Little Trouble Girls

Eine heranwachsende, konservativ erzogene Schülerin, die mit ihrem Chor auf einen Wochenendtrip in ein Kloster fährt, steht im Zentrum des Indie-Drama „Little Trouble Girls“. Während des Ausflugs geschehen Dinge, die ihr Selbstbild, ihren Glauben und die Beziehung zu ihrer besten Freundin beeinflussen. Der präzise erzählte, gekonnt zwischen unaufgeregten und ruhelosen Momenten changierende Film setzt auf Beiläufigkeit und dokumentarische Beobachtung. Wer sich auf den speziellen Stil und Rhythmus einlässt, wird Zeuge eines ehrlichen, feinfühligen Porträts jugendlicher Ängste und Befangenheit.

 

Über den Film

Originaltitel

Kaj Ti Je Deklica

Deutscher Titel

Little Trouble Girls

Produktionsland

ITA,SVN,HRV,SRB

Filmdauer

90 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Djukic, Urska

Verleih

Grandfilm GmbH

Starttermin

29.01.2025

 

Die 16-jährige, introvertierte Lucija (Jara Sofija Ostan) besucht eine katholische Schule und tritt auf Wunsch ihrer Mutter dem dortigen Mädchenchor bei. Dort macht sie Bekanntschaft mit der zwei Jahre älteren Ana-Maria (Mina Švajger). Die beiden unterschiedlichen Mädchen werden zu Freundinnen. Ihre Freundschaft wird auf einem sommerlichen Probenwochenende in einem ländlichen Kloster auf die Probe gestellt – ebenso wie die christlichen Überzeugungen Lucijas. Denn während des Aufenthaltes an dem entlegenen Ort erwacht ihre Sexualität, als sie sich zu einem älteren Mann hingezogen fühlt. Dies hat Folgen für Lucijas Blick auf die Welt und sich selbst und wirkt sich auch auf das gemeinschaftliche Miteinander innerhalb der Gruppe aus.

Nach vier Kurzfilmen legt die slowenische Regisseurin Urška Djukić ihr Langfilm-Debüt vor, in dem sie die inneren Konflikte einer Jugendlichen sorgsam herausarbeitet und für den Zuschauer greifbar macht. Lucija (großartig: Laiendarstellerin Jara Sofija Ostan) ist zwischen sexuellem Interesse, Abenteuerlust, ihrem Glauben sowie starren Normvorstellungen hin- und hergerissen. Symbolisch stehen für jene Zerrissenheit einige Personen aus ihrem engsten Umkreis. Während etwa die ebenso selbstsichere wie extrovertierte Ana-Maria in Lucija allmählich die Lebensgeister weckt, stehen die Nonnen sowie Lucijas Chorleiter für die strengen, mahnenden Stimmen.

Sie erinnern die jungen Frauen an die Bedeutung von Religion und konservative Werte – und bläuen ihnen ein, was sündhaftes Verhalten ist oder welche Folgen dieses nach sich zieht. Überhaupt arbeitet Djukić oft und passend mit metaphorischen Entsprechungen, die für Begierde, Sehnsucht und die „Grenzen des Erlaubten“ stehen. So sehen wir auffallend oft Kruzifixe, Kreuze und andere christliche Symbole bis hin zu Blumen, die von Bienen bestäubt werden.

Überraschende Twists oder dramaturgische Experimente darf man in „Little Trouble Girls“ eher nicht erwarten. Stattdessen dominieren eine atmosphärische Bildsprache und ein langsamer Erzählstil, der auf Entschleunigung und sehr häufig auf die reine Beobachtung setzt. Diese dokumentarische Herangehensweise zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk, das bei den kommenden Oscars als slowenischer Kandidat für den besten internationalen Film ins Rennen geht. Andererseits manifestieren sich die Getriebenheit und Unruhe der Protagonistin stellenweise in sprunghafteren Passagen und Sequenzen. Dann nimmt Djukić die Umgebung (die Natur, die Kunstdenkmäler und Architektur des Klosters) ins Visier oder richtet ihre Aufmerksamkeit kurz auf die Mitmenschen Lucijas, etwa den Chorleiter oder die anderen Mädchen.

„Little Trouble Girls“ bezieht seine Spannung aus den flüchtigen Momenten des Alltags, aus beiläufigen Gesprächen sowie den Blicken und Gesten der Protagonisten. Wenn sich die jungen Frauen zum Beispiel über Themen wie Sex oder die erste Periode unterhalten, dann sagen Mimik und Körpersprache mehr als tausend Worte. In diesen Szenen zeigen sich nicht zuletzt die Unsicherheiten und die Scham von Lucija. Vieles bleibt unausgesprochen in diesem minimalistischen Coming-of-Age-Drama, doch das macht seine Stärke aus. Der Film lebt von Andeutungen und Verweisen und findet eine gute Mischung aus jener Zurückhaltung und Suggestivität, die den Kinobesucher zur konzentrierten Betrachtung herausfordert.

Die Themen sind komplex und mannigfaltig. Außerdem erfordern sie einen genauen Blick auf Zwischenzeilen und Nuancen. Denn neben den bereits angesprochenen Sujets (sexuelles Erwachen, Erwachsenwerden u.a.) finden sich in „Little Trouble Girls“ Kommentare zu sozialem Druck, patriarchalen Strukturen, Gruppendynamiken und weiblicher Selbstermächtigung. So bleibt „Little Trouble Girls“ am Ende auch als politischer Film in Erinnerung, der über die inneren Kämpfe und persönlichen Herausforderungen einer Heranwachsenden weit hinausgeht.

 

Björn Schneider

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