Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Im Dokumentarfilm LENIN KAM NUR BIS LÜDENSCHEID wagen André Schäfer und Richard David Precht, Autor des gleichnamigen Bestsellers, einen amüsierten Blick auf Prechts Kindheit in einer linksradikalen Familie tief in der westdeutschen Provinz. Ein gutgelaunter Film mit hohem Wiedererkennungsfaktor für alle, die ’68 als Kinder oder Eltern erlebten.

Webseite: www.lenin-film.de

Deutschland 2008
Regie: André Schäfer
Buch: Richard David Precht
Kamera: Bernd Meiners
Musik: Richie Staringer
Länge: 88 Minuten
Verleih: Wfilm
Starrtermin: 5. Juni 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum der 68er Revolte kommt mit LENIN KAM NUR BIS LÜDENSCHEID jetzt ein weiterer 68er-Kindheitserinnerungen-Verarbeitungs-Film ins Kino. Als Kind linker Eltern in Solingen hat Richard David Precht es nicht leicht. Statt nach Italien fahren die Prechts nach Dänemark oder ins Pfingstlager der SDAJ nach Lüdenscheid,  amerikanische Comics sind verboten und unter den Eindrücken der Vietnam-Berichterstattung adoptiert die Familie zwei vietnamesische Waisen. Von den politischen Überzeugungen seiner Eltern versteht der kleine Richard wenig, nimmt sie aber gleichwohl mit Vehemenz an: die DDR ist das gelobte Land, im Fußball hält Richard für Dynamo Kiew die Daumen und wenn die Russen mit bahnbrechenden Erfindungen nicht hinterherkommen, erfindet er eben welche. Weniger einverstanden ist er damit, dass Coca Cola und Farbfernsehen daheim verpönt sind und dass die Eltern ausgerechnet als er in die  Pubertät kommt den Konsumterror entdecken – und verweigern. Die schwierigste Zeit des Erwachsenwerdens steht Richard in Secondhand-Klamotten durch.

Die radikale Weltsicht der Eltern macht die Prechts zu Außenseitern in Solingen, aber von Larmoyanz oder Verbitterung ist bei den mittlerweile erwachsenen Geschwistern, von denen mehrere im Film zu Wort kommen, kaum etwas zu spüren. Lachend erinnert sich Hannah daran, wie unkuschelig die Wohnung war und wie sich die Kinder in revolutionärer Gesinnung zu überbieten versuchten. Der ruhige Marcel macht sich zwar Gedanken darüber, ob Kinder eine Adoption in ein fremdes Land schadlos überstehen können, aber den Eltern keine Vorwürfe. Mit rheinischem Amüsement stellt Erzähler Richard David Precht den historischen Ereignissen – Vietnamkrieg, Studentenunruhen, Fußball-WM-Endrundenspiel DDR:BRD, Deutscher Herbst, Friedensbewegung, Mauerfall – immer wieder die sehr eigene Perspektive der Kinder der Familie gegenüber. Dabei kommen verschiedene Familienmitglieder zu Wort und eine Unzahl historischer Aufnahmen, Privatbilder, Dokumentaraufnahmen des WDR von der Adoptionsfamilie und nachgedrehte Impressionen in Super-8 zum Einsatz.

Die gutgelaunte Fluffigkeit des Kommentators, die quietsch-fröhliche musikalische Untermalung und der sehr anekdotische Plot von LENIN sind manchmal etwas gewöhnungsbedürftig. Andererseits heben sie sich wohltuend von den aktuellen verhärteten Fernsehdebatten ab, die aus den 68ern am liebsten lupenreine Helden und Befreier oder Terroristen und Rabeneltern machen möchten. Precht und Schäfer begreifen die 68er Eltern als Kinder ihrer Zeit, deren Erziehungsstil ihre Kinder vor spezielle darum aber nicht unbedingt schlimmere Zumutungen stellte als andere Kinder. Für alle 68er und deren Kinder ist LENIN KAM NUR BIS LÜDENSCHEID ein Film, der gutgelaunt zum Nachdenken und Reden über die Zumutungen und Absurditäten der eigenen Kindheit und Erziehung anregt.

Hendrike Bake

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Eine subjektive BRD- und DDR-Geschichte, voller Information und Ironie. 

Der Ausgangspunkt dieses Dokumentarfilms leuchtet voll und ganz ein: In Vietnam fängt er an, wo die Amerikaner in den 70er Jahren tonnenweise Napalm-Bomben auch auf die Zivilbevölkerung abwarfen, so dass unsagbares Leid entstand. Die Bilder davon sprechen für sich.

Wie kann man da nicht antiamerikanisch, wie nicht kommunistisch werden! So jedenfalls dachte die Solinger Familie, die hier im Vordergrund steht. Sie wollte etwas tun. Und sie tat es auch, sie adoptierte zwei vietnamesische Waisen zu ihren drei Kindern dazu. 

Damals stand beim Vater wie bei der Mutter fest, dass Linkssein oberstes Gebot sei. Man war also gegen die wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Nachkriegsverhältnisse in Westdeutschland, gegen die Amerikaner, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Atommülllagerung in Gorleben und vieles andere mehr. Jedoch für die DDR, für die sowjetische Politik, für den Kommunismus, für politische Wühlarbeit in der Bundesrepublik, für aktiven kommunistischen Kampf, für die 68er, für die antiautoritäre Erziehung sowieso.

Sowohl aus der Perspektive der Eltern als auch aus derjenigen der Kinder, sowohl aus öffentlicher wie aus privater Sicht wird das demonstriert. Zahllose gut ausgesuchte Archivbilder und typische Zeitzeugen untermauern alles. 

Mit den Jahren kamen dann die Zweifel und andere, zum Teil gegenteilige Einsichten und Ansichten: mit dem Terrorismus der RAF, mit dem Scheitern des sozialistischen Wirtschaftssystems, mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, mit dem Fall der Mauer.

Nicht nur die ausgiebige subjektive Information ist an diesem Film interessant, sondern auch die souveräne Selbstironie, mit der André Schäfer alles erzählt. Man erlebt Geschichte ebenso wie Menschsein. Den Film möglichst nicht verpassen!

Thomas Engel