Liebhaberinnen

1975, ganz am Anfang ihrer literarischen Laufbahn, veröffentlichte Elfriede Jelinek den Roman „Die Liebhaberinnen“, der, wie es zum Markenzeichen der Österreicherin werden sollte, sprachgewaltig, radikal und zynisch das Patriarchat angreift. Leicht zu verfilmen war diese Art der Prosa noch nie, wie sich nun auch an Caroline Kox Debütfilm zeigt, der in vielen Szenen überzeugt, aber immer wieder Mühe hat, eine Struktur zu finden.

 

Über den Film

Originaltitel

Liebhaberinnen

Deutscher Titel

Liebhaberinnen

Produktionsland

LUX, DEU

Filmdauer

98 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Kox, Caroline

Verleih

n.n.

Starttermin

31.12.2026

 

Brigitte (Johanna Wokalek) ist Anfang 40 und arbeitet unter anderem als Messehostess. In viel zu kurzem Kleidchen preist sie einen luxuriösen Bunker an, in dem sich jede mögliche Katastrophe überstehen lässt. Die Anmachsprüche der männlichen Messegäste erträgt sie mit stoischem, eingefroren wirkenden Lächeln, ebenso wie das Getue ihrer deutlich jüngeren Kolleginnen, für die der Job kaum mehr als eine austauschbare Nebentätigkeit zu sein scheint, während Brigitte auf ihn angewiesen ist.

Denn eine feste Bleibe hat sie nicht, manchmal schläft sie mit Sack und Pack in der Umkleide ihres Fitnessstudios, wo sie gegen das zunehmend schlaffe Gewebe an ihrem Körper ankämpft. Gelegentlich darf sie sich von ihrer Mutter (Victoria Trauttmansdorff) am Telefon anhören, wie gut es der mit ihrem neuen Lover geht, Hilfe dagegen kann Brigitte nicht erwarten.

Erst als sie den wohlhabenden Heinz (Ben Münchow) kennenlernt, scheint sich ihr Glück zu wenden, auch wenn Heinz ein Weichei ist, der vom Reichtum seiner Mutter profitiert und sich als Möchtegernmacho geriert.

Während Brigitte in der Stadt lebt, lebt die 17jährige Paula (Hannah Schiller) auf dem Land. Als Onlyfans-Modell verdient sie ein wenig Geld, mit dem sie so bald wie möglich ihre öde Heimat verlassen möchte. Denn auch hier sind die Männer Schweine, wenn auch nicht alle: Manche sind das Gegenteil, was auch immer das Gegenteil eines Schweins ist.

Dass sich Elfriede Jelineks Roman 50 Jahre nach seiner Publikation für eine Verfilmung anbietet, erzählt einiges über den am Ende doch nicht so großen Fortschritt, den unsere Gesellschaft gemacht hat. Kaum ein halbwegs progressiver Mann würde sich heutzutage zwar nicht als Feminist bezeichnen, doch auch wenn sich die Muster geändert haben: Formen der Ausbeutung und Ausnutzung gibt es auch heute noch.

Pointiert haben Caroline Knox und ihr Co-Autor Antonio de Luca Jelineks Text in die Gegenwart übertragen, spielen mit modernen Motiven wie Camsex, dauerhaftem Kontakt via Handy, Abnehmspritzen und Lifestylecoaches und formen daraus ein oft sehr komisches, sehr präzises Abbild einer zunehmend seltsamen Welt.

Was ihnen jedoch nur bedingt gelingt, ist die lose Form von Jelineks Vorlage in eine überzeugende narrative Form zu übertragen, die einen Spielfilm trägt, der zwar kaum 90 Minuten lang ist, oft aber Stückwerk bleibt.

Lange Zeit stehen die beiden Erzählebenen – die junge und die ältere Frau, Stadt und Land – nebeneinander, ein Zusammenhang erschließt sich nur schwer. Ähnlich geht es bei den Hintergründen der Figuren, die oft kaum mehr als angedeutet werden, die Frage, warum Brigitte etwa wohnungslos ist oder wie sie zu ihrer Lifestyle-Lehrerin steht bleiben wie vieles andere offen.

So überzeugend gerade Johanna Wokalek ihre zunehmend zynisch agierende Figur spielt: Erst im letzten Drittel findet „Die Liebhaberinnen“ zu einer überzeugenden filmischen Form. Erst jetzt, wenn die beiden Erzählebenen zusammenkommen, wenn Brigitte ihre Träume von einer selbstständigen Existenz aufgibt, um doch noch einen Mann abzubekommen, um im Luxus zu schwelgen, während Paula, quasi ihr jüngeres Ich, in ihre Fußstapfen zu treten scheint, offenbart sich die fast schon perfide Struktur, in die Jelinek ihre Figuren gezwängt hat. Deren Text mag zwar 50 Jahre alt sein, zeigt sich in Caroline Kox Adaption aber als unbedingt zeitgemäß. Leider. Muss man sagen.

 

Michael Meyns

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