Madame Bovary

Emma Bovary, Gustave Flauberts berühmte Romangestalt, erwacht in Sophie Barthes Verfilmung zu neuem Leben. Als verwöhntes Gör spielt Mia Wasikowska sie, als junge Frau, die mehr vom Leben will, als ihr die Gesellschaft zugesteht. Das ist gleichermaßen nah an der Vorlage und öffnet doch einen interessanten Blick auf die Gegenwart.

Webseite: www.warnerbros.de

Großbritannien/ Belgien 2014
Regie: Sophie Barthes
Buch: Sophie Barthes & Felipe Marino, nach dem Roman von Gustave Flaubert
Darsteller: Mia Wasikowska, Henry Lloyd-Hughes, Ezra Miller, Paul Giamatti, Rhys Ifans, Logan Marshall-Green
Länge: 118 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 17. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Allein mit ihrem Vater wächst Emma (Mia Wasikowska) auf und wird schon in jungen Jahren mit dem Landarzt Charles Bovary (Henry Lloyd-Hughes) verheiratet. Eine arrangierte Heirat zwar, doch eine verhältnismäßig angenehme, hat Charles doch ein gutes Auskommen und ist in seinem Dorf eine anerkannte Person. Doch Emma will mehr. Ihre Hoffnungen an das Eheleben erfüllen sich nicht, und so flüchtet sie sich in den Luxus, mit dem der umtriebige Händler Monsieur Lheureux (Rhys Ifans) ihr das mondäne Paris ins Haus bringt. Allerdings zu einem Preis. Immer mehr Schulden macht Emma, um sich und den Männern zu gefallen, die sie in Gestalt des Marquis (Logan Marshall-Green) und des jungen Kanzleigehilfen Leon (Ezra Miller) umschwirren. Doch während Emma auf einen Ausweg aus ihrem kleinen Leben hofft, ist sie für die Männer nur ein Zeitvertreib. Die einzige Möglichkeit zur Flucht ist angesichts von unermesslichen Schulden und dem unausweichlichen sozialen Abstieg nur der Freitod.

Bis auf einige Kürzungen folgt Sophie Barthes in ihrer Verfilmung präzise der berühmten Vorlage Gustave Flauberts, die schon etliche Male Vorlage war. Warum also diese Neuverfilmung? Was hat Flauberts Madame Bovary über die Gegenwart zu erzählen? Eine ganze Menge, denn Barthes taucht in Kostüm und Ausstattung zwar tief in das 19. Jahrhundert ein, hat mit Mia Wasikowska aber eine junge und sehr moderne Hauptdarstellerin engagiert, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 24 Jahre alt war (und damit etwa deutlich jünger als die fast 40jährige Isabelle Huppert in der Chabrol-Version des Stoffes), was zum einen näher an der Vorlage ist, zum anderen interessante Interpretationen eröffnet.

Für ein paar Momente mag man zu Beginn glauben, dass Madame Bovary ausschließlich ein Opfer der Umstände ist, ein Opfer der Zeit, in der sie ohne ihren zukünftigen Mann zu kennen verheiratet wird und fortan nur die Funktion hat, ihm eine gute Ehefrau zu sein. Dass sie in der Einsamkeit des Dorfes nach ein wenig Luxus verlangt, sich das Leben ein wenig schöner machen will, kann man da gut verstehen. Doch nach und nach wird im Minenspiel Wasikowskas deutlich, dass diese Madame Bovary nach mehr strebt, dass sie nach einem Leben verlangt, das die Gesellschaft nicht für sie vorgesehen hat.

Während Charles sich damit zufrieden gibt, ein beschauliches Dasein als Landarzt zu führen, träumt Emma vom kulturellen Leben in Rouen oder gar Paris, von Musik und Literatur und nicht zuletzt von der Liebe. Doch ihre Affären erweisen sich als Chimären, die Hoffnungen auf einen Ausbruch aus ihrer Existenz zerbersten, was nur zum Teil auf die Konventionen der Zeit zurückzuführen ist.

Heutzutage ist die westliche Gesellschaft zwar theoretisch durchlässig, doch das Versprechen eines sozialen Aufstiegs, eines Leben in Luxus, wie es die Werbung verspricht, ist oft nicht mehr als das: ein Versprechen, das meist unerfüllt bleibt. Mit ihrem Schmollmund wirkt Mia Wasikowska dabei wie ein verhätscheltes, verwöhntes Gör, das das neue iPhone nicht bekommen hat, dass die Kosten ihres Lebens nicht versteht. Die Äußerlichkeiten haben sich zwar verändert, doch das Verhalten dieser jungen Frau wäre auch in der Gegenwart nicht Fehl am Platz und genau das macht diese „Madame Bovary“ Verfilmung so zeitgemäß und modern.
 
Michael Meyns