Learning to Drive – Fahrstunden fürs Leben

Isabel Coixet, bekannt für ihr Talent, die Geschichten von Frauenfiguren an einem Scheidepunkt ihres Lebens mit viel Feingefühl für Zwischenmenschliches zu schildern, widmet sich in ihrem neuen Film erstmals dem Genre der Komödie. Im Mittelpunkt steht die 50-jährige New Yorkerin Wendy, die für sie völlig überraschend nach 21 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen wird. Mit charmanten Hauptdarstellern und flotten Dialogen voller Esprit ist ihr ein geistreicher Film gelungenen.

Webseite: www.learningtodrive.de

USA 2014
Regie: Isabel Coixet. Mit Patricia Clarkson, Ben Kingsley, Grace Gummer u.a.
Länge: 90 Min.
Verleih: Alamode Film, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 6.8.2015
 

FILMKRITIK:

Die 50jährige New Yorkerin Wendy wird für sie völlig überraschend nach 21 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen. Nach dem ersten Schock wird Wendy klar, dass sich einiges in ihrem Leben ändern wird. Viele Dinge, die zuvor ihr Mann erledigt hat, muss sie nun selbst in die Hand nehmen. Zwar hat die erfolgreiche Literaturkritikerin ihr eigenes Auskommen, doch hat sie zum Beispiel keinen Führerschein und kann daher ihre Tochter Tasha nicht besuchen, die der Liebe wegen aufs Land nach Vermont gezogen ist. Als sie zufällig dem indischstämmigen Sikh Darwan begegnet, der als Taxifahrer und Fahrlehrer arbeitet, lässt sie sich überreden, Fahrstunden zu nehmen, obwohl sie eigentlich davon überzeugt ist, dass sie zum Autofahren nicht geschaffen ist. Der sanftmütige Inder erweist sich nicht nur als guter Fahrlehrer, sondern auch als lebenskluger Berater in den Krisen des täglichen Lebens, die Wendy jetzt zu meistern hat.

Doch Darwan hat auch eigene Probleme. Seine Eltern haben ihm eine Braut aus Indien geschickt, und obwohl er guten Willens ist, klappt das Zusammenleben nicht so reibungslos wie erhofft. Ebenso wie sich Wendy an das Leben allein gewöhnen muss, muss sich Darwan an das Leben zu zweit gewöhnen, und seine Braut an das Leben in der Fremde, vor der sie Angst hat.
 
Isabel Coixet beobachtet in ihrer Umsetzung eines erstmals 2002 im Magazin New Yorker erschienenen autobiographischen Essays von Katha Pollitt ihre Figuren genau und liebevoll bei ihren Schritten in ein neues Leben. Beide Protagonisten, charmant verkörpert von Patricia Clarkson und Ben Kingsley, stützen sich bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere und ihrer sozialen und ethnischen Herkunft gegenseitig. Sie lernen sich gegenseitig zu respektieren und wachsen dem Zuschauer mit ihrem natürlichen Spiel mehr und mehr ans Herz. Die flotten Dialoge voller Esprit tun ein Übriges, um diesen geistreichen Film zu einer gelungenen Sommerkomödie zu machen.
 
Die beiden Hauptdarsteller Ben Kingsley und Patricia Clarkson waren es übrigens, die Isabel Coixet auf die Idee brachten, das Werk zu verfilmen. 2008 bei den Dreharbeiten zu „Elegy“ stellten sie fest, wie viel Spaß die gemeinsamen Dreharbeiten gemacht hatten, und nach deren Abschluss legten sie der Regisseurin das Drehbuch zu „Learning to drive“ vor. Nach dem Studium des Scripts war Isabel Coixet schnell überzeugt, dass das ein mögliches Projekt für sie sein könnte, fühlte sie sich doch mit dem Charakter der Wendy sehr verbunden. „Zu diesem Zeitpunkt trennte ich mich gerade vom Vater meines Kindes – und ich hatte selbst keinen Führerschein“, berichtet sie in einem Interview. „Da lag es fast auf der Hand, sich diesem Thema zu widmen.“
 
Die Angst, Fahren zu lernen, ebenso wie deren Überwindung, steht hier als Metapher für die Angst, einen neuen Lebensabschnitt in Angriff zu nehmen. Erst als Wendy willens ist, sich von ihrem alten Leben zu verabschieden und sie sich mit Elan und Überzeugung ihrer selbst gestellten Aufgabe widmet, kann sie auch in ein selbst bestimmtes Leben starten – das Steuer fest in der Hand und die Augen auf – so wie es ihr Fahrlehrer ihr geraten hat.
 
Anne Wotschke