Lourdes

Nach “Lovely Rita” und „Hotel“ seziert Jessica Hausner auch in ihrem dritten Film ein geschlossenes System. Hier ist es die Pilgerstätte Lourdes, in der am Beispiel der an den Rollstuhl gefesselten Christine Fragen von Glauben, Wundern und Kommerz thematisiert werden. Ein herausragender Film, dessen ambivalenter Blick nie zur Haltungslosigkeit gerät.

Webseite: www.nfp.de

Österreich 2009
Regie: Jessica Hausner
Drehbuch: Jessica Hausner
Kamera: Martin Gschlacht
Schnitt: Karina Ressler
Darsteller: Sylvie Testud, Léa Seydoux, Bruno Todeschini, Elina Löwensohn, Gerhard Liebmann, Linde Prelog
Länge: 99 Min.
Verleih: NFP
Kinostart neu: 1.4.2010
 

PRESSESTIMMEN:

… erzählt bildmächtig die Story einer wundersamen Heilung.
…die tollsten Bilderwunder dieser Kinowochen. Ganz fromm möchte man werden angesichts der eingentümlichen Schönheit, mit der hier ein Märchen aus der irdischen Jenseitswelt erzählt wird.
Der Spiegel

Regisseurin Jessica Hausner wirft mit "Lourdes" einen respektvollen aber scharfen Blick auf modernen Pilgertourismus.
Dieser Film ist selbst ein Wunder. Ein echtes.
KulturSpiegel

Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner denkt in "Lourdes" eigensinnig über Glück und Glauben nach. Eine Walfahrtskomödie, inszeniert mit dem gebotenen Ernst. Sehenswert.
Tip Berlin

FILMKRITIK:

Ein Speisesaal. Die letzten Tischdecken werden zurechtgerückt, Karaffen mit Säften, Kannen mit Kaffee auf den Tischen verteilt. Dann kommen die Gäste: Manche humpeln auf Krücken zu ihrem Platz, andere rollen rasant in ihren Rollstühlen in den Saal, viele werden von Helfern gestützt. Wir sind in Lourdes, bei einer Gruppenreise, organisiert von den Johannitern, unverkennbar gekleidet mit schwarzen Uniformen mit dem markanten Malteserkreuz. Der Tagesplan ist strikt organisiert, vom Besuch der Grotte, in der die Jungfrau Maria das erste Wunder vor Ort bewirkt haben soll, über diverse Kapellen, Waschungen mit heiligem Wasser und anderen Pilgerstationen. Manche Besucher nehmen die Riten sehr ernst, diskutieren über die Wahrscheinlichkeit einer Heilung, andere nehmen eine zynische Haltung ein, reden darüber, wem sie eine Heilung gönnen würden und wem nicht.

Zwischen diesen Polen siedelt Jessica Hausner die Hauptfigur ihres Films an. Sylvie Testud, Spezialistin für etwas andere Figuren, spielt diese Frau, Christine, die im Rollstuhl sitzt. Sie leidet an Multipler Sklerose, die bei ihr in so schwerer Form ausgebrochen ist, dass sie vom Hals abwärts gelähmt ist und bei jeder Tätigkeit auf fremde Hilfe angewiesen ist. Mit Engelsgeduld erträgt Christine ihr Schicksal, blickt mit neugierigem Blick auf die sie umgebenden Menschen, deren Eigenheiten und Eifersüchteleien. Auch die leisen Flirts unter den meist jungen Johannitern beobachtet sie mit Sympathie und Interesse. An den Pilgerveranstaltungen nimmt sie eher distanziert teil, lässt sich zwar mit Wasser aus der heiligen Grotte abreiben, hört dem Massengottesdienst zu, aber es ist nicht die Hoffnung auf ein Wunder, dass sie nach Lourdes geführt hat. Und doch passiert genau das. Langsam kann sie ihre Hände bewegen, dann ihre Arme und schließlich sogar erste Schritte tun. Bei einem Arzt wird das Wunder untersucht und schließlich bekommt Christine gar den Preis für die beste Pilgerin. Doch ob ihre „Wunderheilung“ von Dauer sein wird, bleibt offen.

Gerade solche Momente sind es, bei denen sich Jessica Hausners Blick auf ihr gewähltes Thema zeigt. Weder die Vermarktung der Pilgerstätte, den Zynismus, mit dem manche Besucher eine Art Wettkampf um Wunder austragen, noch die wahrhaftige Hoffnung, die mit diesem Ort verbunden sind, bleiben außen vor. Wie man Lourdes und die dort (angeblich) geschehenen Wunder bewertet, bleibt dem Zuschauer überlassen, eine ambivalente Haltung, die sicherlich zum Teil auch der Erlaubnis geschuldet ist, in Lourdes selbst zu drehen. Vielmehr jedoch zeigt sich, das Hausner keinerlei Interesse daran hat, einen Film zu drehen, der eindeutig pro oder anti Kirche bzw. Glauben ist. Auch wenn „Lourdes“ bisweilen dokumentarische Züge hat, ist es doch vor allem eine subtile Charakterstudie. Formal zwar weniger zwingend als der außerordentliche „Hotel“, dafür aber mit einer vielschichtigeren Thematik, die „Lourdes“ zu einem emotional distanzierten, aber überaus faszinierendem Film macht.

Michael Meyns

Ein etwas zwiespältiger Film: einerseits über Frömmigkeit, Wunderglauben, Gottvertrauen, kirchliche Rituale, andererseits über bloße religiöse Routine, Lourdes-Rummel, Kitschangebote. Über Suche und Zweifel auch oder über Gleichgültigkeit und Ablehnung der Möglichkeit von Wundergeschehen. Die Regisseurin Jessica Hausner eiert in ihren Aussagen und Begründungen zu „Lourdes“ selber ganz schön herum, sagt Gegensätzliches oder Widersprüchliches, weiß – wie jeder andere auch – zwangsläufig ebenfalls nicht, wie sich alles verhält, was man glauben soll und kann, was genau dahinter steckt.

Die Geschichte: Christine hat Multiple Sklerose. Sie ist völlig gelähmt, kann sich nicht selbst versorgen. Eine gewisse Gelassenheit fehlt ihr nicht, aber sie wünscht sich wie jeder Kranke, dass sich ihr Leben verbessert.

Sie nimmt voller Hoffnung an einer Reise nach dem südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes teil, wo, wie angenommen wird, 1859 Maria, die Mutter von Jesus, erschienen ist. Seither sollen dort Heilwasser sprießen und viele Wunderheilungen vorgekommen sein.

Halb Pilger-, halb Touristenfahrt. Christine macht im Rollstuhl die üblichen Riten mit: Waschungen mit dem Heilwasser, Besuch der Grotte, dem Erscheinungsort Mariens. Es sind Massen, die dorthin strömen. Alles ist bis ins kleinste geregelt.

Betreut werden die Kranken von strammen Malteser-Dienstlern, besonders von der jungen Maria, die Christine an ihre gesunde Jugend erinnert, von Cecile, die als Organisatorin auftritt und tapfer verbirgt, wie krank sie selbst ist, sowie von Kuno, der in Christines Leben womöglich noch eine Rolle spielen wird.

Ein halbes Wunder geschieht. Christine kann plötzlich aufstehen, gehen, sogar tanzen. Ist das die Heilung? Ist das ein Wunder? Ist es nur eine vorübergehende Besserung? Ist Gott mit im Spiel? Niemand kann es wissen. Alles bleibt offen.

In einem eher behäbigen, bis zu einem gewissen Grade dokumentarischen Regiestil wird der Lourdes-„Betrieb“ gezeigt und werden die Glaubens- und Zweifelsfragen aufgeworfen. Die Frömmigkeit macht Eindruck, religiös-spirituelle Szenen fehlen keineswegs. Es fehlt aber auch nicht eine gewisse verneinende Tendenz angesichts des Geschäftes mit den Wundern und Wunderheilungen, ja in gewisser Weise sogar in Bezug auf den Glauben selbst – was wohl auch damit zusammenhängt, dass Glaube und Realität zu weit auseinander liegen.

Feste und sichere Erklärungen sowie Antworten gibt es nicht.
Sylvie Testud spielt verhalten aber gut diese Christine.
Ein ewiger Diskussionsstoff.

Thomas Engel