Like Father, Like Son

In seinem neuen Film beschäftigt sich der japanische Regisseur Hirokazu Kore-Eda einmal mehr mit Familienstrukturen. Bestimmende Frage ist dabei, ob ein nicht leiblicher Sohn genauso sehr Teil einer Familie sein kann wie ein leiblicher. Um dies zu erzählen erfindet Kore-Eda eine etwas konstruierte Geschichte, die er mit der ihm eigenen Sensibilität und genauen Beobachtungsgabe aber erneut zu einem präzisen, subtilen Film formt.

Webseite: www.like-father-like-son.de

OT: Soshite chichi ni naru
Japan 2012
Regie, Buch: Hirokazu Kore-Eda
Darsteller: Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Lily Franky, Yoko Maki, Keita Ninomaya, Hwang Sho-gen
Länge: 120 Minuten
Verleih: Film Kino Text/Filmagentinnen
Kinostart: 25. September 2014
 

FILMKRITIK:

Für seine Familie hat der erfolgreiche Geschäftsmann Ryota Nonomiya (Masaharu Fukuyama) kaum Zeit. Während er viel zu viel Zeit im Büro verbringt, kümmert sich seine Frau Midori (Machiko Ono) um den gemeinsamen Sohn Keita (Keita Ninomaya). Der gesellschaftlichen Stellung des Vaters entsprechend wird der Sechsjährige dazu angehalten, besonders fleißig zu sein, in der Schule aufzupassen, Klavier zu lernen und sich auf ein erfolgreiches Leben vorzubereiten.

Diese nur scheinbar heile Welt wird eines Tages aus den Fugen gehoben: Das Krankenhaus, in dem Keita geboren wurde, teilt den erschütterten Eltern mit, dass nach der Geburt eine Verwechslung passiert ist: Keita ist nicht der leibliche Sohn des Paares! Dieser heißt Ryusei (Hwang Sho-gen) und wächst bei Yudai und Yukari Saiki (Lily Franky und Yoko Maki) auf, die als Gegenteil zu Ryota und Midori gezeichnet werden: So gebildet die einen, so bodenständig das andere Paar, das in der Stadt einen kleinen Supermarkt betreibt und auch sonst ganz andere Erziehungsmethoden verfolgt.

Nun stellt sich die Frage, wie man mit der Situation umgehen soll. Der Vorschlag des Krankenhaus: Die Kinder so schnell wie möglich austauschen und sie somit ihren leiblichen Eltern zurückzugeben. Ryota ist sogar davon überzeugt, dass es besser wäre, wenn gleich beide Kinder bei ihm und Midori bleiben würden, schließlich haben sie viel mehr Geld und könnten den Kindern somit offensichtlich ein besseres Leben bieten. Immer mehr Zeit verbringen die so unterschiedlichen Familien zusammen, mal schlafen die Kinder beide hier, mal da, dann bleiben sie zum ersten Mal allein bei ihren „richtigen“ Eltern. Doch sind diese wirklich besser geeignet, sie aufzuziehen, als die Eltern, bei denen sie schon Jahre ihres Lebens verbracht haben? Was ist wichtiger: Blutsverwandtschaft oder liebevolle Erziehung?

Um diese Fragen zu thematisieren, hat sich Hirokazu Kore-Eda eine Versuchsanordnung ausgedacht, die oft überkonstruiert wirkt. War es ihm in seinen besten Filmen „Nobody Knows“ und „Still Walking“ gelungen, Familienstrukturen ganz natürlich zu schildern, verfiel er in anderen Filmen auf weniger glaubwürdige Konstrukte. So extrem wie in „Air Doll“, in dem eine Gummipuppe zum Leben erwacht, geht es in „Like Father, Like Son“ zwar nicht so, aber immer wieder überschattet die Konstruktion des Plots und auch der Eltern-Figuren den an sich subtilen Ansatz. Gerade die Väter Ryota und Yudai werden oft schematisch gegeneinander gestellt, haben exakt unterschiedliche Eigenschaften und Ansichten.

Doch immer wenn Kore-Eda allzu sehr in Sentimentalität und Kitsch abzudriften droht, kommt doch wieder seine größte Stärke zum Tragen: Sein sensibler Umgang mit Kinderdarstellern, ein subtiler Blick auf Familienstrukturen, auf das Verhältnis der Generationen. Aus einer anfangs manierierten Versuchsanordnung entwickelt sich „Like Father, Like Son“ schließlich doch noch zu einem sehenswerten Film über Familie und das nicht immer leichte Verhältnis von Vätern zu ihren Söhnen.
 
Michael Meyns