Loveless

Es hat Tradition, dass sich unter den Oscar-Nominierten in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ gern politisch motivierte Beiträge wiederfinden. Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev kann davon ein Lied singen: Schon sein letzter Film „Leviathan“, der gerade in seinem Heimatland als eine Art „Putsch-Film“ aufgefasst wurde und sich vorwiegend damit auseinandersetzte, was in der russischen Gesellschaft heute eigentlich alles falsch läuft, hatte die Chance auf den Academy Award. Sein neuester Film, das Drama „Loveless“, kann nun ebenfalls den Auslands-Oscar gewinnen. Auch diesmal befasst sich Zvyagintsev mit der russischen Community, geht anhand eines sich trennenden Pärchens jedoch insbesondere darauf ein, wie sich der Russland-Ukraine-Konflikt auf diese auswirkt. Dabei geht es nicht immer ganz so subtil zur Sache wie zuvor noch in „Leviathan“. Spätestens dann, wenn die weibliche Hauptfigur Zhenya einen Trainingsanzug mit großem „Russland“-Aufdruck trägt, dann weiß man, wer hier wen repräsentieren soll. Doch „Loveless“ ist nicht bloß Kriegsparabel, sondern auch Liebesfilm, Selbstfindungsstudie und Entführungsdrama – und in dieser Kombination ist der Film dann auch richtig gut

Webseite: www.alpenrepublik.eu

Nelyubov
Russland / Frankreich / Belgien/ Deutschland 2017
Regie: Andrey Zvyagintsev
Darsteller: Maryana Spyvak, Alexey Rozin, Matvey Novikov, Marina Vasilyeva
Länge: 127 Min.
Verleih: Alpenrepublik Filmverleih / Central Film
Kinostart: 15.3.2018

FILMKRITIK:

Zhenya (Maryana Spivak) und Boris (Aleksey Rozin) lassen sich scheiden. Infolge dessen liefern sie sich einen erbitterten Rosenkrieg, unter dem vor allem einer zu leiden hat: der gemeinsame Sohn Alyosha (Matvey Novikov), den keiner von beiden so wirklich haben wollte. Anstatt sich um den 12-jährigen Jungen zu kümmern, widmen sich die beiden Eltern lieber ihren neuen Liebschaften, bis Alyosha eines Tages spurlos verschwunden ist. Obwohl die Ehe des Paares in Scherben liegt und selbst kleine Differenzen sofort in einen handfesten Krach münden, müssen Zhenya und Boris zusammenarbeiten, um Polizei und Freiwilligen bei einer groß angelegten Suchaktion zu helfen. Doch Alyosha taucht nicht mehr auf – und mit der Zeit scheinen auch die Eltern ihr Interesse an der Wiederkehr des gemeinsamen Sohnes zu verlieren…

In einer der bedrückendsten Szenen im aufgrund der allgegenwertigen Abwesenheit von Liebe treffend betitelten „Loveless“ sehen wir erst lautstark das Paar miteinander streiten, eh wir entdecken, dass der kleine Alyosha die Differenzen seiner Eltern hautnah miterlebt hat. Das Schlimme daran: In dem Krach ging es einzig und allein um die Frage, wer den gemeinsamen Sprössling nun notgedrungen zu sich nehmen muss, oder ob sich nicht vielleicht auch ein Platz in einem Internat finden lässt; den Jungen möchte man nach einer derart offensichtlichen Abneigungsbekundung jedenfalls nur noch in den Arm nehmen. Damit, den beiden Elternteilen nun lediglich Antipathie gegenüberzubringen, ist es in „Loveless“ allerdings nicht getan. Zwar findet sich unter den erwachsenen Figuren kaum ein Zeitgenosse, mit dem sich auch nur irgendwie sympathisieren ließe, doch die Drehbuchautoren Aleksey Zvyagintsev und Oleg Negin (arbeiteten auch bereits für „Leviathan“ zusammen) legen viel Detailarbeit in die Ausformung sämtlicher ihrer Charaktere. In diversen, mitunter schmerzhaft ehrlichen Dialogen ergründet „Loveless“ nach und nach die Befindlichkeiten seiner Figuren – und nicht zuletzt die Hintergründe, was sie zu solchen machte. Die Beweggründe derselben muss man anschließend immer noch nicht nachvollziehen können, doch zu einfachen Antagonisten degradiert Zvyagintsev seine Charaktere nie.

Als Zuschauer muss man sich trotzdem immer wieder daran erinnern, dass die von Maryana Spivak („Space Dogs 2“) und Aleksey Rozin („Leviathan“) mit viel Aufopferungsbereitschaft gespielten Ex-Liebenden keine hassenswerten Rabeneltern sind. Die zweite Hälfte macht es einem da leichter, wenn „Loveless“ vom authentischen Scheidungsdrama zum hochdramatischen Entführungsfilm wird, der sich bis zur buchstäblich aller letzten Sekunde partout nicht in die Karten schauen lässt. Aus der Zeichnung des Umfeldes beider Figuren ergibt sich schnell, dass Zvyagintsev in wesentlich größeren Dimensionen denkt; sein Film behandelt mitnichten bloß eine einzelne Trennung, stattdessen lassen sich die wesentlichen Brandherde des Russland-Ukraine-Konflikts eins zu eins auf Boris und Zhenya übertragen. Unter diesen Umständen ist es umso interessanter, was den zwischen den Fronten stehenden Alyosha am Ende für ein Schicksal ereilen wird.

Trotzdem hätte es der Filmemacher dabei belassen können, seine Parabel anhand subtiler Details aufzuziehen. Wenn Zhenya eines merkwürdigen Schönheitswahnes frönt, während sich ihr Noch-Ehemann in einer Firma mit einem befremdlichen Verständnis für Privatsphäre abrackert, genügt das, um ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Person welche Position repräsentieren soll. Stattdessen opfert Zvyagintsev zu viel Zeit für lange Plansequenzen, lediglich unterlegt von Nachrichtenfetzen über den Russland-Ukraine-Konflikt oder bildet sogar zeitweise nur den Fernseher ab, auf dem in aller Ausführlichkeit das aktuelle politische Geschehen diskutiert wird. Noch nicht einmal die (zugegebenermaßen nicht sehr tiefschürfende) Bedeutung des Titels darf sich der Zuschauer selbst zusammenreimen. Stattdessen heißt es irgendwann „Wo keine Liebe, dort kein Leben“ – darauf wären wir auch alleine gekommen.

Trotzdem ist „Loveless“ ein bis zuletzt unberechenbarer und spannender Film. Gerade dann, wenn sich die Macher eben wirklich nur auf den schwelenden Konflikt zwischen den beiden Eltern konzentrieren und sich aus vielen Szenen kaum ablesen lässt, ob man nun mit ihnen leiden, oder ihnen die Ungewissheit ob ihres vermissten Sohnes nicht doch irgendwie gönnen soll, appelliert Andrey Zvyagintsev auch an den Zuschauer, sich nicht bloß vom äußeren Schein beeinflussen zu lassen, sondern die Hintergründe der Figuren miteinzubeziehen. All das macht „Loveless“ gewiss nicht zu einem Film, den man zwingend mehr als einmal gesehen haben muss. Er ist unbequem und durchweg freudlos. Doch für dieses einmalige Erlebnis einer komplexen, politisch unterfütterten und bis zuletzt undurchschaubaren Charakterstudie über zwei hochkomplizierte Menschen, hätte „Loveless“ den Oscar als bester Film – und möglichst viele Zuschauer – dennoch verdient.

Antje Wessels

Russland unter Putin – eine Gesellschaft, in der Materialismus und Egoismus den Ton angeben, in der Gleichgültigkeit und Herzenskälte vorherrschen. So jedenfalls sieht es Regisseur Andrey Zvyagintsev („Leviathan“) in seinem neuen Film: Ein heillos zerstrittenes Ehepaar lebt in Scheidung und bereitet mit anderen Partnern eine neue Zukunft vor – zum Leidwesen des zwölfjährigen Sohnes, der nach einem erbitterten Streit der Eltern spurlos verschwindet. Beklemmendes, realistisches Drama, das für den Oscar als „Bester Fremdsprachiger Film“ nominiert ist.

„Loveless“ – lieblos: Dieser Filmtitel signalisiert eine fast schon programmatische seelische Grausamkeit. Mehr noch: Der Hass, mit dem sich hier die Menschen bekämpfen, entfacht beim Zuschauer eine aufrüttelnde Beklemmung, die den ganzen Film über anhält. Zhenya und Boris fechten einen Scheidungskrieg aus, in dem alles erlaubt ist: Wut, Beleidigungen, Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen, Rachsucht. Noch leben sie in einem hässlichen Hochhaus am Stadtrand zusammen, doch die Wohnung steht zum Verkauf. Leidtragender ist Alyosha, der zwölfjährige Sohn der beiden. Sein Schmerz und seine Einsamkeit nimmt niemand war. Am nächsten Tag, nach einem erbitterten Streit der Eltern, ist der Junge verschwunden. Bis Zhenya und Boris das Verschwinden bemerken, vergeht einige Zeit – beide haben neue Partner, denen sie ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Neue Lebensentwürfe und frische Gefühle sollen die Vergangenheit überdecken. Die Polizei kann nicht helfen – Jugendliche reißen schon mal aus und kommen bestimmt bald wieder. Eine ehrenamtliche, straff geführte Hilfsorganisation nimmt die Suche in die Hand. Nun beginnt eine Odyssee durch Wälder und Parks, Krankenhäuser und Leichenhallen, Nachbarschaftswohnungen und Treppenhäuser, zu Verwandten und Mitschülern. Alyosha bleibt verschwunden.

Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev, 2015 mit dem hervorragenden Drama „Leviathan“ in den Kinos, entwirft mit seinem neuen Film ein tristes, realistisch gezeichnetes Kaleidoskop der menschlichen Gleichgültigkeit und Herzenskälte, das einen mitunter schaudern lässt. Die Menschen im postsozialistischen Russland, im Russlands Putins vor allem, hängen nur noch ihrer Sehnsucht vom materiellem Wohlstand und erfülltem Sex nach. Alltagsgegenständen verleiht der Regisseur darum eine metaphorisch überhöhte Bedeutung. Immer wieder der Blick auf Smartphones und Fernseher, auf Heimtrainer und Kaffeemaschinen, auf Kantinentabletts und das modern eingerichtete Schlafzimmer von Zhenyas neuem Liebhaber. Die Figuren definieren sich über ihren Status und Erfolg, ihn zu verlieren ist die größte Angst. So muss zum Beispiel Boris seinem Arbeitergeber, einem christlich-orthodoxen Fundamentalisten, der nur „Der Bärtige“ genannt wird, die Scheidung verschweigen, sonst würde er entlassen. Gespräche mit Kollegen in der Kantine über das Thema finden nur unter dem Mantel der Verschwiegenheit statt. Als Gegengewicht zur Gleichgültigkeit fungiert der engagierte und erfahrene Leiter der Hilfsorganisation – ein Fremder, der sich bedingungslos und unentgeltlich für die Suche nach dem Kind einsetzt. Er ist so etwas wie ein Anker, der – so sieht es zumindest der Regisseur – der fortschreitenden Entmenschlichung in Russlands Gesellschaft Halt und Orientierung entgegensetzt. Am Schluss blickt die Kamera noch einmal auf den majestätischen Baum, an dem der Zuschauer zu Beginn Alyosha ein letztes Mal gesehen hatte. Er ist von den Ereignissen unberührt. Und doch hat Alyosha ein Zeichen im Wipfel hinterlassen.

Michael Ranze