Love Exposure

Religiöser Fanatismus, inzestuöse Familienverhältnisse, Wahnsinn und jede Menge Fetischismus. Mitten in einer bunten Welt der Perversionen erzählt LOVE EXPOSURE eine romantische Liebesgeschichte. Yu, der zum Kriminellen und Perversen wird, um seinem Priestervater wenigstens in der Beichte nahe zu sein, liebt Yoko, die als Kind missbraucht wurde und alle Männer für Schweine hält. Der lange Weg zueinander führt unter anderem über die ultra-fundamentalistische Zero-Sekte. Das vierstündige Spektakel, das der Leiter des Forums, Christoph Terhechte als „kurzweiligsten  Film der Berlinale“ bezeichnete, wurde 2009 mit dem Caligari- und FIPRESCI-Preis ausgezeichnet.

Webseite: www.rapideyemovies.de

Japan 2008
Regie, Buch: Sion SONO
Kamera: TANIKAWA Sohei
Kosüme: MASUMTO Chieko
Musik: HARADA Tomohide
Darsteller: Takahiro NISHIJIMA, MITSUSHIMA Hikari, ANDO Sakura
Länge: 237 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Starttermin: 13.8.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

LOVE EXPOSURE unternimmt eine rasante Achterbahnfahrt durch aberwitzige Plot-Konstruktionen und multiple Genres. Es beginnt mit Inbrunst. Durchdrungen von Schönheit und Heiligkeit steht der kleine Yu im Kirchenschiff und sieht seiner Mutter beim Beten zu. Ein feierlicher Choral untermalt die Szene und fliest in die folgenden über. Als die Mutter nur wenig später stirbt, durchläuft Yus Vater intensive religiöse Wandlungen. Vom gütigen Hirten w ird er zum fanatischen Beichtvater, der von seinem Sohn immer neue Schuldbekenntnisse fordert. Yu beginnt, absichtlich Sünden zu begehen und landet auf der Suche nach immer schwärzeren Flecken auf seiner Seele in der Upskirt-Fotografie-Szene.

Auf das rasant orchestrierte Melodrama des Anfangs folgt Slapstick. Ausführlich, bilderreich und amüsiert porträtiert LOVE EXPOSURE Yu und seine Upskirt-Freunde als eine Art Martial-Arts-Kämpfer bei der Arbeit. In ausgeklügelten Moves schnipsen die Helden der Straße ihre Kameras unter die Röcke der vorbei la ufenden Mädchen und vergleichen hinterher Ergebnisse. Eines Tages passiert es dann: Yu trifft Yoko und erblickt das einzige Höschen, das ihm je eine Erektion schenkt. Ende der Exposition.

In den etwas mehr als drei Filmstunden, die der fulminanten (und hier nicht einmal annähernd vollständig beschriebenen) Einleitung folgen, müssen Yu und Yoko die bizarrsten Irrungen und Wirrungen überstehen. Immer neue Plot-Loopings deklinieren Perversion, Religion und Liebe in immer neuen Facetten durch und gipfeln schließlich in der Entführung Yokos durch die totalitäre Zero-Sekte. Während Yu in Tokio unbeabsichtigt zum Superstar der Pornoindustrie aufsteigt, wird Yoko in den Gehirnwäsche Camps der Zero-Sekte eingetrichtert, dass fleischliche Liebe Perversion sei.

Die Liebesgeschichte ist der Rahmen der Sonos überbordende Fantasien lose zusammenhält. Ausgelassen und neugierig folgt LOVE EXPOSURE seinen diversen Einfällen und Assoziationen und probiert aus, wo sie hinführen. Dabei entsteht ein faszinierendes Kaleidoskop von Geschichten, Bildern und Ideen die sich überlagern und ergänzen, sich verdrängen und einander widersprechen. Ein schillernd-ambivalenter Kosmos, der Oper, Groteske, Melodram, Slapstick, Splatter und berührende Momente vereint, in jeder Minute glänzend unterhält und nicht zuletzt ziemlich gut aussieht. Ikonografische Aufnahmen von Y us Familie unter der Last eines tonnenschweren Kreuzes finden ihren Platz neben fetischistischen Schulmädchen-Outfits, Bondage am Strand und der gelegentlichen Splatterszene in grafisch-abstraktem Weiß-Rot.

Hendrike Bake
 

Eine Liebesgeschichte aus Japan, die vier Stunden dauert. Es gibt zwar Liebe auf den ersten Blick, doch das ist relativ selten. „Love Exposure“ zeigt da eher – und die vier Filmstunden stehen fast parabelhaft dafür – den Fall, der viel häufiger eintritt: Oft müssen große Umwege zurückgelegt werden, bis die Liebe aufblüht. So ist es auch bei den beiden Liebenden Yu und Yoko.

Yus Vater ist ein christlicher Eiferer, so sehr, dass er sich nach dem Tod seiner Frau, Yus Mutter, zum Priester weihen lässt. Er steigert sich derart in einen religiösen Fanatismus hinein, dass er von seinem Sohn tägliches Beichten fordert. Yu muss deshalb zunächst Sünden erfinden – bis er eines Tages sich mit Kumpels in das hineintreiben lässt, was mit einiger Phantasie als Sünde gelten könnte: Er spezialisiert sich beispielsweise darauf, junge Mädchen zwischen den Beinen zu fotografieren.

Er lernt Yoko kennen, ein hübsches junges Mädchen, das niemand anderes ist als die Tochter der Geliebten und späteren Frau seines Vaters. Von da an allerdings sprengt der Film alle dramaturgischen Bande. Yu, nun so etwas wie Yokos Bruder, gibt sich, wahrscheinlich um sich der begehrten „Schwester“ besser nähern zu können, wie unter einer Maske als ein anderer aus. Das Versteckspiel dauert lange.

Der Film wird jetzt – mit immer neuen Ansätzen – zum furiosen Panoptikum: Martial-Art-Gefechte, Verwechslungsspiele, Theater um Erektion oder Nicht-Erektion, Verführung und Sex, Sektenwahnsinn, Marienverehrung, eine Entführung, Harakiri, Irrenhaus, Polizeieinsatz, Bombenexplosion, die Erhebung der Perversion zum „Beruf“, prunkvolle Perversionsdarstellungen, dann wieder Sittsamkeit und Gebet, Innehalten und Trauer, feierlicher westlicher Soundtrack, zarte und große Liebe zwischen Yoko und Yu.

Der Regiestil ist improvisiert, ungestüm, hemmungslos, wie bei dieser Themenanhäufung anders gar nicht möglich. Ohne Reiz ist dieses bildstarke Filmungetüm aber keineswegs.

Besonderes Lob verdienen Takahiro Nishijima als Yu, Mitsushima Hikari als Yoko und Watabe Atsuro als Vater – schwierige Rollen, die glänzend gemeistert wurden.

Perverses und Frommes, Gewalttätiges und Zartes, Ordinäres und Paulinisches (Brief an die Korinther), Verrücktes und Schönes, verwirrter Schmerz und große Liebe sind hier vereint.

Thomas Engel