Louise hires a Contract Killer

Die beiden französischen Filmemacher Gustave Kervern und Benoît Delépine pflegen in ihren Geschichten stets einen äußerst schwarzen, absurden Humor. Dieser und ein Faible für schrullige, eigenbrötlerische Charaktere zeichnet auch ihre neueste Zusammenarbeit aus. „Louise hires a Contract Killer“ entpuppt sich als respektlose Anarcho-Komödie, die vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise den Finger nicht nur in die Wunde legt, sondern genüsslich darin herumpult.

Webseite: www.koolfilm.de

OT: Louise-Michel
F 2008
Regie & Buch: Gustave Kervern und Benoît Delépine
Musik: Gaetan Roussel
Darsteller: Yolande Moreau, Bouli Lanners, Sylvie van Hiel, Mathieu Kassovitz, Benoît Poelvoorde
Laufzeit: 94 Minuten
Kinostart: 24.9.2009
Verleih. Kool
 

PRESSESTIMMEN:

Eine für sichtbar wenig Geld realisierte Farce, brutal, absurd und manchmal ziemlich witzig.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Extreme Zeiten verlangen nach extremen Maßnahmen. Das denken sich zumindest die Arbeiterinnen einer Textilfabrik in der nordfranzösischen Provinz. Sah es gestern noch so aus, als habe sich ihr Chef in einen spendablen Gönner verwandelt, der seine Angestellten mit einem neuen Kittel beglückt, stehen die Frauen heute vor einer vollkommen leer geräumten Fabrikhalle. In einer von langer Hand geplanten Nacht- und Nebelaktion wurden die Maschinen allesamt nach Asien verschiff. Zurück bleibt die Wut der versammelten Arbeiterschaft. Die Frage, wie sie ihre mickrige Abfindung möglichst gewinnbringend investieren, bringt eine von ihnen, die burschikose Louise (Yolande Moreau), auf eine mehr als unkonventionelle Idee. „Da reicht für `nen Profi. Lasst uns den Boss abknallen!“

Mit der Suche nach einem geeigneten „Hitman“ beginnt eine pechschwarze, schräge und garantiert alles andere als Mainstream-kompatible Reise, die uns und Louise vom trostlosen französischen Arbeiterkaff bis nach Brüssel und von dort ins Steuerparadies Jersey führt. Die beiden Filmemacher Gustave Kervern und Benoît Delépine sind bekannt für ihre abstrusen und politisch unkorrekten Geschichten. Schon „Aaltra“, ihr erster gemeinsamer Kinofilm über zwei trampende Rollstuhlfahrer, bot ein Potpourri skurriler Einfälle. Für den in „Louise hires a Contract Killer“ aufgeführten Rachefeldzug der entrechteten Arbeiterschaft in Zeiten der Globalisierung testen sie wieder einmal mit sichtlichem Genuss die Schmerzgrenze ihres Publikums aus. Da werden Behinderte und Todkranke als willige Handlanger missbraucht, Tiere geopfert und gängige Schönheitsideale konsequent missachtet. Sogar vor den Ereignissen des 11. September machen Kervern und Delépine nicht Halt. Warum auch.

Es ist ein ungleicher Kampf, von dem die beiden Franzosen hier erzählen. Während sich die Arbeiterinnen von einer scheinbaren Naturgewalt überrollt sehen, der sie nichts mehr entgegen zu setzen haben, steigen die Fabrikbesitzer mit dem Ziel der Renditemaximierung in ein globales Länder-Hopping ein. Wenn die Produktion in Polen zu teuer geworden ist, zieht man eben nach Vietnam oder Bangladesh weiter. Die Idee zu „Louise hires a Contract Killer“ entstammt im Übrigen einer von Kervern und Delépine für den französischen Sender Canal+ entwickelten TV-Serie, deren Titel „Don Quichotte de la révolution“ auf ein anderes, ungleiches Duell verweist.

Die Rollen sind dabei ebenso wie die Sympathien von Beginn an klar verteilt. Das experimentierfreudige Regieduo lässt nie einen Zweifel aufkommen, für wen unser Herz schlagen soll. Yolande Moreau ist als stoisches, notorisch wortkarges Mannsweib Louise eine echte Erscheinung. Aber erst im Zusammenspiel mit ihrem Schauspielkollegen Bouli Lanners, der den „Profi“ Michel als gnadenlos talentfreien Auftragskiller und Möchtegern-Rambo herrlich überzeichnet, entfaltet dieses radikal respektlose Buddy-Movie erst seinen vollen Unterhaltungswert. Kervern und Delépine beweisen, dass man sich einer sozialen Frage, die nicht zuletzt in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise hochaktuell ist, nicht mit didaktischer Strenge oder reflexhaften Betroffenheitsgesten nähern muss. Manchmal tun es auch zwei Höllenhunde und ein absurder Plan voller Chaos und Anarchie.

Marcus Wessel

Im Sinne der Autoren hat der Film u. a. den Zweck, Louise-Michel zu ehren, eine anarchistische Kämpferin für soziale Gerechtigkeit, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich lebte.

Die Hauptpersonen dieser Geschichte heißen denn auch Louise und Michel – übrigens beide mit zweifelhafter, teils unrühmlicher Vergangenheit.

Ein industrielles Unternehmen. Der Chef schenkt den Arbeitern neue Arbeitskleidung. Diese sind happy. Wenige Tage später sind die Hallen leer, die Maschinen verkauft, die Leute ohne Arbeit.

Louise rottet sich mit anderen zusammen. Rache steht auf der Tagesordnung. Und zwar mit dem Revolver. Der Chef soll das Opfer sein. Louise heuert Michel an, einen dicklichen tapsigen vermeintlichen Profi-Killer, der jedoch mit dem Schießeisen gar nicht umgehen kann und deshalb seinen krebskranken Cousin beauftragt.

Pech gehabt. Der Boss ist unter globalisierten Bedingungen und Verbindungen gar nicht so leicht auszumachen. Da kann es denn leicht falsche (Todes-)Opfer geben. Louise und Michel müssen suchen. Der Weg führt sie nach Brüssel, dann auch nach Jersey ins Steuerparadies. Aber das wäre doch gelacht, wenn sie ihre Mission nicht zu erfüllen imstande wären.

Der Film ist eher gag- und sketchartig als von einer bedeutenden Handlung geprägt. Die einzelnen Erfindungen und Einfälle sind in qualitativ unterschiedlicher Weise schräg-skurril, zynisch-sarkastisch, provokant-tabulos – z.B. die Nachbildung der Zerstörung der beiden Trade-Center-Türme im September 2001 -, am Rande des guten Geschmacks und anarchisch. Das bereitet einiges Vergnügen. Nicht umsonst gab es beim Sundance-Festival eine Auszeichnung.

Wesentlich beteiligt an diesem Pläsier sind die beiden Protagonisten Yolande Moreau (César als beste Darstellerin für „Séraphine“) und Bouli Lanners („Eldorado“). Schon körperlich sprengen sie die Leinwand und dann noch spielerisch dazu: Louise, scheinbar die emotionslose Pennerin sowie Michel, tumber Tor und Zappelphilipp zugleich.

Thomas Engel