Life

Es war einmal in Hollywood, als es noch keine übermächtige Marketing-Maschinerie gab und Stars ohne viel PR-Rummel geboren wurden. Da lernt der junge Fotograf Dennis Stock auf einer Party einen unbekannten Schauspieler aus der Provinz kennen. Er erkennt das Ausnahmetalent des jungen Wilden und plant eine Fotoserie für das „Life“-Magazin. Die Redaktion zögert, auch der Mime gibt sich zickig. Aber Dennis bleibt stur – und so gelingen ihm Fotos von James Dean, die legendär werden sollten. Anton Corbijn, selbst berühmter Fotograf, erzählt diese wahre Geschichte zwar gediegen, dafür mit vergnüglichem Charme und visueller Eleganz. Als kleinen Coup besetzt er den Fotografen dieser Ikone von einst mit einem aktuellen Kreischalarm-Auslöser: Robert Pattinson, jenseits von „Twilight Zone“, auf dem weiteren Weg ins Arthaus-Kino.

Webseite: squareone-entertainment.com/life

Kanada/ Deutschland/ Australien 2014
Regie: Anton Corbijn
Buch: Luke Davies
Darsteller: Robert Pattinson, Dane Dehaan, Joel Edgerton, Alessandra Mastonardi, Ben Kingsley
Länge: 111 Minuten
Verleih: Square One/ Universum, Vertrieb: DCM
Kinostart: 1. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Dennis Stock (Robert Pattinson) ist ein junger, ehrgeiziger Fotograf in Hollywood. Die Routine-Aufträge für Party-Fotos oder Standbilder bei Dreharbeiten langweilen ihn. Er träumt von großer Kunst und einer Karriere bei „Life“. Seine Kontakte zur renommierten Magnum-Agentur haben noch nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Dann trifft er auf einer Party bei Nicholas Ray den noch unbekannten Schauspieler James Dean (Dane DeHaan). Stock erkennt sofort das charismatische Potential des eigenwilligen Bauernjungen aus der Provinz – und wittert die Chance für eine exklusive Fotostory, die seiner Karriere einen Kick geben könnte. Die beiden freunden sich an, Dean gefällt die Idee seines neuen Kumpels. Doch dessen cleverer Plan gerät schnell ins Stocken: Magnum zeigt wenig Interesse an dem Nobody. Und der Schauspieler erweist sich als kleine Diva, die alle vereinbarten Termine gerne schwänzt. Aber Stock bleibt stur bei seinem Plan. Vor dem Times Square gelingt ihm im Regen tatsächlich ein traumhaftes Foto mit einem widerwilligen James Dean, der trotzig mit hochgeschlagenem Kragen und Kippe im Mundwinkel posiert – ein Bild, das später zu einem der meist reproduzierten Fotografien überhaupt werden wird. 
 
Während man bei Magnum die Qualität dieser Bilder ignoriert, hat Studioboss Jack Warner (Ben Kingsley) eine bessere Spürnase. Er erkennt instinktiv das Potential des charismatischen Newcomers und will ihn als neuen Star. Dem geplanten Rebellen-Image läuft Dean in der Wirklichkeit freilich längst davon. Statt Hollywood zu hofieren, macht er lieber Heimaturlaub auf dem elterlichen Bauernhof in Indiana. Seinen neuen Kumpel Stock nimmt er dabei mit – der Beginn einer wundersamen Freundschaft. Zwischen Kühen und Traktoren gelingen dem Fotografen intime Porträts des jungen Rebellen. Für die Traumfabrik gerät das neue Idol derweil zum Albtraum. Jack Warner höchstpersönlich greift zum Hörer, um seinen scheuen Star zur Teilname an der großen Premierenfeier zu bewegen.
 
Dem im realen Leben von Paparazzi reichlich gepeinigten Robert Pattinson macht es sichtlich Vergnügen, mit dieser Rolle einmal die Seiten zu wechseln. Wie zuvor schon mit seinen beiden Auftritten bei David Cronenberg, will das Ex-Teenie-Idol beweisen, dass mehr Potenzial in ihm steckt als der hübsche Blutsauger. Im Unterschied zum „Harry Potter“-Kollegen Daniel Radcliffe hat Pattinson ein weitaus besseres Händchen beim Image-Wechsel, er bewältigt die Charakterrolle des ebenso ambitionierten wie sensiblen Fotografen mit lässiger Mühelosigkeit. Den naturgemäß höchst undankbaren Part des James Dean übernimmt Dane DeHaan, der vor zwei Jahren mit Ex-Zauberlehring Radcliffe in „Kill Your Darlings“ vor der Kamera stand. Nicht nur optisch erinnert DeHaan an den jungen Leonardo DiCaprio in „Gilbert Grape“, auch dessen chronisches Gefühlschaos präsentiert er als unaufdringliche Mischung aus trotziger Arroganz und sensibler Schüchternheit.
 
Mit seinem Biopic „Control“ über den „Joy Division“-Sänger Ian Curtis hat der holländische Star-Fotograf Anton Corbijn ein viel gelobtes Kinodebüt vorgelegt. Diesmal fällt seine Story konventioneller aus. Die vielfach kolportierte sexuelle Orientierung des Rebellen mit keiner Silbe auch nur anzudeuten, zeugt nicht unbedingt von Risikofreudigkeit. Als braves Bilderbuch bleibt „Life“ hinter dem Leben des jungen Wilden sichtlich zurück, derweil die etwas biedere Malen-nach-Zahlen-Dramaturgie kaum Erklärungen bietet, was Dean denn nun zu diesem überlebensgroßen Mythos und dem Idol von Generationen werden ließ. Beim Look kann Corbijn indes erwartungsgemäß enorm punkten. Sei es mit der rundum gelungenen Retro-Atmosphäre der Ausstattung oder beim akribischen Nachstellen der berühmten Fotografien.
 
Das visuelle Vergnügen sowie die beiden leinwandpräsenten Akteure machen das Biopic trotz inhaltlicher Macken zur sehenswerten Unterhaltung der kurzweiligen Art.                                              
 
Dieter Oßwald

Kein biographischer Film über James Dean ist Anton Corbijns “Life” sondern das Porträt einer Freundschaft zwischen dem angehenden Filmstar und dem Fotografen, der entscheidend zur Mythologisierung Deans beitrug. Ein hervorragend ausgestattetes Bild einer Ära, vor allem aber ein Film über das, was im Leben wirklich zählt.
 
Es ist eines der berühmtesten Fotos des 20. Jahrhunderts: James Dean am New Yorker Times Square, es ist kalt, es regnet leicht, Deans Kragen ist hochgeschlagen, die Hände tief in die Taschen vergraben, zwischen den Lippen eine Zigarette. Mehr noch als seine drei Filmrollen hat dieses Foto das Bild von James Dean als coolem Rebell geprägt, der auch 60 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod noch zu den großen Ikonen der Filmgeschichte zählt. Das Foto gemacht hat der damals ebenfalls junge Fotograf Dennis Stock, der zwar in den folgenden Jahrzehnten eine erfolgreiche Karriere als Fotograf für die legendäre Magnum-Agentur hatte, aber nie wieder ein so berühmtes Foto schoss.
 
Zwei Menschen kommen in diesem Moment zusammen, einer vor der Kamera, einer dahinter, doch wie Anton Corbijn in seinem hervorragenden neuen Film erzählt, war der zukünftige Filmstar Dean alles andere als begeistert davon, zur Ikone zu werden. Anfang 1955 setzt „Life“ ein, als Dean (Dane Dehaan) noch ein Unbekannter ist. „Jenseits von Eden“ ist abgedreht, er bemüht sich um eine Rolle in „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und ahnt, dass sich bald alles ändern wird. Dass Dean etwas ganz besonderes ist, sieht auch der junge Fotograf Dennis Stock (Robert Pattinson) sofort, als er Dean auf einer Party kennen lernt. Zu diesem Zeitpunkt ist Stock leidlich erfolgreicher Klatschreporter, der aber nach Höherem strebt, nach künstlerischem Erfolg. Anfangs ist Dean kaum mehr als Mittel zum Zweck, der Ausweg aus dem Einerlei. Wie eine Klette hängt sich Stock an Dean dran, der unzuverlässig und träge ist und mit der somnambulen Ausstrahlung durchs Leben wankt, die ihn bald weltberühmt machen sollte.
 
Eher widerwillig lässt sich Dean auf Stock ein, ahnt er doch, was er durch seine unaufhaltsam wachsende Popularität aufgeben wird. Besonders als das Duo schließlich nach Indiana fährt, in Deans ländliche Heimat, wird deutlich, wie hoch der Preis des Ruhmes sein wird: Nie wieder wird Dean entspannt und unerkannt durch die Straßen gehen können, nie wieder unbehelligt von Bewunderern und auch Schmarotzern sein. Indem er zulässt, dass Stock durch ihn berühmt wird, lässt Dean auch zu, dass er seine Individualität an das Starsystem verliert.
 
Das Wissen, dass Dean nur wenige Monate nach den in „Life“ geschilderten Momenten sterben wird, schwingt stets mit. Die Tragik dieses kurzen Lebens beflügelt einen Film, der nicht nur einen faszinierenden Einblick in das Hollywood-System der 50er Jahre liefert (inklusive eines tollen Auftritt von Ben Kingsley als Paten-ähnlicher Studioboss Jack Warner), sondern vor allem ein subtiles Doppelporträt inszeniert. Gespiegelt durch die Photokamera, verbunden durch eine schwierige Freundschaft, ähneln sich Stock und Dean nicht nur äußerlich. Trotz ihrer Berufe sind sie beide eher schüchterne Charaktere, auch wenn Dean die seine hinter einer oft flamboyanten Persönlichkeit versteckt und Stock seine Sensibilität lange hinter der Suche nach Erfolg negiert. Wie sie sich gegenseitig beeinflussen, sich selbst und nicht zuletzt ihre Schwächen im anderen erkennen, lässt „Life“ zu einem so subtilen Film werden, der nicht nur eine wunderbare Hommage an James Dean und seine Zeit ist, sondern vor allem ein Film über eine ungewöhnliche Freundschaft.
 
Michael Meyns