Limits of Control, The

Mit seinem surrealen Road-Movie „The Limits of Control“ huldigt Kultregisseur Jim Jarmusch auf seine absurd-lakonische Art den Prunkstücken des Thriller-Genres aus den siebziger Jahren. Bei seiner ersten Zusammenarbeit mit Kamerameister Christopher Doyle schwelgt der 56jährige in malerischen Farben und schafft poetische Bildkompositionen, die ihresgleichen suchen. Dass dabei die Story in den Hintergrund tritt, stört nicht unbedingt. Sein psychedelisches Kunstkino um subjektive Wahrnehmung und Vorstellungskraft wird nicht zuletzt von der enormen Präsenz seines Hauptdarstellers Isaach de Bankolé getragen.

Webseite: www.tobis.de

USA 2009
Regie und Buch: Jim Jarmusch
Kamera: Christopher Doyle
Darsteller: Isaach de Bankolé, Alex Descas, Bill Murray, Tilda Swinton, John Hurt, Gael García Bernal, Hiam Abbass, Luis Tosar, Paz De La Huerta, Youki Kudoh
Länge: 117 Minuten
Verleih:  Tobis
Kinostart: 28. Mai 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Ich mag es,“ verriet die Ikone des US-amerikanischen Independent Kinos bereits vor Jahren, „wenn Filme einen langsamen Rhythmus haben“. Das Mulitalent wusste damals schon: „Selbst wenn ich versuchen würde, einen klassischen Thriller zu schreiben, käme etwas anderes dabei heraus“. Jetzt inszenierte der Ausnahmeregisseur seinen Thriller in Anlehnung an die Gangsterfilme der 70er Jahre. Entstanden ist ein bizarr choreographierter Roadtrip durch Spanien, aufgeladen mit metaphysischen Dialogen und skurrilen Szenen, der vor allem durch seine stilistisch beindruckende Bildsprache besticht.

Eingeengt in der Herrentoilette eines europäischen Flughafens führt ein Mann (Isaach De Bankolé) völlig konzentriert die langsamen Bewegungen einer Tai-Chi-Übung aus. Aufgenommen aus der Vogelperspektive umrahmt die Stahlkonstruktion der Wände die meditative Anfangssequenz. Danach trifft er sich in der Abflughalle mit zwei undurchsichtigen Gestalten. „Das Universum besitzt kein Zentrum und hat keine Begrenzung“, gibt ihm sein mysteriöser Auftraggeber (Alex Descas) kryptisch mit auf den Weg, nachdem er einen kleinen Koffer und einen Satz Schlüssel in Empfang nimmt.

Wenig später besteigt der stolze Antiheld mit dem intensiven Blick und unverwechselbarem Gang ein Flugzeug nach Madrid. Auf seiner verwirrenden Odyssee durch Spanien folgt der schweigsame Einzelgänger im irisierend blauen Maßanzug einer geheimnisvollen Spur und trifft in Straßencafes und Bars skurrile Überbringer verschlüsselter Botschaften. Doch Zweck und Ziel seines Auftrags bleibt bis zum Schluss im Dunkeln. Scheinbar ziellos streift der professionelle Killer durch die pittoresk gewundenen schmalen Gassen Sevillas, dem Herzen Andalusiens. Zufällig landet er in einem Tablao, einer Flamenco-Kneipe. Selbstvergessen taucht der einsame Fremde dort ein in die faszinierenden Kosmos der leidenschaftlichen und schmerzvoll melancholischen Klänge der Gitanos genannten andalusischen Roma. Auch der Zuschauer genießt in dieser einzigartigen Sequenz die Feier des Augenblicks, der Spontaneität und überbordenden Emotionalität, die untrennbar mit diesem Tanz und seinen Liedern verbunden sind.

Wie immer bei Jarmusch sind fast alle Szenen getragen von der Stimmung der Musik. Denn Musik lässt in dem Amateur-Rockmusiker die Bilder seiner Filme entstehen. Sie gibt das Tempo und den Rhythmus vor. Wie bereits in seinen früheren Filmen geht der ehemalige Regieassistent von Wim Wenders aber auch diesmal durchaus originell und ironisch mit dem Genre und seinen Helden um. Ob der mexikanische Shootingstar Gael García Bernal, Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton, der stoische Bill Murray oder die britische Schauspiel-Legende John Hurt, sie alle vertrauen zu Recht seiner Vorliebe für skurrile Typen samt subtil schrägen Regieeinfällen. Jarmusch dagegen kann sich rückhaltslos auf die unvergleichliche Präsenz seines Hauptdarstellers und langjährigen Freundes Isaach De Bankolé verlassen.

Durch seinen ausgeprägt ästhetischen Sinn für Farben, Licht und Bewegung entlockt Kameramann Christopher Doyle den verschiedenen Orten und mediterranen Landschaften Spaniens ungewöhnliche Facetten und Formen. Letztendlich verhilft er damit dem Film zu sehenswertem Format. Unter Avantgarde-Regisseur Wong Kar-Wai entwickelte der Australier seinen unvergleichlichen Stil, geprägt vom experimentellen Einsatz verschiedener Farbfilter und einer Vorliebe für stakkatoartige Bildersequenzen mit der entfesselten Kamera. Hektische Handkamerafahrten und wilde Reißschwenks spart sich Doyle diesmal auf bis zum Schluss. Vielmehr dominieren wunderschöne, teils hochstilisierte Bilder und Zeitlupensequenzen mit poetischer Aura und unglaublich malerischer Intensität.

Luitgard Koch

 

Jim Jarmusch denkt gar nicht daran, gewöhnliche Filme zu drehen. Man muss jeweils auf Überraschungen gefasst sein. So auch dieses Mal.

Er schildert die in Spanien spielende Story eines unbekannten farbigen Mannes, der einen geheimnisvollen, lange im Dunkeln belassenen Auftrag auszuführen hat. Der Fremde hat undurchdringliche Augen, ist groß und schlank, bestens gekleidet und geht meistens stumm durch die Welt.

Der Auftrag ist total verschlüsselt. Ein halbes Dutzend Menschen übergeben an den verstecktesten Orten in Zündholzschachteln die Symbole und Nachrichten, die den Unbekannten an den Platz führen sollen, wo das Geplante stattfinden muss. Die Überbringer der Botschaften bewegen sich unter Decknamen: Kreole, Franzose, Violine, Nackte, Blondine, Molekül, Gitarre, Mexikaner. Es sind spezielle Gestalten, jede kurios und interessant auf ihre Art.

Durch über zwei Drittel des Zweistunden-Films zieht sich das hin. Es ist mysteriös, spannend und irritierend zugleich. Die schlussendliche Tat trifft den „Amerikaner“.

So einfach über den Ablauf der Geschichte zu berichten ist, so vieldeutig kann die Interpretation sein. Er habe kein fertiges Drehbuch verfilmt, sagt Jarmusch, sondern lediglich ein 25seitiges Exposé zur Verfügung gehabt, um dann mit dem Kameramann weitgehend abzuwarten, was geschieht. Also auch Improvisation. Man merkt es, mit Verlaub, dem Film an.

Sehenswert sind die treffend gewählten Schauplätze in Madrid und Sevilla, die Farbgebung in der abgelegenen spanischen Landschaft, neugierig macht die sich aufladende Spannung. Formal ein Eindruck hinterlassender Jarmusch.

Thematisch bleibt vieles offen. Es geht dem Regisseur u.a. um unsere Wahrnehmung – durch die Worte und visuell. Was ist Wirklichkeit, tatsächliches Geschehen, was ist Einbildung, was ist Traum? Und immer wieder heißt es sinngemäß: Wer meint, er sei etwas, der solle zum Friedhof gehen, dort werde er erkennen müssen, dass er nichts anderes ist als eine Handvoll Staub.

Ein wohl typischer Jarmusch-Film, an dem man aber ganz schön zu beißen hat.

Etwas für Jarmusch-Fans und die Arthouse-Gemeinde.

Thomas Engel