Lilting

Britisches Kino ist allemal für angenehme Überraschungen gut. Mit ziemlich kleinem Geld und reichlich großem Star (Ben „Cloud Atlas“ Whishaw) erzählt dieses Erstlingswerk mit stilbewusstem Minimalismus die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Partner durch einen Unfall plötzlich stirbt. Bevor er mit dessen Mutter in Kontakt treten kann, muss er nicht nur die Sprachbarrieren überwinden, sondern auch die Eifersucht der alten Dame – die von der sexuellen Orientierung ihres Sohnes freilich keine Ahnung hat. Sensibel erzählt, hübsch fotografiert und großartig gespielt, entsteht ein zärtlich intimes Kammerspiel über Liebe, Trauer und Angst, das klug zu bewegen weiß.  

Webseite: www.salzgeber.de

GB 2014
Regie: Hong Khaou
Darsteller: Ben Whishaw, Cheng Pei Pei, Andrew Leung, Naomi Christie, Peter Bowles
Filmlänge: 86 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 1.1.2015
 

FILMKRITIK:

Als cooler Nachfolger von „Q“ versorgt er James Bond mit technischem Schnickschnack, in seiner Karriere ist Ben Whishaw freilich vorzugsweise auf fragile Typen abonniert: Von „Das Parfum“ bis „Clound Atlas“ gibt er charismatisch das Sensibelchen – in dieser Rolle ist der 34-jährige Brite auch in diesem Debütwerk des aus Kambodscha stammenden, in London lebenden Hong Khaou zu erleben.  .
 
Nachdem sein Partner Kai durch einen Verkehrsunfall stirbt, besucht Richard (Ben Whishaw) dessen Mutter Junn im Altersheim. Die alte Dame stammt aus Kambodscha und obwohl sie seit 40 Jahren in England lebt, hat sie die fremde Sprache nie gelernt – von einem herzhaften „Fuck you very much“ einmal abgesehen. Nicht nur die Kommunikation gestaltet sich schwierig, Junn reagiert abweisend, denn für sie hat der fremde Besucher ihr den Sohn weggenommen. Dass die beiden seit langem ein Paar waren, weiß sie nicht. Sein Coming Out hat Kai immer wieder hinausgeschoben. Als er sich schließlich dazu durchringt, hat das Schicksal andere Pläne. Richard lässt sich durch den frostigen Empfang der Mutter nicht abschrecken. Er engagiert eine Dolmetscherin unter dem Vorwand, sie solle zwischen Junn und ihrem Verehrer im Altersheim übersetzen. Während die beiden Rentner nun endlich verbal flirten können, nutzt auch Robert geschickt die Gelegenheit zum Gespräch mit der Mutter. Die vorsichtige Annäherung gelingt, doch Misstrauen und Missverständnisse flackern immer wieder auf und erfordern viel Geduld von beiden Seiten.       
 
Kammerspiele im Kino sind naturgemäß ein riskantes Unternehmen voll dramaturgischer Klippen. Ohne charismatische, leinwandpräsente Schauspieler geht die Glaubwürdigkeit der Figuren so schnell verloren wie das Interesse des Publikums. Diese Gefahr besteht bei diesem Debüt nicht. Der junge Whishaw und die erfahrene Cheng Pei-Pei („Tiger and Dragon“) geben das ungleiche Paar mit enormer Präzision und jener gut dosierten Prise Wahrhaftigkeit und Emotionalität, die angenehm unverkitscht bleibt und die Zuschauer unaufdringlich zum Mitfühlen einlädt. Kleine Gesten, wenige Blicke genügen, um das Psychogramm der Figuren plausibel zu entwickeln.
 
Visuell überzeugt das sensible Drama durch wunderbare Bilder von Kamerafrau Ula Pontikos („Weekend“), die für ihre Arbeit beim Sundance Film Festival prämiert wurde. Die Story mag an „Sag nicht, wer du bist“ von Xavier Dolan erinnern, doch anders als der kanadische junge Wilde setzt sein kambodschanischer Kollege Hong Khaou auf ruhige Töne und entfaltet seine zartbittere Geschichte in raffinierten Rückblenden.
 
Der seltsam anmutende Titel bedeutet übersetzt „trällernd“. Lautstärker kommt Whishaw in seinem nächsten Projekt daher: Er gibt Freddie Mercury im „Queen“-Biopic. 

Dieter Oßwald