Leben in mir

Religiös überhöhter und stilistisch ambitionierter Film über das Wunder des Lebens und über den Reifeprozess einer jungen Frau: Eva wird schwanger und möchte eigentlich abtreiben – bis sie lernt, dass das Ungeborene sie bereits als Embryo hören kann. Sie beginnt, ihrem Kind die Welt zu erklären und entdeckt dabei nach und nach ungekannte Quellen von Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit und Liebe in sich. Vor allem aber eine neue Zuversicht, die ihr Leben und das Leben ihrer Freunde und ihrer Familie verändert.
In der Hauptrolle gibt das polnische Supermodel Malgosia Bela ihr Spielfilmdebüt.

LEBEN IN MIR lief im Wettbewerb des Sundance Filmfestivals, im Berlinale Panorama, wurde für den Fassbinder-Preis der European Film Academy nominiert und auf dem Go-East-Festival mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

Webseite: www.leben-in-mir.de

Polen/Deutschland 2005
Regie: Malgosia Szumowska
Darsteller: Malgosia Bela, Marek Walczewski, Teresa Budzisz-Krzyzanowska, Barbara Kurzaj, Marcin Brzozowski
Länge: 95 min
Verleih: Pandora Film
Starttermin: 29.6.2006

PRESSESTIMMEN:

Die polnische Regisseruin Malgosia Szumowska erzählt mit ihrem Film "Leben in mir" sehr einfühlsam von der gespaltenen Gefühlswelt einer jungen Frau, die schwanger ist und zunächst sehr unsicher in der Entscheidung, dieses Kind auszutragen. In der Rolle der Eva gibt das polnische Mannequin Malgosia Bela ein sehenswertes Spielfilmdebüt. "Leben in mir" ist ein poetischer, metaphysisch überhöhter Film über den Entwicklungsprozess einer jungen Frau und das Wunder des Lebens.
Filmecho

Als eine ungewollt Schwangere erfährt, dass ihr Embryo schon Geräusche wahrnimmt, entschließt sie sich gegen die Abtreibung – und für ein neues Leben… Indem sie mit ihrem Ungebokrenen redet, entdeckt Eva die Schönheit der Welt neu – und der Zuschauer mit ihr… Das klingt sentimental, ist es aber nicht… Melancholisches Kunstkino mit Hang zur Poesie.
Cinema

 

FILMKRITIK:

Die Polin Eva ist 22. Obwohl sie sich selbst noch weitgehend als Kind fühlt, ist sie schwanger. Was tun? Das Kind bekommen oder abtreiben? Sie entscheidet sich für letzteres, doch dann wird ihr das dafür vorgesehene Geld von einem Junkie gestohlen. In der Klinik sieht sie zufällig die Untersuchung einer Schwangeren und erfährt dabei, dass ungeborene Kinder hören, was außerhalb des Mutterleibs vor sich geht: Sprache, Musik, Lärm, alles.

Das ändert ihre Entscheidung – und letztlich auch ihr ganzes Leben. Sie erklärt ihrem Ungeborenen die Welt: die Erdkugel, die Schmetterlinge, die Musik von Johann Sebastian Bach, die ihr Vater so liebt (die besorgte Mutter weniger), die Art und Weise, wie Fotos einen Augenblick festhalten und unvergesslich machen.

Der Junkie heißt Michal. Sie sieht ihn wieder, freundet sich mit ihm an, versucht ihn aus seiner Drogenwelt zu befreien. Mit Ivonka, einer früheren Prostituierten, hat Eva ein Vertrauensverhältnis. Ivonka hat Glück. Sie kann heiraten, allerdings erst nach heftigen Turbulenzen. Michal hat weniger Chancen. Und Eva? Nach der Geburt erzählt sie ihrem Kind, dass die Welt doch nicht so schön sei und die Menschen doch nicht so gut seien, wie sie eine Zeitlang angenommen habe.

Ein Frauenfilm – von einer Frau vorwiegend für Frauen. So ist das Thema wohl noch nie behandelt worden, obwohl es um eine durchaus nahe liegende Idee geht. Das ungeahnt intime Verhältnis zum ungeborenen Kind schafft auch für die Mutter eine neue Sichtweise.

Der Film ist voller Poesie. Zuerst ist es eine traurige – bis Eva ihre positive Entscheidung getroffen hat. Dann wird es heller, quasi lebenswerter. Von den Dialogen, den Kameraeinfällen, den Lichteffekten bis zum Musicalhaften wird das unterstrichen. Einige gefühlvolle Feinheiten und manchmal eine spontane Originalität zieren den Film. All das angemessen in Szene gesetzt.

Malgosia Bela ist eigentlich Mannequin. Doch sie stolziert mit ihren „gewitterblauen“ Augen nicht nur daher, sondern meistert die Rolle der Eva sehr nuanciert. In jeder Szene ist sie präsent. Eine gute Leistung. Besonders gefühlig und schön das Verhältnis zu ihrem Vater. Nicht zu vergessen die außergewöhnliche Musik.

Ein gut gemachter und auffälliger (Frauen-)film. Zuweilen ebenso gefühlvoll wie originell.

Thomas Engel

Eine Heilsgeschichte. Die 22jährige Eva ist schwanger und will abtreiben. Als sie dem Abtreibungsarzt die Vorauszahlung übergeben will, stellt sie fest, dass sie beklaut wurde. Verzweifelt streicht sie in der Klinik herum und hört dabei, wie eine Krankenschwester einer anderen Patientin erklärt, dass Kinder schon als Embryo die Stimme der Mutter hören können. Später besucht sie ihren Vater, einen verwirrten Musikliebhaber, der kurz davor ist, in die Nacht von Alzheimer abzugleiten. Auf ihre Frage, ab wann ein Mensch zu existieren beginnt, antwortet der Vater mit einem milden Lächeln: „Sobald er hört.“
Für Eva ist das der Wendepunkt ihres Lebens. Sie beginnt, mit dem Ungeborenen in ihrem Bauch zu reden und ihm die Welt zu erklären. Aus der pampigen Tankstellenangestellten wird fast über Nacht eine liebevolle, aktive junge Frau, die hübsche Blümchenkleider trägt, viel unter Tränen lächelt, wieder Klavier spielt und die lebenswerten Seiten des Lebens zu entdecken beginnt. Ihre neu gefundene Lebensfreude versucht Eva auch an ihre Umwelt weiter zu geben, an die verbitterte egozentrische Mutter, den lebensfeindlichen Junkie-Freund und die prostituierte Freundin, die sich nach einem Heim mit Mann und Kind sehnt. 

In Krisensituationen fordert Eva Freunde und Familie gelegentlich dazu auf, die Hand auf ihren Bauch zu legen, wodurch sich die Anspannung löst und Vertrauen und Rührung sich wie Wellen auszubreiten beginnen. Schon das ungeborene Kind betätigt sich als Erlöser. Eva dagegen wird in zahlreichen Anspielungen als Maria charakterisiert: der Vater des Kindes taucht nie auf und zu ihrem Freund unterhält Eva eine asexuelle im-Gras-liegen-und-in–den-Himmel-gucken Beziehung, nicht zu vergessen natürlich Sidekick Ivona-Magdalena.

Andererseits haftet der religiösen Überhöhung, die sich immer wieder in symbolischen Szenen und sorgfältig inszenierten Bildern in den Film stiehlt, etwas Abgründiges , Uneindeutiges an. Eine Übertreibung, von der nicht klar wird, ob sie von der Regisseurin beabsichtigt ist (und wenn ja, was sie bedeutet) oder ob sie allein im Blick der skeptischen Zuschauerin zu finden ist. Was zum Beispiel ist von der Inszenierung der Drogenabsteige als rauchgeschwängerte Vorhölle mit Teufelinnen im Minirock zu halten? Ist es grenzenlose Naivität, oder ein bewusstes Spiel mit der Perversion, wenn sich Eva für ihr Baby im Gegenlicht auszieht, sich über den runden Bauch streichelt und haucht: “Es ist so wunderschön, Dich in mir zu spüren.“? Und warum ist der attraktivste Mann des ganzen Films ausgerechnet der Pfarrer auf Ivonas bizarrer Hochzeit?

„Leben in mir …“ bietet eine irritierende Mischung aus Sozialdrama einerseits und religiöser Erlösungsgeschichte andererseits, zu deren Verständnis ein katholischer Hintergrund sicher hilfreich ist. Eine ambitionierte Erzählung, die sich nur schwer einordnen läßt.

Hendrike Bake