Looking At The Stars

Blinde, die Ballett tanzen? Kaum vorstellbar, doch genau das passiert in einer Ballettschule im brasilianischen São Paulo. Nicht nur die erstaunlichen Leistungen der Tänzerinnen stehen jedoch im Mittelpunkt von Alexandre Peraltas Dokumentation „Looking at the Stars“, sondern vor allem auch der Alltag der sehbehinderten Menschen, die auf bemerkenswerte Weise ihr schwieriges Leben meistern.

Webseite: stars.wfilm.de

Dokumentation
Brasilien 2017
Regie: Alexandre Peralta
Buch: Melissa Rebelo Kerezsi & Alexandre Peralta
Länge: 89 Minuten
Verleih: W-film
Kinostart: 13. Februar 2020

FILMKRITIK:

Es ist die weltweit einzige Einrichtung ihrer Art: Die 1995 von Fernanda Bianchini gegründete Ballettschule für Blinde und sehbehinderte Menschen in São Paulo. Wie das funktioniert? Vor allem mit viel physischem Kontakt werden den Schülern die Ballettpositionen beigebracht, ihre Körperhaltung korrigiert, ein Gefühl für den Raum und die Bewegung in ihm geschaffen. Dass dies weit mehr als ein bemerkenswertes Inklusionsprojekt ist, zeigt eine der Hauptfiguren von Alexandre Peraltas Dokumentation „Looking at the Stars“, die im Alter von neun Jahren erblindete Geyza. Sie stand schon im Mittelpunkt von Peraltas gleichnamigem Kurzfilm, für den junge brasilianische Regisseur sogar den Studentenfilm-Oscar erhielt.
 
Inzwischen ist Geyza zu einer bemerkenswerten Tänzerin geworden, die Primaballerina ist und auch selbst als Ballett-Lehrerin arbeitet. Ihr Wissen gibt sie nun etwa an die 14-jährige Thalia weiter, die durch die beim Tanzen erlebten Erfolge ein Maß an Selbstvertrauen erlangt, welches ihr bislang abging. Wie so viele behinderte Menschen wurde sie im normalen Leben, vor allem in der Schule, gemobbt und in einen Status als Außenseiterin geschoben.
 
Wie schwer das Leben gerade in einem Land wie Brasilien für Menschen mit Sehbehinderungen ist, zeigt Peralta in den vielen Szenen, die außerhalb der Mauern der Ballettschule gedreht wurden: In den bisweilen ärmlichen Wohnvierteln der Ballett-Schüler fehlen wenig überraschend oft jede sozialen Einrichtungen, jeder Weg zur Bushaltestelle ist beschwerlich, auch für die Eltern ist es oft augenscheinlich schwierig, mit den Einschränkungen ihrer Kinder umzugehen.
 
Umso bemerkenswerter das Engagement und der Erfolg von Fernanda Bianchinis Schule, die im gut viertel Jahrhundert ihres Bestehens schon an die 500 sehbehinderte Menschen unterrichtet hat. Auf Bianchini geht auch der Titel des Films zurück: Gleich in der ersten Szene hört man sie zu einem kleinen Schüler sagen: „Eine Ballerina muss immer zu den Sternen aufschauen, auch wenn sie diese nicht sehen kann“, ein etwas pathetischer Satz, den Peralta mit bombastischer, orchestraler Musik unterlegt. Wie über weite Strecken des Films, eine bedauerliche Entscheidung, denn es wäre gar nicht nötig gewesen, die Kraft des Gezeigten mit euphorisierender, optimistischer Musik noch zu betonen. Viel zu eindrucksvoll ist ohnehin die Art und Weise, wie Geyza, Thalia und die Anderen ihr Leben meistern und durch die beim Tanz errungenen Erfolge ein Selbstbewusstsein erlangen, dass ihnen auch in ihrem nicht immer einfachen Alltag weiterhilft.
 
Michael Meyns