Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod

Einen allegorisch überbordenden und in seiner Wirkung schmerzhaften Film hat der Spanier Álex de la Iglesia mit seiner Ballade vom traurigen Clown vorgelegt. Lachen lässt sich allenfalls über die grotesken Einfälle des als Spezialist für Horror- und Splatterfilme geltenden Regisseurs, der hier mit grandioser Ausstattung und üppiger Bebilderung von den physischen und psychischen Wunden, mit denen Spanien nach den Bürgerkriegs- und Franco-Jahren gezeichnet war, erzählt. So wüst manche Szene auch ist: ein Fest für die Augen ist diese alptraumhafte Parabel allemal. Bei den Filmfestspielen in Venedig 2010 wurde „Mad Circus“ für die beste Regie und das beste Drehbuch ausgezeichnet.

Webseite: www.kochmedia-film.de

OT: Balada triste de trompeta
Spanien/Frankreich 2010
Regie: Álex de la Iglesia
Darsteller: Carlos Areces, Antonio de la Torre, Carolina Bang, Santiago Segura, Sancho Garcia, Manuel Tejada, Manuel Tallafé, Alejandro Tejeria
106 Minuten
Verleih: Koch Media GmbH, Vertrieb: Cine Global
Kinostart: 8.12.11

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es sind schwere Zeiten im Madrid des Jahres 1937. Zu lachen gibt es wenig. Erst recht nicht mehr, als republikanische Regierungstruppen die Manege eines Wanderzirkus stürmen und vom Artisten bis zum Tierpfleger Rekruten für den Kampf gegen Francos Putschisten zwangsverpflichten. Es ist ein verzweifelter, blutiger Krieg, in den der „Dumme August“ (Santiago Segura) hier gezwungen wird – und Álex de la Iglesia inszeniert ihn als wütenden Amoklauf, als gewalttätiges Massaker. Für den weißgeschminkten Clown endet er nach dem Sieg der Franquisten in einem Arbeitslager. Seinem damals achtjährigen Sohn Javier gibt er auf dem Sterbelager noch mit, dass, wenn es schon nichts mehr zu lachen gibt, wenigstens Rache zu üben und Angst und Schrecken zu verbreiten.

Über 30 Jahre später ist aus dem schüchternen und dicklichen Buben (Carlos Areces) tatsächlich ein Clown geworden – aber eben ein zutiefst trauriger. Für Heiterkeit unterm Zirkuszelt sorgt Sergio (Antonio de la Torre), der seine Truppe jedoch ähnlich diktatorisch und brutal führt und behandelt wie General Franco sein Regime. Seine Verachtung vor den Menschen macht dabei auch vor der hübschen Trapezkünstlerin Natalia (Carolina Bang), in die auch Javier sich verliebt hat, nicht Halt. Nachdem der wiederholt betrunkene Sergio nicht nur sie wieder drangsaliert und misshandelt, sondern auch ihn auf grausame Weise gedemütigt hat, schlägt der sonst eher sanftmütige Javier zurück und wird selbst zur Bestie und auf seiner Flucht schließlich gar – wenn auch nicht freiwillig – zum wilden Tier. Mit all diesen Figuren muss man letztlich eher Mitleid haben, als man ihnen Sympathie entgegen bringen kann. Das Leiden regiert hier eben bis zuletzt, aber auf eine fesselnde Weise.

Was einen vor Entsetzen immer tiefer in den Kinosessel sinken lässt, das ist die immer weiter angezogene Spirale der Gewalt, die die Menschen hier zu Monstern aus einem Alptraum werden lässt. Die Hauptfiguren mögen dabei stellvertretend und symbolisch für das spanische Dilemma stehen: Sergio verkörpert das Franco-Regime, Javier den Widerstand, Natalie den Masochismus, von dem sich das Land bis heute nicht wirklich erholt hat. Immer wieder kokettiert Álex de la Iglesia aber auch mit dem sich in jener Zeit in Spanien äußernden Surrealismus in der Kunst. Der Zirkus steht dabei als Metapher für den Wahnwitz in einer Welt, der jeglicher Realitätssinn abhanden gekommen ist.

Dass man sich bisweilen in einem Irrenhaus wähnt, dafür sorgen außerdem verschiedene Nebenfiguren, darunter etwa jener Motorradartist, der als „menschliche Kanonenkugel“ regelmäßig an Hauswände schellt. Anders als die makabre Idee vom menschlichen Hau-den-Lukas oder einem heißen Bügeleisen auf der Backe erlaubt einem dieser Running Gag trotz der immer wieder unsanften Landungen letztlich doch immer wieder ein kurzes, erleichterndes Aufatmen – frei nach dem Motto: schön, wenn der Schmerz nachlässt. Mit seiner insgesamt übersteigerten, ja fast opernhaften Dramaturgie und einer bis in die Tiefen der Sets überbordenden Ausstattung bleibt „Mad Circus“ insgesamt aber ein großartiges cineastisches Spektakel, das nicht ganz so einfach zu konsumieren ist wie Álex de la Iglesias vorangegangene schwarze Komödien wie „Allein unter Nachbarn“ (2000) oder „Ein ferpektes Verbrechen“ (2004), seine Wirkung aber dennoch nicht verfehlt.

Thomas Volkmann

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