Lornas Schweigen

Auch der jüngste Film des belgischen Regie-Gespanns Jean-Pierre und Luc Dardenne trägt unverkennbar ihre Handschrift, drängt jedoch besonders gegen Ende weit über ihr bislang gewohntes Terrain hinaus. Ihr typischer, von einer unruhigen Handkamera geprägter Stil, mit dem die junge Albanerin Lorna bei ihren Versuchen ein besseres Leben zu erreichen verfolgt wird, wird ergänzt durch eine religiöse Läuterung, mit der die Dardennes so deutlich wie nie an ihr großes Vorbild Robert Bresson erinnern.

Webseite: www.pifflmedien.de

(Le Silence de Lorna)
Regie & Buch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Kamera: Alain Marcoen
Schnitt: Marie-Hélène Dozo
Darsteller: Arta Dobroshi, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Sokol, Olivier Gourmet, Morgan Marinne
Belgien 2008, 105 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Piffl
Kinostart: 9. Oktober 2008

PRESSESTIMMEN:

Ein Film von außergewöhnlicher Leidenschaft!
ARTE

Emotional dicht wie eine Suite von Bach. (…) Wie klar die Dardennes das tun, ist einer Goldenen Palme würdig.
NZZ

Mit leiser Entschlossenheit und äußerster Ökonomie entfalten die Brüder Dardenne eine dramatische Geschichte – und vertrauen dabei ganz auf das stoische Gesicht einer jungen Frau. Die Albanerin Lorna, gespielt von der wundervollen Entdeckung Arta Dobroshi aus dem Kosovo, strahlt eine Stärke und Menschlichkeit aus, der man zutraut und wünscht, dass sie allen Widrigkeiten des Lebens trotzen möge. (…) Der unentrinnbare Sog von Le Silence de Lorna übertrifft an Tragik und Schönheit alles, was die Dardenne-Brüder schon zeigten. Diesem Film kann man eigentlich nichts anderes geben als die Goldene Palme.
Süddeutsche Zeitung

Als der gefügigen Lorna, die von einer Zukunft mit ihrem albanischen Freund in Belgien träumt, etwas fundamental Unerwartetes widerfährt, beginnt der Film gewissermaßen zu fliegen, und der Zuschauer mit ihm. (…) Eine umwerfend einfache Geschichte, in der das Leben seinen eigenen Regeln dazwischenkommt.
Tagesspiegel

Ein raues, tief bewegendes Drama. Die Brüder Dardenne haben mit Le Silence de Lorna einen Höhepunkt ihres Schaffens erreicht: Moralisch ohne Moralisieren, tiefgehend ohne Wichtigtuerei, bestätigt der Film die Regisseure als Meister des zeitgenössischen Kinos der Menschlichkeit.
Daily Telegraph

Die Dardennes benützen die Grundkonstellation eines Thrillers, um ihn quasi gegen die Fahrtrichtung zu erzählen. Lorna nimmt eine völlig unerwartete Entwicklung. Sie versucht, Schuld zu tilgen und tauscht eine Vorstellung ihres Daseins gegen eine andere. Fast märchenhaft ist der Schluss, der die Zwänge des Lebens in einem Moment der Transzendenz kurz aufhebt.
Der Standard

Le silence de Lorna schafft es, eine tiefe Erschütterung ins Bild zu setzen, ohne Pathos und ohne den falschen Humanismus, der so oft am Werk ist, wenn Filme von Menschen am Rand der Gesellschaft handeln. Es ist eine Erschütterung, die davon handelt, dass die Menschen mehr als nur ihre Arbeitskraft zu Markte tragen.
Taz

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FILMKRITIK:

Lorna (Arta Dobroshi), eine junge Albanerin, die in Belgien lebt, träumt von einem glücklichen Leben mit ihrem Freund. Zusammen mit anderen Migranten und gesellschaftlichen Außenseitern lebt sie in einer eigenen Welt, die geprägt ist von vielfältigen Versuchen Geld zu beschaffen. Dass die Grenzen zwischen legalen und illegalen Aktionen dabei verwischen liegt auf der Hand, doch eine moralische Haltung, Mitleid mit den Opfern von mehr oder weniger großen Betrügereien, können sich diese Personen nicht leisten.

Ein Gangster hat nun Lorna einen besonderen Plan zugetragen: Sie soll den Junkie Claudy (Jérémie Renier, Hauptfigur in „Das Kind“, dem letzten Film der Dardennes) heiraten und damit die belgische Staatsbürgerschaft erlangen. Der Plan sieht vor, dass Claudy bald darauf an einer Überdosis stirbt, damit Lorna ihrerseits frei für eine neue Scheinhochzeit ist, diesmal mit einem Russen, der nach einem westlichen Pass verlangt. So lebt Lorna mit Claudy in einer kleinen Wohnung zusammen, er auf dem Boden im Wohnzimmer, sie im Schlafzimmer und hofft, dass Claudy bald stirbt.

Es ist eine typische Konstellation, wie sie die Brüder Dardenne immer wieder einsetzen. Eine aus der Not geborene Lage, Entscheidungen, die erst nach und nach ihre Folgen offenbaren. Denn Claudy will einfach nicht sterben und so ruppig Lorna ihn auch behandelt, Claudy bleibt nett und freundlich. Und so kommt es wie es kommen muss, aus dem unfreiwilligen Paar wird zwar kein echtes, aber es entsteht doch ein Maß an Nähe, aus dem Lorna nicht entkommen kann. Denn der Gangster hat kein Verständnis für die Sympathie, die Lorna nun für Claudy empfindet, für ihre Versuche die Sache auch ohne den Tod Claudys zu regeln. Langsam entwickelt Lorna eben doch ein Gewissen und hier beginnt der Film aus den inzwischen bekannten Formen eines Dardenne-Films auszubrechen. Zwar erlebte auch die Hauptfigur in „Das Kind“ am Ende eine Epiphanie nach der er ein besserer Mensch wurde, doch Lornas Erweckung trägt viel deutlichere religiöse Züge. Immer erratischer wird ihr verhalten, immer stärker lässt sie sich von der Vorstellung leiten, dass sie Claudys Tod – der natürlich schließlich unausweichlich ist – sühnen zu können, in dem sie sein Kind austrägt, dass sie in sich glaubt.

Viel Kritik erfuhren die Dardennes in Cannes für diese Entwicklung der Geschichte, die sich deutlich vom Realismus loslöst, der ihre sonstigen und auch diesen Film durchzieht. Und doch scheint das transzendental zu nennende Ende dieses Films, bei dem Lorna allein im Wald, in einer einsamen Hütte, zusammengesunken auf einem Bett liegt, eine konsequente Entwicklung. Auch Robert Bresson, das offensichtliche Vorbild der Dardennes, den sie weniger stilistisch, als inhaltlich zitieren, ließ seine Filme ein ums andere Mal in ein quasi religiöses Erweckungserlebnis enden, ließ seine Anti-Helden erst ganz zum Schluss eine seelisch-moralische Reinheit erlangen, die im Laufe des zuvor gesehenen Films noch unmöglich erschien. Ließt man „Lornas Schweigen“ in diesem Sinne ist die Entwicklung Lornas nicht nur vollkommen konsequent, sondern vor allem eine willkommene Weiterentwicklung in der Arbeit der Dardennes.

Michael Meyns

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Lorna ist Albanerin und lebt in Lüttich, Belgien. Sie hat vor, mit einem Freund ein Bistro aufzubauen. Dazu braucht sie allerdings Geld, viel Geld. Wie an das Kapital heran kommen? Sie erhält einen Teil von dem Junkie Claudy, mit dem sie dafür allerdings eine Scheinehe eingehen musste. Die beiden haben getrennte Zimmer, getrennte Kassen und sich nicht viel zu sagen.

Lornas nächster Heiratskandidat steht schon in den Startlöchern. Also muss Claudy aus dem Weg geräumt werden. Am besten durch eine Überdosis Drogen. Der Gangster Fabio organisiert alles. Lorna hatte ursprünglich ihre Zustimmung dazu gegeben, bekommt aber Gewissensbisse. Sie will nun lieber die Scheidung von Claudy möglichst schnell durchziehen; dann ist sie sowieso frei für die nächste Ehe. Zu spät! Bleibt jetzt nur noch die Rückkehr nach Albanien?

Die Gebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, Regisseure dieses Films und mehrfache Empfänger hoher Preise, geben sich nicht mit romantischen Themen ab. Sie legen die Finger in Wunden. Sie scheuen sich nicht, Symptome einer schlimmen Realität zu entlarven.

Diese Frau lebt in einer ambivalenten Welt: zwischen Verbrechen und Zukunftsaufbau; zwischen Amoral und einer gewissen Sorge um ihren Scheinehemann; zwischen raffiniertem Coup und der Gefahr entdeckt zu werden; zwischen einem kläglichen Dasein und der Erwartung, trotz der kriminellen Ausgangslage ein „besseres“ Leben führen zu können.

Das ist wirklichkeitsnah, spannungsgeladen und erbarmungslos berichtet. Die Hauptdarsteller ordnen sich diesem leidenschaftslosen Stil unter. Neben einer durchgehend schlüssigen Regie ist die Moral nicht zu übersehen: Das sich
Einlassen auf verbrecherische Machenschaften lohnt sich erfahrungsgemäß weder äußerlich noch innerlich.

Thomas Engel