Aus den ersten beiden Teilen der berühmten Vorlage macht Éric Besnard („Birnenkuchen und Lavendel“) ein wuchtiges Charakterdrama – eine ansprechende, fesselnde Literaturverfilmung, die nicht nur mit einer spannenden Geschichte, sondern auch mit schauspielerischen Leistungen beeindruckt: Grégory Gadebois und Bernard Campan, zwei Stars des französischen Kinos, sind als Gegenspieler zu sehen, die zu Freunden werden.
Über den Film
Originaltitel
Jean Valjean
Deutscher Titel
Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean
Produktionsland
FRA
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Besnard, Èric
Verleih
24 Bilder Film GmbH
Starttermin
02.04.2026
Nach Regielegenden wie zuletzt Bille August und Claude Lelouch, die den weltberühmten und monumentalen Roman von Victor Hugo als Spielfilm inszeniert haben, und nach der pompösen, wunderschönen Verfilmung des Musicals „Les Misérables“ (2012) hat sich nun Éric Besnard (zuletzt „Louise und die Schule der Freiheit“) an den Roman gewagt. Dass dieses Experiment gelingt, ist zunächst einmal dem Drehbuch zu verdanken, das sich auf den ersten und zweiten Teil des Romans beschränkt. Besnard beschränkt sich also auf eine überschaubare Handlung und auf wenige, aber sehr klare Aspekte. Strukturell arbeitet er mit wenigen, aber sinnvollen Rückblenden und wie in der Vorlage mit einem allwissenden Erzähler – hier sind es gleich zwei: eine Männerstimme und eine Frauenstimme, die das Geschehen mit kaum spürbarer Ironie kommentieren. Dabei geht es um den Werdegang des Jean Valjean (Grégory Gadebois), und zwar moralisch betrachtet: vom guten zum schlechten Menschen und wieder zurück. Jean will als junger Mann seine Schwester und ihre hungernden Kinder unterstützen und stiehlt ein Brot für sie. Dabei wird er erwischt und zu vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Insgesamt verbringt er 19 Jahre in Gefangenschaft, weil seine diversen Fluchtversuche zur Verlängerung der ohnehin schon drastischen Strafe führen.
Zu Beginn des Films ist Jean Valjean endlich aus der Zwangsarbeit entlassen, heimatlos und ruhelos, gebrandmarkt als Ex-Häftling, so dass er weder eine Arbeit noch eine Unterkunft findet. Er ist ein innerlich zerstörter, verbitterter Mann, die Brutalität seiner Gefangenschaft hat ihn hartherzig werden lassen, und vor allem ist er wütend auf die Gesellschaft, die ihn ablehnt und verstoßen hat. Nur ein einziger Mensch ist nett zu ihm: der Geistliche Bienvenu (Bernard Campan), der als Bischof in selbstgewählter Armut und Bescheidenheit lebt. Gerade hat er seinen prächtigen Bischofspalast gegen ein verfallenes, baufälliges Hospital eingetauscht, damit es mehr Platz und bessere Bedingungen für die Kranken gibt. Bienvenu nimmt Jean Valjean auf und lädt ihn zum Abendessen an die gemeinsame Tafel ein. Seine selbstverständliche Freundlichkeit steigert noch die Skepsis des misstrauischen Jean. Was führt der Bischof im Schilde? Er kommt gar nicht auf die Idee, dass Bienvenu (übersetzt: willkommen) ganz uneigennützig und ohne Hintergedanken handeln könnte. Bienvenus Schwester Baptistine (Isabelle Carré) unterstützt ihren Bruder und begegnet dem fremden und durchaus furchterregenden Gast ebenfalls liebenswürdig, während die energische Haushälterin Magloire (Alexandra Lamy) ihn am liebsten sofort wieder vor die Tür setzen würde.
„Ich bin, wie man’s von mir erwartet“, sagt Valjean – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Er richtet sich in seinem Tun danach, was die anderen in ihm sehen. Hier geht es also auch um die Auswirkungen von Vorurteilen auf die Betroffenen und um ihre Identität. Und das ist eine absolut zeitlose Problematik: Jean Valjean steht für alle, die weder eine Familie noch eine Heimat haben und aufgrund der Umstände immer wieder von Neuem zur Flucht gezwungen werden.
In der postnapoleonischen französischen Gesellschaft sind die in der Revolution postulierten Menschenrechte längst wieder vergessen. Anfang des 19. Jahrhunderts, der Film beginnt 1815, befindet sich das Land in einer Wirtschaftskrise, hervorgerufen unter anderem durch die Napoleonischen Kriege. Armut und Hunger sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig gewinnt der Adel wieder an Macht und Einfluss. Armut ist an der Tagesordnung, wer überleben will, muss Zähne und Haare verkaufen oder sich prostituieren.
Valjean wird zum Symbol für die Unterdrückung des Volkes und für die herrschende Wut im Lande, und er hat noch Feuer in sich und führt seinen eigenen Kampf: Statt mit Gewalt auf Gewalt zu reagieren, entscheidet er sich, ein guter Mensch zu werden. So wie Bienvenu, aber doch ganz anders. Der bärige Valjean und der zarte Bienvenu verkörpern zwei verschiedene Menschentypen, die mit unterschiedlichen Mitteln dasselbe erreichen wollen. Der eine glaubt an sich selbst, und der andere glaubt an Gott, aber beide wollen Gerechtigkeit für alle.
Éric Besnard fängt die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts in düster sanften Farben ein. Die Atmosphäre ist melancholisch, mit ganz leisen Hoffnungsschimmern. Diese „Les Misérables“ sind eher ein wuchtiges Charakterdrama als eine epische Erzählung. Wie in allen Besnard-Filmen gibt es auch hier eingestreute wunderschöne Landschaftsaufnahmen. Sie zeigen nicht nur, wie klein der Mensch ist gegenüber der Natur, sondern sie betonen auch seine Bedeutung inmitten der Wildnis.
Grégory Gadebois spielt mit unfassbarer, selten gesehener Präsenz den massigen Jean Valjean als scheuen Kerl, vor dem alle Angst haben. Er hat zu viel gesehen und kann dennoch nicht den Blick abwenden, wenn Unrecht geschieht. Zum Bettler eignet er sich nicht, weil ihm niemand den demütig gefügigen Menschen abnimmt. All das spielt Grégory Gadebois sehr ergreifend und mit scheinbar selbstverständlicher Leichtigkeit, aber besonders in seiner Entwicklung wird deutlich, was für ein großartiger Schauspieler Gadebois ist. Ergreifend und mit ganz kleinen Gesten spielt er die Zerrissenheit, die Unsicherheit und die Zweifel eines Mannes, der sich nach Frieden sehnt. Ihm ebenbürtig ist Bernard Campan als Bischof Bienvenu – beide Männer vereint dieselbe Chemie, aber unterschiedliche Vorgaben: Campan ist alles andere als ein Kreuze schlagender, die Bibel zitierender und säuselnder Pastor, so wie Gadebois trotz seines Äußeren kein bärtig, bäriges Riesenbaby ist. Campan spielt einen beinahe kühlen Pragmatiker, der aufgrund eigener Erfahrungen erkannt hat, dass man sich besser fühlt und weiterkommt, wenn man freundlich ist. Er glaubt an das Gute im Menschen, während Valjean den Glauben an die Menschheit verloren hat. Aber er könnte sich ja ebenfalls ändern …
Gaby Sikorski







