Lucie & Maintenant

Auf den Spuren des argentinischen Autors Julio Cortázar und seiner Frau Carol Dunlop bewegen sich das französische Künstlerpaar Océane Madelaine und Jocelyn Bonnerave durch Frankreich. Sie reisen langsam von Paris nach Marseille, leben auf der Straße und den Rastplätzen an ihrem Rand und suchen nach Erkenntnis. Das tut auch der Zuschauer in diesem kryptischen Essayfilm, der mit Roadmovie Elementen spielt, aber in jeder Hinsicht ein Nischenprodukt ist.

Webseite: www.peripherfilm.de

Schweiz, Frankreich 2007
Regie: Simone Fürbringer, Nicolas Humbert, Werner Penzel
Buch: Simone Fürbringer, Nicolas Humbert, Werner Penzel, nach dem Buch: „Die Autonauten auf der Kosmobahn oder eine zeitlose Reise zwischen Paris und Marseille“ von Julio Cortázar und Carol Dunlop
Darsteller: Océane Madelaine, Jocelyn Bonnerave
85 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: peripher
Kinostart: 19. Juni 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Eine lange Texteinblendung informiert am Anfang von „Lucie & Maintenant“ über den Ausgangspunkt des folgenden. Man erfährt, dass im Mai 1982 der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar und seine Frau Carol Dunlop eine Reise auf der berühmten autoroute du soleil unternommen haben, die Paris mit Marseille, dem Tor zum Mittelmeer verbindet. Dabei war nicht das Meer ihr Ziel, sondern der Weg. Sie stellten folgende Regeln auf: Jeder Rastplatz sollte besucht werden, allerdings nicht mehr als zwei pro Tag. Auf dem zweiten sollte das Nachtlager aufgeschlagen werden und während der gesamten Reise sollte die Autobahn nicht verlassen werden. Statt der gewöhnlichen gut siebenstündigen Fahrt dauerte die Reise über einen Monat und brachte das Reisetagebuch „Die Autonauten auf der Kosmobahn oder eine zeitlose Reise zwischen Paris und Marseille“ hervor. Als letzte Information bekommt der Zuschauer noch mit auf den Weg, dass sich 25 Jahre später Océane Madelaine und Jocelyn Bonnerave aufgemacht haben, die Reise zu wiederholen.

Und dabei verfolgen die Filmemacher das Paar. Man sieht Aufnahmen von Fahrten auf der Autobahn, beobachtet das Treiben auf den immer gleich aussehenden Rastplätzen und sieht Bonnerave beim Schreiben von Tagebucheinträgen zu. Möglicherweise wird aus ihnen vorgelesen, vielleicht sind die gelegentlich eingestreuten Voice Over-Kommentare aber auch Auszüge aus Cortázars Buch, man erfährt es nicht. Ebenso wenig wie über Madelaines oder Bonnereves Intentionen berichtet wird oder gar über die Cortázars und Dunlops. Weder über Cortazárzs Einfluss als Autor, der mit seinen offenen literarischen Strukturen als einer der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas gilt (und dessen Kurzgeschichte „Blow Up“ Vorlage zum Film von Michelangelo Antonioni war) noch über die künstlerische Tätigkeit Madelaines und Bonnerave erfährt der Zuschauer irgendetwas.

Die Regisseure Simone Fürbringer, Nicolas Humbert und Werner Penzel machen es sich und dem Zuschauer also alles andere als einfach, einen Zugang zu „Lucie & Maintenant“ zu finden. Bisweilen braucht es schon sehr viel Geduld, um bei all den betont „poetischen“ Alltagsbildern, in denen Gräser im Wind flattern, leere Wasserflaschen langsam den Beton entlang rollen oder eine Raupe beim Krabbeln beobachtet wird, nicht abzudriften. Ein bisschen zu sehr verlieren sich die Autoren hier im Nichts, versuchen ein reines Beobachten von Alltäglichem zu einer Erkenntnis zu überhöhen. Doch der fehlende Kontext des Films, dessen Intention weitestgehend in der Luft hängt, verhindert über weite Strecken, das aus auf den ersten Blick banalen Beobachtungen etwas Größeres wird.

Michael Meyns