Lichtgestalten

Eigentlich alles haben und doch nicht zufrieden mit sich und der Welt sein. Natürlich ein Luxusproblem der westlichen Welt und doch eins, das von zunehmender Relevanz ist. Wie ein Paar mit dem Wunsch, sich zu verändern umgeht, davon erzählt Christian Moris Müller in seinem Drama „Lichtgestalten“, der viele Stärken und manche Schwächen des deutschen Kinos vereint.

Webseite: www.film-lichtgestalten.de

Deutschland 2015
Regie, Buch: Christian Moris Müller
Darsteller: Theresa Scholze, Max Riemelt, Sebastian Schwarz, Max Woelky
Länge: 81 Minuten
Verleih: missing Films
Kinostart: 7. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Katharina (Theresa Scholze) und Steffen (Max Riemelt) sind exemplarische Gestalten des zeitgenössischen Berlins: Sie sind noch jung, schwer verliebt, leben in einer smarten Dachgeschosswohnung voller Ingredienzien des digitalen Lebens und sind beruflich erfolgreich. Eigentlich könnte alles wunderbar sein, doch zunehmend machen sich Zweifel an Sinn und Zweck dieses Lebens breit: Wohin soll das alles führen, was will man in den nächsten Jahren, den nächsten Jahrzehnten erreichen, wie will man sein Leben leben?

Antworten auf diese Fragen findet das Paar nicht, doch eines Nachts beschließen sie, einen radikalen Bruch zu wagen: Alles soll sich ändern, die Abhängigkeiten von digitalen Netzwerken sollen gekappt werden, die Großstadt verlassen, das Leben auf den Kopf gestellt werden. Alle Brücken zu ihrer bisherigen Welt, ihrer Familie, ihren Freunden will das Paar abbrechen. Doch bald zeigt sich, dass mit dem Versuch alles zu verändern sich auch das ändert, was sie behalten wollen: Ihre Liebe.

Christian Moris Müller zweiter Film nach "Vier Fenster" erlebte im Wettbewerb des diesjährigen Max Ophüls Festivals seine Premiere. Dort wurde er mit einiger Begeisterung aufgenommen, wobei nicht zuletzt die Bildgestaltung gelobt wurde. Ausschließlich in der über zwei Etagen reichenden Wohnung des Paares spielt der Film, die sich im Verlauf des Films zunehmend leert. Wie nach und nach sämtliche Einrichtungsgegenstände verschwinden, teils verschenkt, aber oft auch in lustvollen Zerstörungsorgien vernichtet werden, lässt an Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ denken, in dem auf ähnliche Weise, in ähnlichen Zeitlupenaufnahmen eine Art Wohlstands-Exorzismus betrieben wurde. Eine überhöhte, künstliche Qualität hat Mario Krauses Kamera in diesen Momenten, die sich auf nicht ganz zwingende Weise in den Rest des Films einfügt.

Denn das visuelle Konzept, das Christian Moris Müller gewählt hat, versucht die bewusste Reduktion des Raumes dadurch aufzulösen, dass die Figuren sich selbst filmen. Dieses Stilmittel, das eine extreme Subjektivität der Bilder suggerieren soll, ist in den letzten Jahren zunehmend beliebt geworden, wirkt allerdings meist aufgesetzt und inkonsequent. Auch hier fragt man sich, warum sich ausgerechnet ein Paar, das sich von all dem Ballast der digitalen Welt lösen will, konstant selbst filmen sollte? Vor allem aber führt es zu einer Einschränkung der visuellen Möglichkeiten, zu einem Stil, der Authentizität und Realismus andeuten soll, hier aber im Kontrast zur Theatralik und Pathos von Schauspiel und Dialogen stehen. An Realismus oder Naturalismus ist Christian Moris Müller nicht interessiert, die Überlegungen, die Gedanken seiner Figuren sind bewusst stilisiert, abstrakt, im besten Fall überhöht, bisweilen auch allzu künstlich. Das Ergebnis ist ein Film, der durch seine visuelle und erzählerische Ambition beeindruckt, es allerdings nicht immer schafft, Konzept und Umsetzung in Einklang zu bringen.
 
Michael Meyns