Love & Engineering

In Zeiten des Internetdating tun sich oft schon der Kommunikation fähige Menschen schwer, einen Partner zu finden. Was sollen da erst ein paar Nerds machen, die in erster Linie über Algorithmen und Computerspiele reden können? Das ist der Ansatz für Tonislav Hristovs Dokumentation „Love & Engineering.

Webseite: www.love-and-engineering.de

Deutschland/ Finnland/ Bulgarien 2013 – Dokumentation
Regie: Tonislav Hristov
Buch: Tonislav Hristov, Kaarle Aho
Länge: 84 Minuten
Verleih: Filmtank Audience/ Barnsteiner Film
Kinostart: 5. Juni 2014

FILMKRITIK:

Wegen einer Frau zog der Bulgare Tonislav Hristov einst nach Finnland und wurde Filmemacher. Die Beziehung ist zwar vorbei, doch Filme dreht Hristov noch und Finnland ist seine Heimat geblieben. In der Hauptstadt Helsinki beobachtet er für seinen zweiten Spielfilm „Love & Engineering“ nun eine Art Dating-Workshop: Angeleitet von Atanas, der etwas überraschenderweise verheiratet ist und ein Kind hat, wollen vier Programmierer um die 30 lernen, wie man Frauen kennen lernt.
 
Manche des Quartetts hatten bislang einfach Pech mit Frauen, andere hatten noch nie eine Partnerin, auch wenn sie die 30 schon überschritten haben. Warum, dass wird bei einigen Test-Dates schnell deutlich: Die Gesprächsthemen sind eher reduziert, mehr als von Computerspielen und Heavy-Metal-Musik weiß etwa der 31jährige Tuomas nicht zu berichten. Und dass die vier Wissenschaftler versuchen, dass weite Feld „Frauen“ mit mathematischen Algorithmen anzugehen, in denen die Frauen auch nur ein Teil der Gleichung sind, die es zu knacken gilt, macht ihren Ansatz nicht unbedingt sympathisch.
 
Im Labor werden einige Experimente durchgeführt, werden Witze erzählt und von freiwilligen Probandinnen bewertet, sollen die Damen an den Herren riechen, ohne sie sehen zu können, um zu testen, inwieweit die Attraktivität vom Geruch bzw. dem Aussehen abhängig ist. Kein uninteressantes Experiment, doch bedauerlicherweise wird der Ausgang des Experiments nicht erwähnt.
 
Und so geht es des öfteren in der etwas unfokussierten Struktur von „Love & Engineering“: Mal taucht ein Psychologe auf, der dem 26jährigen Todor Methoden beibringen soll, seine Nervosität beim Ansprechen von Frauen zu überwinden, mal diskutiert eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern über Datingprobleme, ohne dass sich erschließt, in welchem Kontext hier geredet wird.
 
Viele Aspekte reißt Hristov an, zeigt seine Protagonisten in der Disco und auf einem Ausflugsboot, dass zwischen Helsinki und Tallinn hin und her fährt und als Experimentierfeld der verhinderten Gigolos dient. Mal werden Algorithmen per Powerpoint-Präsentation an die Wand geworfen, doch was diese aussagen – man erfährt es nicht.
 
Dass trotz aller Bemühungen am Ende die Antwort steht, dass es keinen Algorithmus der Liebe gibt, dass man das komplizierte Zusammenspiel von Pheromonen, Anziehung und Zufall nicht auf mathematische Formeln reduzieren kann, war von Anfang an abzusehen. Auf dem Weg zu dieser Antwort streift Tonislav Hristov einige interessante Aspekte, doch diese zu vertiefen und in einen gesellschaftlich relevanten Kontext zu stellen, dass gelingt im mit seiner Dokumentation „Love & Engineering“ nur selten.
 
Michael Meyns