Magic Mike

Ein Film über männliche Stripper. Aber auch eine Studie über den Niedergang amerikanischer Männlichkeit in Zeichen der Wirtschaftskrise. Als das und viel mehr ist Steven Soderberghs brillanter Film „Magic Mike“, der lose auf den Erfahrungen von Hauptdarsteller Channing Tatum basiert und selbst im bemerkenswerten Oeuvre Soderberghs herausragt.

Webseite: www.magicmike-derfilm.de

USA 2012
Regie: Steven Soderbergh
Buch: Reid Carolin
Darsteller: Channing Tatum, Matthew McConaughey, Olivia Munn, Alex Pettyfer, James Martin Kelly
Länge: 110 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 16. August 2012

PRESSESTIMMEN:

Ein sympathisches Sozialdrama – mit fulminanten Tanzeinlagen.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Einmal mehr ist es das Leben, das die besten Geschichten schreibt. Als er selbst 18, 19 Jahre alt war, trat Channing Tatum für acht Monate als Stripper auf. Inzwischen ist er ein leidlich erfolgreicher Schauspieler, der nicht zuletzt wegen zahlreicher körperbetonter Auftritte in Actionfilmen eher als intellektuelles Leichtgewicht galt. Beim Dreh zu „Haywire“ jedoch erzählte er Steven Soderbergh von seiner Idee, einen Film über die Szene männlicher Stripper zu schreiben – und begeisterte Soderbergh so sehr, dass der gleich die Regie übernahm. So entstand für das winzige Budget von sieben Millionen Dollar „Magic Mike“, der weit mehr ist als ein lose autobiographischer Film über Tatums Erlebnisse.

Tatum selbst spielt den gut 30jährigen Mike, der viele Eisen im Feuer hat, mit diversen Jobs sein Geld verdient, unter anderem eben auch als Stripper. Zwar lebt er in einem netten Haus an der Küste Floridas, hat genug Geld zum Leben und offensichtlich keine Mühe, jede Nacht andere Frauen mit nach Hause zu nehmen, doch eigentlich strebt er nach Höherem. Das Strippen und all die anderen Geschäfte dienen Mike nur dazu, genug Geld zusammen zu sparen, um sich als Möbeldesigner selbstständig zu machen. Doch im Sommer 2011 liegt die amerikanische Wirtschaft brach und selbst für einen extrem charmanten Mann wie Mike ist es unmöglich, von seiner Bank den Kredit zu bekommen, der ihm den Absprung ermöglichen würde.

Und wie sehr der langsam notwendig wird, macht Mikes Doppelgänger, der 19jährige Adam (Alex Pettyfer) deutlich. Bei seinem Tagesjob als Dachdecker lernt er ihn kennen, nimmt ihn unter seine Fittiche und hat bald einen Konkurrenten aufgebaut, der ihn an sein jüngeres Ich erinnert. Sieht Adam nur den kurzfristigen Erfolg, die zahllosen Geldscheine, die kreischende Frauen in die Slips der Tänzer stecken, die Party, den Spaß, hat Mike all das langsam über. Zumal er in Adams Schwester Joanna (Olivia Munn) eine Frau kennen lernt, die ernsthafteren Zielen verschrieben ist.

Verkauft wird „Magic Mike“ in erster Linie als aufregender Blick hinter die Welt der männlichen Stripper. Der wird zwar auch geliefert, allerdings auf eher komödiantische Weise. Matthew McConaughey brilliert als Club-Manager Dallas und diverse Nebendarsteller überzeugen vor allem durch ihre muskulösen Schauwerte. Doch hinter dem wilden, bisweilen bizarren Treiben auf der Bühne verbirgt sich ein vielschichtiges Drama. Es ist kein Zufall, dass etliche der Strippnummern archetypische Figuren der amerikanischen Kultur wie Feuerwehrmänner, Soldaten, aber auch Tarzan und in Trenchcoat bekleidete Gangster darstellen. Bald stehen diese Typen ohne Kleidung dar, finden sich ebenso entblößt wieder wie der amerikanische Traum. Irgendwie sind die Ideale von Geld, Leben am Strand, sozialem Aufstieg zwar noch vorhanden, doch nicht nur Mike muss erfahren, wie schwer sie heutzutage noch zu erreichen sind.

Dementsprechend blass ist die Farbpalette, die Soderbergh gewählt hat. Keine Spur von den knalligen, satten Farben, die man meist mit dem Sonnenstaat Florida verbindet. Stattdessen dominieren kühle Töne, scheint ein Filter über den Bildern zu liegen, angesichts derer sich jegliche Illusion verbietet. Das Soderbergh einen solchen Film, einen solchen Look für ein so geringes Budget gedreht hat, macht „Magic Mike“, einer der besten amerikanischen Filme des Jahres, nur noch bemerkenswerter.

Michael Meyns

Das „Xquisite“ ist einer der heißesten Strip-Clubs der Stadt, doch nicht Mädchen strippen dort, sondern Männer. Jede Vorstellung ist voll besetzt, die Mädels erhitzen sich und kreischen wie die Teenies bei Justin Bieber. Der Chef heißt Dallas – ein durchtriebener, „fachlich“ exzellenter Kerl, der jedoch genau so aufs Geld aus ist wie auf gute Stripper für seinen Laden.

Und die hat er. „Magic Mike“ ist so einer. Sein Sex-Appeal, seine Körperbeherrschung, sein Breakdance, seine Show-Einfälle sind absolute Spitze. Man kann die Reaktion der Frauen verstehen.

Eines Tages trifft der auf den erst 19jährigen Adam, einen eher schüchternen jungen Mann, der nur von Gelegenheitsarbeiten lebt und so gut wie kein Geld hat. Mike schleppt ihn in den Laden von Dallas, dort könnte er Hilfsarbeiten machen. Dann muss er eines Tages völlig überraschend einen Stripper ersetzen, der ausfällt. Und siehe da: Mit seiner ungelenken, als Show verstandenen Art kommt er an. Und zwar besser als je zu erwarten war. Von da an ist er als „The Kid“ Mitglied der Truppe.

Adam hat eine Schwester, Brooke. Sie studiert, ist ernst und ruhig. Groß ist ihr Entsetzen, als sie eines Tages mitkriegt, was ihr Bruder Adam so treibt. Sie will mit so etwas nichts zu tun haben. Mike verguckt sich in Brooke. Als Stripper hat er aber null Chancen. Vorerst.

Adam schuldet nach einem missglückten privaten Auftritt mit Mike bei einer Mädchenschar brutalen Drogenhändlern (unter ihnen Dallas) viel Geld. Diese Dollars zurückzuzahlen ist ihm unmöglich. Mike ist es wieder, der ihm hilft. Und der aussteigt – während Adam auf eine große Stripper-Zukunft in Miami hofft. Für Mike zählt nur noch Brooke.

Soderbergh beweist erneut sein Talent. Was er hier aufgezogen hat, ist ein starkes Stück. Aber auch ein gutes Stück. Die Showteile sind von den Einfällen und von der Ausführung her absolut perfekt – auch wenn sie oft derb, zotig und schamlos ausfallen. Man darf nicht sensibel sein, dann gefällt’s einem.
Noch einmal: Soderbergh scheint unschlagbar zu sein.

Die Kerle, die hier auftreten, haben’s in sich. Man sieht und spürt, mit welchem Amüsement Channing Tatum, Alex Pettyfer oder Matthew McConaughey ihren Körpereinsatz zum Besten geben. Nicht zu vergessen Cody Horn als Brooke. Sie hat eine etwas undankbare Rolle. Füllt sie aber exzellent aus.

Eine perfekte, wenn auch „schamlose“ Soderbergh-Stripper-Komödie.

Thomas Engel