Mademoiselle Hanna und die Kunst, NEIN zu sagen

Eine anarchistische Sitten- und Culture-Clash-Komödie aus Frankreich, die es schafft, kühn zwischen Leichtfüßigkeit und Tiefgründigkeit zu wechseln. Dabei fehlt es der Geschichte um konfliktreiche Geschwisterliebe, traumatische Familiengeheimnisse und Identitätssuche, hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen, nicht an genretypischen Klischees. Regisseurin Baya Kasmi (Drehbuch zu "Der Name der Leute") scheut sich in ihrem ersten Spielfilm nicht, kontroverse Themen ins Visier zu nehmen. Die Französin mit algerischen Wurzeln schöpft dabei aus eigener Erfahrung. Mit souveräner Selbstironie glänzt in ihrem unverkrampften Debüt Agnès Jaoui vom Dreamteam des französischen Arthousekinos.    

Webseite: www.mademoisellehanna.x-verleih.de

OT: Je suis à vous tout de suite
Frankreich 2015
Regie: Baya Kasmi
Drehbuch:  Baya Kasmi, Michel Leclerc
Darsteller: Vimala Pons, Mehdi Djaadi, Agnès Jaoui, Ramzy Bedia, Laurent Capelluto, Claudia Tagbo, Camélia Jordana, Anémone
Länge: 100 Minuten
Verleih:  X-Filmverleih
Kinostart: 14. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

„Ich kann einfach nicht Nein sagen, das ist eine Familienkrankheit“, weiß Hanna (Vimala Pons). Die freiheitsliebende 30jährige genießt zwar das Pariser Großstadtleben. Doch ihr Job als Leiterin einer Personalabteilung stürzt die Tochter eines algerischen Lebensmittelhändler  (Ramzy Bedia) und einer französischen Therapeutin (Agnès Jaoui) immer wieder in Konflikte. Denn Mitarbeitern zu kündigen bringt sie kaum übers Herz. In falschverstandenem Mitleid schläft die freizügige junge Frau deshalb quasi als „Abfindung“ mit den Gefeuerten.
 
Vor allem ihr strengreligiöser Bruder Hakim (Mehdi Djaadi), der immer noch bei den Eltern wohnt, hat dafür nicht das geringste Verständnis. Für ihn benimmt sich seine extrovertierte Schwester einfach nur aufreizend. Und so liegen die beiden im Dauerclinch. Als Hakim erkrankt und dringend eine neue Niere braucht, um zu überleben, spitzt sich die Situation zu. Denn seine Schwester wäre die ideale Spenderin. Doch das Geschwisterpaar hat sich bereits soweit entzweit, dass beide sich eine solche Transplantation kaum vorstellen können. Zudem sieht der stolze Hakim, trotz seiner Krankheit seine Zukunft in Algerien. Um seinen arabischen Wurzeln näher zu kommen, wandert er mit seiner jungen Frau samt Kleinkind aus. Hanna hingegen verdrängt zunächst und stürzt sich in ein Liebesabenteuer mit einem charmanten Arzt (Laurent Capelluto), der sie fälschlicherweise für eine Prostituierte hält.
 
In Rückblenden erschließt sich, was beide Geschwister trennt und zugleich schicksalshaft verbindet. Hanna wurde von ihrem Kinderarzt sexuell missbraucht. Hakim war dabei als jüngerer Bruder hilfloser Zeuge. Dieses traumatische Familiengeheimnis belastet zusätzlich zum innerfamiliären Cultur-Clash ihre Beziehung.
 
Regisseurin Baya Kasim hat sich in ihrem Spielfilmdebüt viel vorgenommen. Fast scheint es unmöglich, sich diesen brisanten Themen unverkrampft zu nähern. Doch ihrer kritisch-tiefsinnigen Tragikomödie gelingt mit unnachahmlich französischem Esprit eine Wahrhaftigkeit, die am Ende überzeugt.
 
Mit einem Gespür für Lässigkeit, aber immer voller Zuneigung folgt der ambitionierte Film den Spuren seiner Protagonisten und porträtiert Menschen mit einem Schicksal, einer Seele, einem Gewissen. Hauptdarstellerin Vimala Pons, die ihre selbstbewussten Auftritte mit schlafwandlerischer Sicherheit setzt,  liefert ein kleines Wunderwerk aus beherzter Schauspielkunst. An ihrer Seite agiert als patente Mutter Agnès Jaoui vom Dreamteam des französischen Arthousekinos. Trotz ihres Erfolgs als Drehbuchautorin und Regisseurin, der es zusammen mit ihrem Ex-Partner Jean-Pierre Bacri, gelang die französische Sittenkomödie wiederzubeleben, steht die preisgekrönte Schauspielerin („Unter dem Regenbogen“) weiterhin für Kollegen vor der Kamera und bereichert mit ihrer Intensität das Ensemble.
 
Luitgard Koch