gibt nur noch die Musik, die Bewegung und das Miteinandersein. Sie schließt mit den Worten: „Und im Sommer gehe ich auf den Grand Bal“, und schon ist man mittendrin, in einem Zelt, wo sich glückstrahlende Paare im Tanz bewegen. Dazu spielt eine Liveband wunderbar schwungvolle Musik, eine Drehleier ist dabei. Und im Grunde bleibt es so: Man sieht viele tanzende Menschen, meist gut gelaunt, es gibt Paar- und Gruppentänze, Reigen, Zirkel, Reihen, auch mal Quadrillen – eine Art repräsentativer Querschnitt durch die internationale Volkstanzgeschichte mit toller musikalischer Begleitung, teilweise auf alten Instrumenten. Meistens sind das traditionelle europäische Rhythmen, aber auch nordafrikanische und orientalische Musik ist dabei. Ab und an gibt es spärliche Informationen über „Le Grand Bal“: Jeden Sommer treffen sich bei dem Dörfchen Gennetines mitten in Zentralfrankreich 2000 Tanzfans, um 7 Tage und 8 Nächte zu feiern. Tagsüber finden Workshops statt, nachts wird bis in die Puppen getanzt. Spätestens um 5:30 Uhr ist Schluss, ab 8 gibt’s Frühstück, ab 10 laufen die Workshops. Dieser Tagesablauf wirkt vermutlich nur auf Pensionäre abschreckend – für junge Leute (und für alle, die jemals auf einem Filmfestival waren!) ist das absolut normal. Man schläft ein paar Stunden, und dann geht’s weiter. Übernachtet wird meist in einer Zeltstadt anbei, das Festivalgelände selbst besteht offenbar aus vielen Tanzzelten, einem Mini-Supermarkt im Verkaufswagen, einer Bar und einer Kantine. Vieles davon wird im Film nicht direkt angesprochen, sondern ergibt sich aus den Bildern, manches beruht auf Vermutungen, denn wie gesagt: Informationen sind rar gesät.

Die Kamera begleitet die Tanzenden Tag und Nacht in den Zelten, auf den Tanzflächen im Freien sowie vor, nach und zwischen den Workshops und den eigentlichen Ball-Events, die abends und nachts stattfinden. Zu den Originaltönen gibt es einige mehr oder weniger poetische Voice Over-Texte. Tagsüber sind viele ältere Tanzfans zu sehen, je später es wird, desto mehr gehört das Parkett den jungen Leuten. Frauen tanzen mit Frauen, Männern mit Männern, die Tanzpartner wechseln, die Atmosphäre bleibt. Doch nicht alles hier ist Sonnenschein und Walzerseligkeit: Offenbar gibt es vor Ort eine Zwei-Klassen-Gesellschaft – die Anfänger und die Könner. Die Anfänger müssen erst einmal tanzen lernen, das kann ein paar Jahre dauern, doch nicht alle Könner sind bereit, mit Anfängern zu tanzen, die manchmal sogar frustriert früher abreisen. Also Vereinsmeierei auch hier, obwohl die meisten alten Ballhasen viel Toleranz gegenüber neuen Gästen beweisen. Mauerblümchen gibt es ebenfalls – wer nicht aufgefordert wird, tanzt nicht mit oder muss selbst jemanden auffordern, zumindest bei den Paartänzen. Manche leiden darunter, andere sehen das Ganze eher locker. Sexuelle Belästigung kommt wohl hin und wieder vor, scheint aber kein generelles Problem darzustellen. Prinzipiell tanzt hier jeder mit jedem, und wer nicht mehr will, wechselt den Partner. Die Musik ist allgegenwärtig. Ein altes Ledersofa dient zur Entspannung zwischendurch, sogar bei der Essensausgabe wird getanzt, die Bar ist Tag und Nacht umlagert. Ein Tanzfest vom Feinsten.

Ein wenig mehr Struktur wäre allerdings hilfreich gewesen. Und vielleicht einige Inserts zur Erklärung. Schon ein ganz simpler chronologischer Aufbau mit ein, zwei Protagonisten und womöglich der einen oder anderen Äußerung aus der Organisationsabteilung oder wenigstens von Seiten der eifrigen Musikantinnen und Musikanten hätte dem Film deutlich mehr Gehalt gegeben, vielleicht eine Entwicklung oder gar Spannungsbögen erkennbar gemacht oder zumindest etwas über die vermutlich interessante Geschichte des Grand Bal verraten, den es immerhin schon seit 30 Jahren gibt. So entsteht der Eindruck einer gewissen Halbherzigkeit, als ob nur an der Oberfläche herumgekratzt wird, um die Stimmung nicht zu verderben. Die Absicht ist klar: Laetitia Carton stellt die Rauschhaftigkeit des Tanzes und das sinnliche Gemeinschaftserlebnis in den Vordergrund. Hat sie womöglich bemerkt (Ironie an), dass womöglich eine riesige Schar neuer Fans – Tanzanfänger! – zu Le Grand Bal angelockt werden könnte, wenn ihr Film zu gut wird? (Ironie aus) Um das zu zeigen, was sie zeigt, und das zu erzählen, was sie erzählt, hätten 45 Minuten vollkommen ausgereicht. Für einen Kinofilm darf das Publikum mehr erwarten als immer wieder neue unbekannte, glückliche Tanzpaare, die sich mehr oder weniger gekonnt zu schöner Musik bewegen.

Ein Bild aber, auch wenn es ein Klischee ist, bleibt dann doch im Gedächtnis haften: Ein seliges Paar, inmitten der Tanzenden vollkommen in sich versunken, noch in der Umarmung des Tanzes, aber nicht mehr in Bewegung. Für diese beiden ist dann wohl tatsächlich die Welt stehen geblieben.

Gaby Sikorski