Little Children

Tristesse, Frustration, Alltagsmonotonie. Nicht erst seit American Beauty wissen wir, dass die saubere, scheinbar wohl behütete Idylle amerikanischer Klein- und Vorstädte oftmals nicht mehr als eine Chimäre darstellt. In Todd Fields lang erwartetem Surburbia-Drama Little Children wird den Protagonisten Stück für Stück der Boden unter den Füßen weggerissen. Das, was bleibt, ist nicht viel mehr als ein panisches Festhalten an den eigenen unausgelebten Sehnsüchten. Der vierfach Oscar-nominierte Film zeigt Schauspielkunst auf höchstem Niveau.

Webseite: www.littlechildren.de

Little Children
USA 2006
Regie. Todd Field
Drehbuch: Todd Field, Tom Perrotta nach dem Roman von Tom Perrotta
Mit Kate Winslet, Patrick Wilson, Jackie Earle Haley, Jennifer Connelly, Noah Emmerich
Kinostart: 26.4.2007
Verleih: Warner

PRESSESTIMMEN:

 

Ein ebenso aufrichtiger wie ironischer Film über die Sehnsucht nach dem richtigen Platz im Leben. Regisseur Todd Field hat damit Kate Winslet eine der besten Rollen ihrer Karriere beschert.
Brigitte

Ein stimmiger Mix aus scharfsinniger Satire und sensiblem Melodram – ein starker Film, der lange nachwirkt.
Cinema

FILMKRITIK:

Die Langeweile droht Sarah (Kate Winslet) aufzufressen. Dabei kann sie sich eigentlich glücklich schätzen, lebt sie doch in einer vornehmen Wohngegend in einem luxuriösen Haus. Aber das Eheglück ist nur nach außen hin perfekt. Denn ihr Mann Richard (Greeg Edelman) interessiert sich mehr für seinen hochbezahlten Job und obskure Sexseiten im Internet als für die Bedürfnisse seiner Frau. Und so kommt es, wie es kommen musste. Sarah lernt bei ihren täglichen Besuchen des nahe gelegenen Spielplatzes einen anderen Mann kennen. Doch auch Brad (Parick Wilson) – von den anderen Hausfrauen nur ehrfürchtig „The Prom King“ genannt –  ist verheiratet. Anfangs bleibt es bei unverbindlichen Flirts. Erst nachdem bei Brad die Probleme zuhause nicht mehr zu leugnen sind und seine Frau Kathy (Jennifer Connelly) ihn zunehmend kontrolliert und einschränkt, beginnen beide ein leidenschaftliches Verhältnis.

Abseits dieser Haupt-Storyline schildert uns Field in einem zweiten Erzählstrang ein ganz anderes Schicksal. Der verurteilte und soeben aus der Haft entlassene Kinderschänder Ronnie McGorvey (Jackie Earle Haley) muss damit klar kommen, dass er keinen Schritt mehr unbeobachtet tun kann. Überall hängen Plakate mit seinem Gesicht, die besorgte Eltern in der Nachbarschaft aufgehängt haben. Vor allem der verbitterte Ex-Cop Larry Hedges (Noah Emmerich) hat es sich zum Ziel gesetzt, Ronnie das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Der lose auf dem Roman von Tom Perrotta basierende Vorstadt-Horror erinnert stark an Sam Mendes Glanzstück American Beauty und die Episoden-Dramen eines Robert Altman und Paul Thomas Anderson. So wirft auch Todd Fields zweite Regiearbeit – ganze sechs Jahre sind seit seinem gefeierten Kinodebüt In the Bedroom vergangen – einen satirisch überhöhten Blick auf die scheinbare Sonnenseite des American Dream. Manche Szenen wie die mit den anderen überdreht korrekten Hausfrauen am Spielplatz könnten eins zu eins aus der Erfolgsserie Desperate Housewives entnommen sein. Auch in Little Children bahnen sich Verzweiflung und Einsamkeit unaufhaltsam ihren Weg. Während Sarah und Brad beides im Sex zu vergessen suchen, ist es die erzwungene Rückkehr zur Normalität, die Ronnie für sich nutzen möchte. Tragischerweise werden seine Bemühungen von einem paranoiden und hysterischen Umfeld zur Nichte gemacht.

Am Ende werden sich die Wege aller kreuzen, auf eine Art, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Dabei wird zugleich das Dilemma des ambitionierten Films deutlich, das Field letztlich nicht befriedigend zu lösen vermag. Abgesehen davon, dass vieles von dem, was er uns über 130 Minuten zu erzählen hat, reichlich prätentiös verpackt wurde – den zitierten Vergleich zwischen Madame Bovary und Sarah mangelt es ebenso wie den überflüssigen verspielt literarischen Voice Over-Passagen an Subtilität – wirkt Little Children auch in sich unausgegoren. Die Mischung aus Satire und Kleinstadt-Drama erschafft Charaktere, die mit Ausnahme von Brad nur als Karikaturen bestimmter Archetypen (eben jene verzweifelten Hausfrauen, verklemmt-geiler Ehemann, traumatisierter Ex-Cop, unnahbare Karrierefrau, Pädophiler mitsamt dominanter Mutti) durchgehen. Es fällt schwer, dem weiteren Verlauf der Geschichte vorbehaltlos zu folgen, gerade wenn sich der Eindruck verfestigt, keine lebendigen Menschen sondern lediglich streng durchgeplante Gedankenkonstrukte vorgesetzt zu bekommen.

Die Schwachstellen des Drehbuchs fallen in der Gesamtschau nur deshalb nicht stärker ins Gewicht, weil die Schauspieler und allen voran Kate Winslet mit vollem Einsatz dagegen halten. Winslet ist trotz oder gerade wegen ihrer mittlerweile fünf gescheiterten Oscar-Anläufe eine der ganz Großen im Charakterfach, der es wie nur wenigen gelingt, auch in mittelmäßigen Produktionen regelmäßig zu glänzen. Ihre mutige Darstellung der heimlosen Sarah holt das Maximale aus den Vorgaben der Rolle heraus. Selbiges trifft auf Jackie Early Haley und Noah Emmerich zu, die sich geradezu bravourös an Klischees über verbitterte Cops und Kinderschänder abarbeiten. Da drängt sich die Frage auf, was aus Little Children nur geworden wäre, wenn Field und Perrotta ihr erstklassiges Ensemble in den Sandkasten mit dem richtigen Spielzeug gesetzt hätten.

 

Marcus Wessel

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Amerikanische Provinz. Ein Vorstadtviertel. Dort leben Brad und Kathy mit ihrem kleinen Sohn. Kathy ist Anwältin, Brad wartet beruflich auf einen Test und hütet inzwischen das Kind.

In unmittelbarer Nachbarschaft wohnt Sarah mit ihrer Tochter Lucy. Einen Ehemann hat sie auch. Doch der spielt in Sarahs Leben keine Rolle mehr. Außerdem ist er leicht pervers.

Ronnie und seine Mutter sind ebenfalls in der Nähe zuhause. Ronnie hat eine problematische, wenn nicht kriminelle Vergangenheit und wird deshalb vom Viertel als Kinderschänder gefürchtet und gemieden. Zu Recht oder zu Unrecht?

Bleibt noch Larry, der Footballspieler, der Brad animiert, in sein Team „The Guardians“ einzutreten. Nur widerwillig nimmt Brad an. Denn auch Larrys Vergangenheit ist wegen des Todes eines 13jährigen Jungen schwer belastet, Aber gerade um darüber hinwegzutäuschen spielt er sich als Rächer an Ronnie auf. Bis er zusammenbricht und sich bekennt.

Sarah ist nicht bereit, sich mit ihrem unglücklichen Leben abzufinden. Deshalb pflegt sie ihre heftige Leidenschaft zu dem unsicheren und unschlüssigen Brad. Als beide endlich beschließen, sich gemeinsam davonzumachen, spielt Unvorhergesehenes die entscheidende Rolle. Auch bei Larry und Ronnie.

Ein zuweilen etwas schemen- und klischeehaft wirkender, im großen und ganzen jedoch plausible menschliche Entwicklungen und Schicksale schildernder Film. Es sind langsame und lange, aber nachvollziehbare Prozesse, wie sie vor allem Sarah und Brad durchlaufen. Kate Winslet als Sarah sorgt für Glaubhaftigkeit.

Der Film hat auch eine gesellschaftliche und sozialpolitische Seite. Aufs Korn genommen werden Tratsch und Übelwollen, Gerüchte und Vorurteile, Scheinmoral und Vertuschung – und all die leidvollen Folgen, die diese üblen Phänomene nach sich ziehen. Immerhin bleibt die Botschaft, dass die Vergangenheit zwar nicht mehr zu ändern ist, dass aber die Zukunft besser werden kann – und soll.

Thomas Engel